Die Welt verstehen mit Kunst und Technik

Der Architekt und Designer befindet sich in dem Dreieck Kunst – Technik – Funktion.
| Andreas Vogler
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EyeInTheSky am Kubiz in Unterhaching.
Architecture and Vision – Arturo Vittori und Andreas Vogler EyeInTheSky am Kubiz in Unterhaching.

Ziel ist die praktische Umsetzung der Funktion etwas benutzbar zu machen. Auch der Künstler benutzt Technik, doch das Ziel der Funktion ist subtiler. Kunst verändert Sichtweisen, macht aufmerksam und bringt den Betrachter im besten Fall zum Nachdenken. Auch der Architekt hat insgeheim den Wunsch dies mit seinen Gebäuden zu tun. Der Ingenieur scheint von dieser Dreifaltigkeit befreit und sich nur auf der Linie Technik – Funktion zu bewegen. Allerdings sind es gerade die Errungenschaften der Technik (= Ingenieursbaukunst), die ihre eigene kraftvolle und faszinierende Ästhetik entwickeln.

In unserem Studio in Schwabing versuchen wir uns in diesen Eckpunkten und entlang der Kanten zu bewegen, um unsere Fähigkeiten als Gestalter immer wieder herauszufordern. Gestaltung begreifen wir dabei als Über-Begriff, der sowohl dem Künstler, Architekten und Ingenieur innewohnt.

Dabei gilt es immer wieder die Rolle zu wechseln. Weshalb tun wir das? Die Moderne hat viele Konventionen der Kunst und Architektur gesprengt und immense Möglichkeiten eröffnet. Gleichzeitig entwickelt sich die Technik mit rasanter Geschwindigkeit. Wir glauben, dass das Ausloten dieser Möglichkeiten noch nie soviel Potential geboten hat wie heute.

Allerdings ist mit der Moderne auch die Innewohnende Einheit von Kunst – Technik – Funktion gesprengt worden und der Mensch als universeller Gestalter gespalten worden. Früh muss man sich für ein Fachgebiet entscheiden und es gibt keine anerkannte universelle Ausbildung mehr.

Wir möchten anhand von drei Beispielen einen kleinen Einblick in unsere Vorgehensweise zeigen. Bei dem Umbau des Schweizerischen Generalkonsulats in München ging es architektonisch darum einen Empfangsschalter zu schaffen. Sicherheitstechnisch waren die Auflagen der Durchbruch- und Durchschusssicherheit zu erfüllen.

Ein neues Produkt erlaubte großflächige Glasflächen, um eine offene und willkommende Architektur zu schaffen. Die Gegenlichtsituation führte aber zu einer ästhetisch unbefriedigenden Situation des unteren Teils des Schalters. Deshalb wurde dort eine Videoinstallation vorgeschlagen, die mit verschiedenen Elementen der Schweiz bespielt wird.

Für die ars-technica 2015 in Unterhaching ergab sich die Möglichkeit einer Installation im Kulturzentrum Kubiz. Daraus entstand das Projekt „EyeInTheSky“. Dabei wurde ein Eisenring mit programmierten LEDs ausgestattet und von 2 dichroitischen Plexiglasscheiben abgedeckt. Tagsüber sind die Oberflächen beinahe undurchsichtig und haben je nach Blickwinkel eine andere Farbe. Nachts erzeugen sie den Effekt eines endlosen Spiegels, der die Lichter der LEDs zu einer virtuellen Röhre formt und an die Tiefen des Weltalls erinnert. Die optischen Effekte eröffnen ein Tor in eine andere Welt.

Zuletzt eine Skulptur, die einerseits mit unserer Faszination der Erforschung des Weltalls zu tun hat, aber auch mit der menschheitsgeschichtlichen Wahrnehmung der Welt. Den Anlass bot der 400-jährige Jahrestag der Erfindung des Fernrohrs durch Galileo Galilei und der damit einhergehenden Erkenntnis, dass nicht die Erde, sondern die Sonne im Zentrum unseres Sonnensystems steht. Dafür haben wir 2009 in Chicago eine Skulptur für die Darstellung des Sonnensystems geschaffen: AtlasCoelestis.

Zwei Jahre später hatten wir die Möglichkeit, eine ähnliche Skulptur mit auf die Internationale Weltraumstation ISS zu schicken: AtlasCoelestisZeroG. Dabei ging es nicht nur darum, die Errungenschaften der menschlichen Erkenntnis und Wissenschaft zu feiern, sondern auch die faszinierende Welt der Schwerelosigkeit in einer Skulptur sichtbar zu machen. Dies wird durch dreizehn Metallringe erreicht, die ineinander versetzt mit Drehlagern ausgestattet sind und die Umlaufbahnen der Planeten symbolisieren. Die Technik tritt bei der Betrachtung der Schönheit der Bewegung in den Hintergrund.

Die Welt ist immer nur so, wie wir sie erfahren und in der Reflektion erkennen. Dabei ist unsere Sichtweise kulturell geprägt. Erwachsene sehen oft nicht mehr, was ein Kind noch sieht. Die Technik kann nie mehr als das, was wir erkannt haben. Die Kunst fördert das Erkennen. Mit unseren Projekten versuchen wir unsere Blickwinkel zu ändern, um das Wesentliche zu sehen und zu erkennen. Wir sind sowohl von Kunst und Technik inspiriert. Wir sehen darin keinen Widerspruch sondern eine Ergänzung in unserem Bestreben die Welt zu verstehen.

Dieses Verstehen der Welt ist irgendwo in dem Dreieck menschlichen Handelns im GREIFEN – BEGREIFEN – SPÜREN zu verorten. Also des physischen, mechanischen Austausches mit der Welt, des intellektuellen Austausches und des emotionalen Austausches. Deshalb ist nicht nur die Technik der Kunst dienlich, sondern auch die Kunst der Technik.


ars-technica 7 in Unterhaching vom 28.04.2017 - 01.05.2017

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