Die letzte Runde

Der Puerto Giesing im ehemaligen Kaufhaus Hertie am Tegernseer Platz ist zur Hochburg der Münchner Subkultur geworden – jetzt wird er langsam abgewickelt. Ein Nachruf
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Der grau-blaue Hertie, vormals Karstadt, in Giesing wird abgerissen und macht Platz für ein schickes Geschäftshaus.
Markus Götzfried Der grau-blaue Hertie, vormals Karstadt, in Giesing wird abgerissen und macht Platz für ein schickes Geschäftshaus.

Der Puerto Giesing im ehemaligen Kaufhaus Hertie am Tegernseer Platz ist zur Hochburg der Münchner Subkultur geworden – jetzt wird er langsam abgewickelt. Ein Nachruf

Es ist ein Sterben auf Raten, aber allen Beteiligten ist das viel lieber als ein plötzlicher Tod: Der Puerto Giesing, der Kunst-Hafen im ehemaligen Hertie am Tegernseer Platz, wird nach dieser Woche den Betrieb einstellen – aber dann doch noch ein klein wenig weitermachen bis zum Jahresende. Das bedeutet: Die regelmäßigen Partynächte gibt es ab November nicht mehr, einzelne Veranstaltungen wie ein Abschiedsfest Ende November und eine Silvesterfeier dürften aber drin sein, sofern die Behörden die Genehmigungen erteilen.

Ursprünglich sollte in das seit sieben Monaten umgenutzte Abbruch-Kaufhaus nur bis August Kunst und Party-Spaß einziehen. Doch der Erfolg des Puerto-Teams um Veranstalterin Zehra Spindler war so riesig, dass es immer wieder noch ein Stück weiterging. Ab Januar wird der alte Hertie dann aber definitiv vom neuen Eigentümer, der Firma Bucher Properties, abgerissen und das Gelände neu bebaut.

Ort für Maler, Musiker, Freaks, Designer, Computer-Spezialisten

Damit zeigte sich einmal mehr, dass Subkultur in München in sogenannten Zwischennutzungen besonders gut gedeiht. Im Puerto Giesing ist erstmals in München etwas entstanden, für das sonst nur Berlin oder Hamburg gerühmt werden. „Subkultur?“, zischt Zehra Spindler – „Bei dem Wort bekomme ich Ausschlag. Es gibt kein Wort für das, was wir hier machen.“ Spindler will vielmehr zeigen, dass München eine Szene hat, von der man auch in Berlin oder Hamburg schwärmen könne. „Die Münchner Szene ist nicht neu“, so die Veranstalterin, „wir halten nur die Lupe drauf, wir sind die Plattform, auf der das alles sichtbar wird.“

Im Puerto Giesing wurde nicht nur gefeiert, er war (und ist noch für ein Weilchen) ein Ort für Maler, Musiker, Freaks, Designer, Computer-Spezialisten, die alle miteinander die Verschränkung von Kunst, Kultur und Medien ausprobierten. Am nächsten (und letzten) Wochenende zum Beispiel gibt es dort am Samstag den „Monaco Mob“, bei der sich alternative Medienmacher und Kreative treffen, bevor der Tag dann langsam in eine Party-Nacht übergeht.

Kultur nach Guerilla-Art

Zehra Spindler hatte im vergangenen Jahr mit „München851“ erstmals Kunst- und Kultur nach Guerilla-Art inszeniert. Damals kämpfte sie noch besonders heftig mit behördlichen Auflagen und Unverständnis – heuer im Puerto ist sie die unumstrittene „Muddi“ des Kulturhafens geworden. „Die Stadt hat uns sehr stark unterstützt“, sagt Spindler. Ein riesiges Problem sei aber die die Macht einzelner Anwohner: „Giesing ist ein tolerantes Viertel, aber einen gibt es immer, der sich beschwert. Solange diese eine Stimme ausschlaggebend ist, kann nichts entstehen.“ Der Puerto sei dennoch von fast allen mit offenen Armen empfangen worden: „In Giesing ist München noch München. Das ist nicht wie im Glockenbach, in dem nur noch zugereiste FDP-Wähler in teuren Dachgeschosswohnungen residieren und sich aufregen, wenn sich unten auf der Straße jemand zuprostet.“

Inzwischen ist das Puerto-Team, von dem einige Teile weiter zusammenarbeiten wollen, in Aufbruchstimmung, man sucht nach neuen Locations und bekommt auch viele Angebote. Das Richtige war aber noch nicht dabei. In der Stadt will man bleiben, nicht an den Rand gedrängt werden. Und: „Es muss nicht nochmal ein Kaufhaus sein. Mein Traum wäre ein Netzwerk aus ganz vielen Locations, Partys und Ateliers, das sich wie ein Teppich über die Stadt legt“, schwärmt „die Muddi“. Und ihre vorläufige Schlussbilanz für Giesing? – „Früher habe ich mich immer ein bisschen dafür geschämt, aus München zu kommen, wo es angeblich keine Szene gibt. Jetzt haben wir gezeigt, was man mit Eigeninitiative bewegen kann. Man muss etwas tun, nicht nur meckern!“

Michael Grill

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