Die Mörder tanzen Can-Can

Wenn die bürgerliche Existenz ins Wanken gerät: Labiches Farce „Die Affäre Rue de Lourcine“ im Cuvilliés Theater mit den umwerfend komischen Schauspielern Rainer Bock und Stefan Wilkening
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Die Staatsschauspieler Rainer Bock, Peter Albers und Stefan Wilkening (von li.) bei subtilen komödiantischen Verrichtungen.
Thomas Dashuber Die Staatsschauspieler Rainer Bock, Peter Albers und Stefan Wilkening (von li.) bei subtilen komödiantischen Verrichtungen.

Wenn die bürgerliche Existenz ins Wanken gerät: Labiches Farce „Die Affäre Rue de Lourcine“ im Cuvilliés Theater mit den umwerfend komischen Schauspielern Rainer Bock und Stefan Wilkening

"Ich habe gestern die Sau rausgelassen“, bekennt der Bürger Lenglumé, als er verkatert aus dem Bett kriecht. Aber wer schnarcht denn da noch hinter dem Vorhang des Schlafalkovens? Und was war überhaupt gestern Nacht?

Um einen Filmriss und seine Folgen kreist die „Affäre Rue de Lourcine“ des französischen Komödienschreibers Eugène Labiche von 1857. Im Cuvilliés Theater inszenierte Hans-Ulrich Becker die Farce als 75-minütiges Kabinettstück unaufdringlicher Höchstpräzisions-Komik mit Rainer Bock und Stefan Wilkening in den Hauptrollen. Langer Applaus.

Der begüterte Nichtstuer Lenglumé (Rainer Bock) und sein prolliger Bettgenosse Mistingue (Stefan Wilkening) erkennen sich als alte Schulkameraden, die es beim Jahrestreffen ordentlich haben krachenlassen. Eine Ausrede gegenüber Lenglumés Frau Norine (Anna Riedl als entzückend chices Lady-Püppchen) für den unverhofften Besuch findet sich. Doch die Zeitungslektüre der Gattin beim Mittagessen füllt die vergangene Nacht, für beide „eine Lücke in meiner Existenz“, plötzlich mit dem Mord an einer Kohlenhändlerin in der Rue de Lourcine. Die Indizien – ein verlorener Schirm und ein Taschentuch am Tatort, ein Häubchen, ein Damen-Schuh und Kohle in den Hosentaschen – lassen keinen Zweifel: Die beiden sind die Mörder.

Jetzt geht es ums Vertuschen. Da entwickelt Lenglumé beträchtliche kriminelle Energie: Als er glaubt, sein Diener Justin habe sich etwas zusammengereimt, erwürgt er ihn kurzerhand im Nebenraum. Und den Cousin Potard (Peter Albers), der Geld erbetteln will, lässt er als vermeintlichen Erpresser an einem Kohleöfchen ersticken. Danach stellt sich nur noch das Problem, wie man den Mittäter aus dem Weg räumt.

Die magische Bühne

Was in den Köpfen der beiden abläuft, erzählt die magische Bühne von Alexander Müller-Elmau, ein Faltpappkarton: Die Wände kippen mal langsam nach rechts oder links, der Bühnenboden hebt sich schräg nach oben und wird zur schiefen Ebene.

Hier schwankt buchstäblich der Boden unter den Füßen, die bürgerliche Existenz hat ihren festen Halt verloren. In düsterem Blaugrün mit dunkelrotem floralen Jugendstil-Dekor ist dieses Zimmer eine bedrohlich aus den Fugen geratene Innenwelt: Manchmal ergießt sich über die Wände blutrotes Licht, das psychedelisch zerfließt. Was Labiches Komödie nicht hergibt an Psychologie, stellen die Eigenbewegung und Beleuchtung des Raumes her. Sogar der Esstisch dreht selbstständig eine Pirouette und neigt seine reich beladene Tafel gefährlich einseitig zu Boden.

Regisseur Hans-Ulrich Becker bedient nicht die schnelle Boulevard-Mechanik, was einige Premierenbesucher enttäuschte, sondern inszeniert mit Understatement und subtiler Situationskomik das wankende Gefüge. Rainer Bock spielt den Lenglumé mit umwerfend trockener, lakonischer Komik fast als einen Beckett-Clown. „Es ist eigentlich ganz einfach“, sagt er nach seinem vermeintlichen Mord an dem Diener Justin.

Den gibt Wolfgang Menardi mit Schmalztolle als diebischen, die Herrschaft verachtenden Strizzi. Stefan Wilkening als verfressener und versoffener Zwangskumpel Mistingue mit Cyrano-de-Bergerac-Nase sorgt mit Slapsticks für gesellschaftliche Peinlichkeiten. Es gibt absurde Ausbrüche: Die Mörder tanzen Can-Can, als sie sich entlastet wähnen, sie waschen sich manisch die kohleschwarzen Hände. Nur eins klärt sich nicht: Wie stehen sie den Tag in den verkehrten, zu kleinen und zu großen Schuhen durch?

Retardierend und reflektierend wirken die eingefügten Arien (Musik: Till Löffler). Mehrstimmig leise a cappella gesungen, ziehen sie die Moral von der Geschicht’. Am Ende, als sich alles geklärt hat: „Wir können friedlich schlafen, wir sind wieder frei.“

Gabriella Lorenz

Cuvilliés Theater, 25. 5., 2., 5., 10., 21. 6., 20 Uhr, Tel. 2185 1940

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