Die Story bleibt im Kopf

Der Medienkünstler Paul Pfeiffer erzählt seine Geschichten durch Bildpartien, die man gar nicht sieht. In der Sammlung Goetz sind jetzt rund 30 Arbeiten des Amerikaners zu sehen
| Christa Sigg
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Au, das tut weh! Oder auch nicht. Wrestling lebt halt von der Show. Und Paul Pfeiffer hat sich in der Videoinstallation „Caryatid“ pikante Szenen rausgepickt.
Sammlung Goetz Au, das tut weh! Oder auch nicht. Wrestling lebt halt von der Show. Und Paul Pfeiffer hat sich in der Videoinstallation „Caryatid“ pikante Szenen rausgepickt.

Die üppig geschminkten Augen sind geschlossen, die Wangen leicht gerötet, Schweiß glänzt auf der Stirn. Eine Frau liegt – wo auch immer – auf dem Rücken und atmet heftig durch den lüstern geöffneten Mund. Beklemmung macht sich breit, ein Vater schiebt seinen kleinen Sohn vorsichtshalber in den nächsten Raum. Doch der Porno auf dem Bildschirm entpuppt sich als Part einer Wrestling-Szenerie. Nach der attraktiven Blondine liegen noch ganz andere Kaliber erschöpft am Boden.

Ein Schwarzer stöhnt sich den Schmerz förmlich aus dem gepeinigten Leib, das wollen die Fans sehen in diesen zur Riesenshow aufgepumpten Catchereien. Dem Ausstellungsbesucher bietet Paul Pfeiffer kaum mehr als die Gesichter der Akteure, der Rest bleibt im Nebulösen. Überhaupt fehlt hier dauernd etwas. Gleich nebenan im oberen Geschoss der Sammlung Goetz tun sich „24 Landscapes” auf, Strandlandschaften, auf denen Meer und Himmel irgendwo am Horizont aufeinander treffen, im Vordergrund, am Uferstreifen, sammelt sich Gischt. Wenn viel passiert. Aber sonst?

Kurz vor ihrem Tod hat die Monroe hier in Santa Monica posiert mit diesem Lächeln, das nicht nur GIs kirre macht. Es soll Hardcore-Anhänger geben, die Pfeiffer auf den Kopf zusagen können, welches Porträt der Medienkünstler langerhand aus dem Foto genommen hat, gelöscht mit seinem digitalen Radiergummi. Und vielleicht sogar erlöst vom Schicksal der ewigen Sex-Ikone. So wie Pfeiffer den Boxheroen Muhammad Ali befreit hat. Gnadenlos nahm er ihn aus dem legendären Kinshasa-Fight, der als „Rumble in the Jungle” in die Sportgeschichte einging. Man sieht nur, wie sich der Ring bewegt, auf und abgeht im Pixeldunst.

Dieses Video aus dem Jahr 2001 – „The Long Count” – hat den 45-jährigen New Yorker aus Honolulu schnell bekannt gemacht. Denn wo andere mühevoll kombinieren und Detail auf Detail packen, lässt Pfeiffer einfach weg, entschlackt auf radikale Weise unsere Bilderwelten. Und kreiert so die aufregendsten Leerstellen, die sich rapide mit Geschichten füllen. Natürlich setzt er auf die Erinnerung. Unser Gehirn puzzelt erstaunlich gut, spult auf Knopfdruck immer wieder die alten Gassenhauer des Sehens ab und wird gleichermaßen angeregt, Bilder, Legenden, Mythen, Topoi neu zu schauen, zu überdenken, in Frage zu stellen.

Tom Cruise etwa zappelt in Shorts bäuchlings auf dem Sofa, eingefangen in einer Endlosschleife, und hat so gar nichts mehr vom cool witzelnden Hund, den er doch so gerne spielt. Gefoulte Fußballheroen krümmen sich im Fall, fast identitätslos ohne Nummer, ohne Ball und Gegner, wie ferngesteuert von einer fremden Macht. Das Rednerpult im Weißen Haus, von dem aus Staatstragendes in alle Welt hinaus strahlt, ist auf Puppenstubengröße geschrumpft und durch eine Sehluke zu bewundern.

Überhaupt schaut man bei Paul Pfeiffer gern in ferne Puppenstuben. Oder auf fein gedrechselte Modellbauten. Früher, als Kind, hat er diese selbstgebastelten Miniatur-Welten zuweilen mit Benzin übergossen und angezündet. Dabei ist der Mann ein sympathisch schüchterner Zweifler. An sich, an den Bildern, an der Welt. Und mehr kann in einer Puppenstube wirklich nicht stecken.

Bis 1. Oktober in der Sammlung Goetz, Oberföhringer Straße 103, Besichtigung nach Voranmeldung unter Tel.95939690

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