"Die Romanows" von Simon Sebag Montefiore

Glanz, Schwäche, Größe und Elend der russischen Dynastie: Simon Sebag Montefiores Buch „Die Romanows“
| Robert Braunmüller
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Der erste (Michail) und der letzte Romanow-Zar (Nikolaus II.) auf einer Münze von 1913.
Der erste (Michail) und der letzte Romanow-Zar (Nikolaus II.) auf einer Münze von 1913.

Glanz, Schwäche, Größe und Elend der russischen Dynastie: Simon Sebag Montefiores Buch „Die Romanows“

Zwei halbwüchsige Jungen, beide zerbrechlich, unschuldig und kränklich stehen am Anfang beziehungsweise Ende der Dynastie“, lautet der erste Satz. Simon Sebag Montefiore schneidet zu Beginn seines Buchs die Jahre 1613 und 1918 hart gegeneinander: den Neubeginn nach der „Zeit der Wirren“ und den Bürgerkrieg, in dem die Monarchie in Russland unterging.

Während Polen noch große Teile des Landes besetzt hielt, wählt eine Adelsversammlung 1613 Michail Romanow im halb zerstörten Moskauer Kreml zum Zaren. Den zu seiner Ermordung ausgesandten Kosaken entgeht er nur knapp. 305 Jahre später rückt die Tschechische Legion auf der Strecke der Transsibirischen Eisenbahn vor. Da befiehlt Lenin, den abgedankten Nikolaus II. und seinem halbwüchsigen Sohn Alexei mit dem Rest der Familie zu beseitigen.

Geschichte, spannend wie ein Roman

Montefiore, ein ausgewiesener Kenner der russischen Geschichte, erzählt in „Die Romanows“ auf über 1000 Seiten die Geschichte der Dynastie: von Michail über Peter den Großen über die Auffrischung der Dynastie durch das schleswig-holsteinische Geschlecht der Gottdorfs in der Mitte des 18. Jahrhunderts bis zum Ende nach der Revolution im Ersten Weltkrieg. Das Buch ist personenreich wie ein russischer Roman. Aber dreimal so spannend.

Montefiore mischt die Darstellung der politischen Geschichte mit einer Chronique Scandaleuse. Da haben die Russen einiges zu bieten: Peter der Große heiratet eine Bauerstochter, die als Katharina I. seine Nachfolgerin wird.

Russen-Klischees

Die Zarinnen des 18. Jahrhunderts sind die Marionetten rivalisierender Adelscliquen und deutschstämmiger Günstlinge, bis die energische Katharina II. ihren unfähigen Ehemann stürzt und selbst regiert.

Die als Sophie Auguste Friederike von Anhalt-Zerbst in Stettin geborene Zarin ist zwar ihrem Fürsten Potemkin treu, hat aber ansonsten einen hohen Männerverbrauch. Aber spätestens hier und angesichts der genießerischen Liebe des Autors zu grausamen Hinrichtungen fragt man sich: Wie verhält sich das Geschlechts- und Rechtsleben am russischen Hof im Vergleich zu, sagen wir, Frankreich?

Antworten darauf darf man nicht erwarten. Zu sehr liebt der Autor das Klischee vom unmäßig saufenden und auch sonst exzessiv lebenden Russen. Stets berichtet er im Brustton der Überzeugung, dass es so und so geschehen sei, ohne jemals über widersprüchliche Quellen zu berichten.

Katharina die Große interveniert in Syrien

Der Reichtum an Details macht „Die Romanows“ trotzdem lesenswert. Wer weiß schon, dass Russland schon 1772 in Syrien intervenierte? Eine Flotte beschoss die Küste und besetzte Beirut, ehe Katharina der Großen angesichts der heftigen ethnischen Fraktionskämpfe die Lust an einem arabischen Vasallenstaat verging.

Im 19. Jahrhundert befindet sich das Land im Dauer-Niedergang. Der Einbruch der Moderne überfordert das politische System der Alleinherrschaft des Zaren. Die Romanows wollen ihre Macht nicht mit einem Parlament teilen. Das radikalisiert die Opposition.

Herrschen aus der Wagenburg

Alexander II. wird das Opfer eines Selbstmordattentäters. Sein Enkel Nikolaus II. lebt nach der ersten Revolution von 1905 außerhalb von St. Petersburg im Schutz von Sicherheitskräften, die in drei konzentrischen Kreisen um das jeweils bewohnte Schloss aufgestellt sind.

Die Rasputin-Affäre ruiniert den Ruf der Monarchie vollends. Ihr Ende nach der Revolution von 1917 bedauert kaum jemand. Der Gedanke an das Scheitern des letzten Zaren soll Wladimir Putin nicht schlafen lassen, heißt es auf der letzten Seite. Auf die Frage, wer die größten Verräter der russischen Geschichte gewesen seien, habe der russische Präsident geantwortet „Jene Schwächlinge, die die Macht einfach aus der Hand gaben – Nikolaus II. und Michail Gorbatschow“. Und Putin versprach, „niemals abzudanken“.

Da steht uns noch einiges an künftigen Thronwirren bevor. Uns kann es da gruseln, der Nachwelt mag es Stoff für ähnlich dramatische Bücher spenden.

Simon Sebag Montefiore: „Die Romanows“ (S. Fischer, 1028 Seiten, 35 Euro)

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