Dokfest München: KI, Sandra Hüller und 106 Dokumentarfilme

Das Dokfest München zählt zu den größten Dokumentarfilmfestivals Europas. Im vergangenen Jahr sahen sich etwa 36. 000 Besucherinnen und Besucher die Filme im Kino an. Vom 6. bis 18. Mai zeigt es in seiner 41. Ausgabe 106 Filme aus 49 Ländern – erstmals unter der Leitung von Adele Kohout. Sie folgt auf Daniel Sponsel, der an die Hochschule für Fernsehen und Film gewechselt ist.
41. Dokfest unter neuer Leitung
Kohout kennt das Festival bestens: Seit 18 Jahren ist sie Teil des Teams, seit 2016 war sie stellvertretende Geschäftsführerin. Einen radikalen Kurswechsel sieht sie nicht. "Für uns ist kein Bruch erkennbar – muss es auch nicht. Es geht darum, das Festival sinnvoll und nachhaltig weiterzuentwickeln."
Der Andrang ist so groß wie nie: 1440 Filme wurden eingereicht, rund zwei Drittel aus dem Ausland. Etwa 20 Mitarbeitende treffen eine Vorauswahl, ein Kernteam aus acht Personen kuratiert anschließend das Programm. "Das zeigt unsere internationale Reichweite", sagt Kohout.

Aus den Einreichungen entstehen die thematischen Reihen – nicht aus vorab festgelegten kuratorischen Vorgaben. Erst beim Sichten kristallisiere sich heraus, welche Themen Filmschaffende weltweit beschäftigen, so Kohout. Insgesamt 15 Reihen gibt es in diesem Jahr, von "HerStory" über "Eco Cinema" bis "Beyond Borders".
Neuerungen im Programm
Neu sind die sogenannten "Signature Filme": In jeder Reihe wird ein Titel besonders hervorgehoben und von Gesprächen mit Expertinnen und Experten begleitet. Überhaupt versteht sich das Festival stärker als Plattform für Austausch und Erlebnis. Neben Filmvorführungen gibt es etwa zum Film "Watching People Watching Birds" etwa Vogelbeobachtungen im Englischen Garten, Konzerte und Performances sowie erstmals eine Finissage mit prominenter Musikfilm-Premiere rund um die Sportfreunde Stiller, die in diesem Jahr ihr 30-jähriges Bandjubiläum feiern.

"Das Medium der Gegenwart"
Für Kohout ist der Dokumentarfilm aktueller denn je: "In einer Zeit von KI und synthetischen Bildern ist er das Medium der Gegenwart." Zur Gegenwart des Dokumentarfilms gehört allerdings auch der Einsatz von KI. Etwa im Schnitt oder bei der Rekonstruktion von Stimmen und Bildern. Das wird im Auswahlprozess zunehmend schwieriger zu erkennen. Eine Kennzeichnungspflicht gibt es nicht. "Am Ende basiert alles auf Vertrauen – und auf der Frage von Autorenschaft und Haltung." Die Möglichkeit der Manipulation beginne schließlich nicht erst beim Einsatz von KI, sondern schon beim Schnitt, also bei Auswahl und Anordnung des Materials.
Auch bei der Geschlechterparität setzt Kohout auf Bewusstsein und Reflexion statt auf starre Regeln. Ohne formale Quotenvorgaben achte das Team darauf, etwa die Hälfte der Filme von Frauen im Programm zu haben. "Das ist etwas, das wir bewusst mitdenken – nicht formal, sondern aus Überzeugung", so Kohout. Dabei gehe es um Fragen wie: Wer erzählt? Wessen Perspektive wird sichtbar?
Auch das Team des Festivals ist überwiegend weiblich, mit zwei Frauen an der Spitze. "Das zeigt, dass es durchaus anders gehen kann", sagt Kohout. Gleichzeitig sieht sie ein strukturelles Problem in der Filmbranche: Gerade der Dokumentarfilm mit seinen langen Entwicklungszeiten sei schwer mit Familie zu vereinbaren. Während das Verhältnis an Filmhochschulen weitgehend ausgeglichen sei, verliere die Branche später viele Frauen – auch wegen langer Produktionszyklen und prekärer Arbeitsbedingungen, die sich nur schwer mit Familienplanung verbinden lassen.
Der Eröffnungsfilm
Eröffnet wird das Festival mit einem Porträt einer beeindruckenden Frau: "Ingeborg Bachmann – Jemand, der ich einmal war" von Regina Schilling verbindet dokumentarische Elemente mit Spielszenen. Sandra Hüller verkörpert die Schriftstellerin Ingeborg Bachmann, deren Leben anhand von Archivmaterial, Interviews und Texten nachgezeichnet wird – von der Kindheit in Kärnten bis zu ihren letzten Tagen in Rom.
Gezeigt werden die Filme in 23 Kinos und Spielstätten, darunter neu das Theatiner Filmtheater und das Monopol Kino. Weitere Orte, die nicht Kino sind, finden sich in der Pinakothek der Moderne, den Kammerspielen, dem Literaturhaus und dem NS-Dokumentationszentrum sowie der Pasinger Fabrik.
Programm und Tickets gibt es unter dokfest-muenchen.de sowie an der Hochschule für Fernsehen und Film und an den Abendkassen der Spielorte. Wer nicht ins Kino will, kann viele Filme auch zu Hause sehen: Vom 11. bis 25. Mai sind rund 80 Prozent des Programms online für fünf Euro pro Film abrufbar.
Film-Empfehlungen von Leiterin Adele Kohout
MARIINKA "Das ist ein unglaublich unter die Haut gehendes Porträt zweier Brüder aus der Ukraine, die gegeneinander kämpfen. Der Film zeigt ganz eindrücklich, was Krieg mit Familie, Beziehungen und Identität macht. Der Film ist sehr poetisch erzählt und hat Sequenzen, die spielfilmhaft sind. Ein intensiver Film."
8.5. 16 Uhr, Atelier 1
9.5. 18 Uhr, Rio 1
13.5. 20.30 Uhr, Neues Maxim
15.5. 20 Uhr, HFF-Kino 2
FINDING CONNECTION "Sehr spannend finde ich auch Finding Connection. Am Anfang denkt man vielleicht noch, das ist merkwürdig und kurios – Menschen, die Beziehungen zu KI-Chatbots aufbauen. Aber je länger man den Film schaut, desto mehr versteht man, dass es hier um Einsamkeit, Nähe und emotionale Bedürfnisse geht. Der Film überzeugt einen davon, dass das ein ernstzunehmendes Thema ist. Es ist ein ganz zarter Film."
7.5. 21 Uhr, Deutsches Theater
8.5. 18.30 Uhr, Atelier 1
13.5. 17 Uhr, HFF-Audimax
14.5. 16 Uhr, Neues Rottmann
LA PIETÁ "Ein weiterer Film, den ich sehr empfehlen kann. Er spielt in Island und beschäftigt sich mit dem Verschwinden der Gletscher. Das ist ein extrem poetischer, sehr ruhiger Film mit Bildern, die man sich teilweise wirklich an die Wand hängen möchte."
10.5. 13.30 Uhr, Atelier 2
11.5. 18 Uhr, HFF-Audimax
14.5. 20.30 Uhr, Neues Maxim
16.5. 21 Uhr, Filmmuseum
SINGING WINGS "Ganz anders, aber ebenso berührend, ist dieser Film über eine iranische Frau, die alles dafür tut, einen verletzten Storch zu retten. Das ist eine kleine, sehr warme Geschichte, die aber gleichzeitig viel über gesellschaftliche Strukturen und Widerstand erzählt."
7.5. 18 Uhr, HFF-Kino 2
9.5. 18 Uhr, Pasinger Fabrik
15.5. 21 Uhr, HFF-Audimax

WATCHING PEOPLE WATCHING BIRDS "Und dann gibt es auch leichtere, sehr besondere Arbeiten wie Watching People Watching Birds, in dem man Menschen dabei beobachtet, wie sie Vögel beobachten – mit viel Humor, Ruhe und einer gewissen Skurrilität. Genau diese Bandbreite macht für mich das Dokumentarfilmfestival aus."
8.5. 18 Uhr, Rio 1
10.5. 11 Uhr, Theatiner Kino
12.5. 20 Uhr, Neues Maxim
14.5. 16 Uhr, HFF-Kino 2