Die "geerdete Bullin" und der einsame Wolf

Premiere für das neue hessische „Tatort”-Team: Die Münchner Schauspielerin Nina Kunzendorf ermittelt am Sonntag erstmals an der Seite von Joachim Król. Ein explosives Duo
| Angelika Kahl
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FRANKFURT Sie trägt knappe Jeans in roten Cowboy-Stiefeln und sagt, was sie denkt. Er mag graue Anzüge und schweigt lieber. Am Sonntag geben Nina Kunzendorf und Joachim Król in der 800. Folge der ARD-Krimi-Reihe ihren Einstand als hessisches „Tatort”-Team. Als Hauptkommissare Conny Mey und Frank Steier bilden sie ein explosives Duo, das künftig anstelle von Andrea Sawatzki und Jörg Schüttauf in Frankfurt ermittelt.

In ihrem ersten Fall „Eine bessere Welt” klären Kunzendorf und Król keinen Mord, sondern versuchen mit aller Kraft, einen zu verhindern. Und geraten dabei nicht nur einmal aneinander: „Sie haben offenbar ein Nähe-Problem”, attestiert Mey dem neuen Kollegen. Steiers trockene Antwort: „Sie haben offenbar kein Nähe-Problem.” Kunzendorfs Ermittlerin ist direkt und kumpelhaft. Sie kann mit allen.

Die 39-jährige Münchnerin betritt damit schauspielerisches Neuland, ist sie bislang doch vor allem für abgründige Figuren, verschlossen, kühl und herb bekannt – Typen wie die Internetstripperin im BR-Polizeiruf „Der scharlachrote Engel” (2005) oder die überforderte Kommissarin im BR-Krimidrama „In aller Stille” (2010). Für beide Rollen bekam sie den Grimme-Preis. Im Krebsdrama „Marias letzte Reise” (2005) gab sie der Krankenschwester mit einfachen Gesten und Blicken eine große Tiefe. Und im Scientology-Drama „Bis nichts mehr bleibt” (2010) beeindruckte sie mit ihrer Darstellung der strengen Ethik-Offizierin Helen.


 

Von diesen Rollen hebt sich die extrovertierte Hauptkommissarin mit Herz und Biss völlig ab: „Ich habe den Luxus genutzt, eine Figur von Anfang an mitentwickeln zu dürfen und eine Rolle mitgebastelt, die eine neue Herausforderung für mich ist, ein neuer Spielplatz”, sagt Kunzendorf der AZ. „Herausgekommen ist eine saftige, geerdete Bullin, die Humor hat und auch mal hinlangen kann.” Und einen Hang zu schrillen, fast schon prolligen Klamotten hat Mey auch: Sie trägt Nietengürtel und hautenge T-Shirts mit tiefem Ausschnitt.

„Privat würde ich so nicht herumlaufen”, sagt Kunzendorf und lacht. Anfangs habe sie sogar ein bisschen damit gefremdelt. „Während der ersten Drehtage habe ich noch überlegt: Du legst ja hier Gleise für eine Figur, mit der du eine ganze Weile leben willst. Aber ist das nur für mich spannend, spaß- und lustvoll, weil ich sonst ganz andere Sachen spiele oder auch für den Zuschauer?” Es macht Spaß, vor allem wenn Mey mit dem menschenscheuen, verschlossenen Steier aneinander gerät.

„Wissen Sie was, Frau Mey? Sie gehen mir mit ihrer Helferkacke so was auf den Geist”, versucht sich der die kommunikationsfreudige Kollegin vom Leib zu halten. „Wenn Sie den Menschen wirklich helfen wollen, dann machen Sie doch ein Nagelstudio auf. Davon verstehen Sie wenigstens etwas.” Lange spielte Kunzendorf fast ausschließlich Theater. Erst am Nationaltheater in Mannheim, später am Deutschen Schauspielhaus Hamburg. 2001 kam sie als festes Ensemble-Mitglied an die Münchner Kammerspiele, zuletzt spielte sie 2009 in Jossi Wielers Inszenierung von „Das letzte Band/Bis dass der Tag Euch scheidet oder eine Frage des Lichts”. Mit Kammerspiele-Kollege Stephan Bissmeier hat Kunzendorf zwei kleine Kinder, gerade dreht sie ihren zweiten „Tatort”-Fall, für die Theaterbühne bleibt momentan deshalb einfach keine Zeit.

Aber die Arbeit mit dem 53-jährigen Król entschädigt sie: „Es gab schon vorher kleine, feine Begegnungen, zusammengearbeitet hatten wir erstaunlicherweise aber nie”, erzählt Kunzendorf. „Umso schöner, wenn es dann tatsächlich ein so angenehmes Arbeiten ist, das weiß man ja vorher nicht. Joachim ist ein sehr humorvoller Mensch, das versüßt das gemeinsame Drehen sehr.”

Über das Privatleben der beiden neuen „Tatort”-Ermittler erfährt der Zuschauer erst einmal so gut wie nichts. „Die Persönlichkeiten der Kommissare sollen sich darüber erzählen, wie sie ihre Arbeit machen, und nicht, wie ihr Schlafzimmer aussieht oder was sie frühstücken”, fordert Kunzendorf. „Das lässt Raum für Fantasie und gibt uns die Möglichkeit, künftig immer mal wieder kleine, kostbare Einblicke ins Privatleben zu geben.” Und noch etwas Außergewöhnliches wagt Autor und Regisseur Lars Kraume mit dem neuen HR-Team: Die nächsten Fälle beruhen alle auf wahren kriminalistischen Ermittlungen, aufgeschrieben von dem ehemaligen Kommissar und Profiler Axel Petermann („Auf der Spur des Bösen”). Kunzendorf freut sich: „Da liegt noch eine aufregende Reise vor uns.” Vor den Zuschauern auch.

 

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