Don Giovanni in der Bayerischen Staatsoper: Kalter Katzenjammer

Lau dirigiert, halbherzig inszeniert und insgesamt gut gesungen: Der neue „Don Giovanni“ der Bayerischen Staatsoper schrammte mit Ach und Krach an einem Debakel vorbei
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Das Ende von Don Giovannis Fest in herzlos-kalter Kulisse: Auf dem Dach des Containers erscheint das greise Alter Ego der Hauptfigur.
Wilfried Hösl Das Ende von Don Giovannis Fest in herzlos-kalter Kulisse: Auf dem Dach des Containers erscheint das greise Alter Ego der Hauptfigur.

Lau dirigiert, halbherzig inszeniert und insgesamt gut gesungen: Der neue „Don Giovanni“ der Bayerischen Staatsoper schrammte mit Ach und Krach an einem Debakel vorbei

Drehende Container symbolisieren des modernen Menschen Unbehaustheit. Der vor dem Tod davonlaufende Don Giovanni spült im Anblick seines greisen Alter Ego den Frust mit einer Dose Bier hinunter. Im Zeichen der Gefühlskälte versammelt man sich auf seiner Party im Skianzug und tanzt mit Pinguinen. Wer bis dahin nicht verstanden hat, dass der Held ein Jäger sei, den lehrt es ein Raubtier auf der Videowand.

So banal kann das ausgelaugte Regietheater sein. Aber Stefan Kimmigs Inszenierung hat darüber hinaus scharf charakterisierende Einzelheiten zu bieten, die sich von der üblichen Mozart-Routine abheben. Den erfüllten Augenblick von „La ci darem la mano“ empfinden Giovanni und Zerlina so stark, dass sie gleich in einen Abgrund springen wollen. Zu ihrem oft so lähmenden Duett in der Scena ultima wagen Ottavio und Anna ein hoffnungsvolles Tänzchen, ehe sie zu den letzten Takten der Oper mit den gleichen tristen Autoritäten zusammenrumpeln, die soeben Don Giovanni zur Strecke brachten.

Das Hauptproblem heißt Kent Nagano

Gelungene Details reichen bei dieser Oper nicht. Ruiniert aber wurde der Abend jedoch durch Kent Naganos Beliebigkeit. Wie vielen auf Spätromantik und Moderne spezialisierten Dirigenten fällt ihm zu Mozart wenig ein. Am Anfang von „Dalla sua pace“ imitierte er halbherzig Harnoncourts Langsamkeit. Das Bayerische Staatsorchester begleitete Zerlinas zweite Arie und andere Nummern zwar mit warmherziger Transparenz. Doch ohne Emotionalität und freies Atmen missrät historisierend orientiertes Musizieren zum traurigblassen Abklatsch dessen, was René Jacobs & Co. mit mehr Gefühl für die Begleitung von Sängern tausend Mal besser können.

Kräftige Buhs straften den diesmal lauen Kalifornier ab. Der Unmut des Premierenpublikums traf auch die mit dem üblichen Überdruck singende Maija Kovalevska (Elvira) und die bei den mörderischen Koloraturen von Donna Annas „Non mi dir“ ins Schleudern geratene Amerikanerin Ellie Dehn. Die schwache Höhe des rauhen Phillip Ens (Komtur) störte den Olymp des Nationaltheaters dagegen nicht.

Gut gesungen

Erfreulicherweise war die Zerlina mit der kräftigen Laura Tatulescu gegen das neckige Soubretten-Klischee besetzt. Levente Molnár gab den tumben Kraftlackl an ihrer Seite glaubhaft, ohne ihn mit der Stimme ganz auszufüllen. Die übrigen Herren vermochten die Halbherzigkeiten der Aufführung fast aufzuwiegen: Pavol Breslik erlöste mit kraftvoller Eleganz den Ottavio vom Klischee des ewigen Bräutigams, Mariusz Kwiecien verführte als Don Giovanni mit lyrischen Eleganz und farbenreicher Gestaltung. In den sonst oft unsäglichen Verkleidungsszenen waren er und der mit schlankem, aber machtvollem Bass singende Alex Esposito (Leporello) einander zum Verwechseln ähnlich.

Kimmig hat vieles aus der Körperlichkeit der Darsteller entwickelt. Die Mühlen des Repertoires werden das Beste dieser Aufführung bald zermahlen und Banales wie die vergebens ihren Gefühlsüberschuss mit einer Wasserflasche abkühlend Elvira übrig lassen. Irgendwann musste nach Nikolaus Bachlers gelungener Auftakt-Saison ja der Katzenjammer kommen. Trösten kann nur, dass die findigen Gesangsscouts der Staatsoper auch ohne Stars mit jungen Sängern eine runde Besetzung zusammenbringen.

Robert Braunmüller

Wieder am 4., 7., 11., 14., 17. und 22. 11. im Nationaltheater, Restkarten 2185 1920

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