Die ARD löscht das letzte Lagerfeuer aus

Sonntagabend, viertel nach acht. Der "Tatort" im Ersten. Für durchschnittlich mehr als acht Millionen Menschen gehört dieser Termin seit Jahrzehnten zum festen Abschluss der Woche. Man schaut gemeinsam, diskutiert am nächsten Morgen über den Fall und streitet darüber, ob der Film nun gut oder schlecht war. Der "Tatort" ist eines der letzten Lagerfeuer des deutschen Fernsehens: ein Ort, an dem sich Millionen Menschen zur selben Zeit versammeln.
Erst Ende vergangenen Jahres widmete der "Stern" der Krimireihe ein ganzes Cover. Die Frage: „Das letzte Lagerfeuer? – Unser Land ist gespalten, aber den Tatort guckt jeder“.
Treffender lässt sich die Bedeutung dieses Formats kaum beschreiben.
Und wie reagiert die ARD? Sie stellt neue Folgen bereits freitags in die Mediathek. Damit macht sie einen Fehler, der auf den ersten Blick nach Modernisierung aussieht, tatsächlich aber ihr eigenes Tafelsilber gefährdet. Denn es geht nicht darum, ob der "Tatort" in der Mediathek verfügbar ist. Es geht darum, wann.
Fernsehmoment sollte nicht vorab aufgelöst werden
Dass man die Folge nach der Ausstrahlung am Sonntag online abrufen kann, ist richtig und zeitgemäß. So können Menschen den Krimi dann sehen, wenn es in ihren Alltag passt. Doch warum muss die ARD den gemeinsamen Fernsehmoment schon vorab auflösen?
Dieses Ritual lebt davon, dass Menschen es gemeinsam erleben. Wer bereits am Freitag schaut, kennt den Täter, während andere am Sonntag noch miträtseln. Diskussionen beginnen, bevor die eigentliche Ausstrahlung überhaupt stattgefunden hat. Aus einem gemeinsamen Fernsehereignis wird ein beliebig abrufbarer Inhalt. Das Lagerfeuer brennt zwar weiter – aber immer mehr Menschen sitzen zu unterschiedlichen Zeiten davor.
Natürlich muss sich die ARD verändern. Sie muss jüngere Menschen erreichen und digitale Angebote ausbauen. Aber nicht jede Tradition darf deshalb der maximalen Verfügbarkeit geopfert werden. Gerade der öffentlich-rechtliche Rundfunk sollte verstehen, dass sein Auftrag nicht nur darin besteht, Inhalte bereitzustellen, sondern auch gemeinsame Erlebnisse und Zusammengehörigkeit zu ermöglichen.
Ein Millionenpublikum ist keine Nebensächlichkeit
Streamingdienste liefern jederzeit das, was jeder Einzelne sehen möchte. Der "Tatort" kann etwas anderes: Millionen Menschen schauen dieselbe Geschichte zur selben Zeit. In einer Gesellschaft, in der immer mehr Menschen ihre eigenen Inhalte und Informationswelten haben, ist das keine Nebensächlichkeit. Es ist ein Wert, den die ARD nicht leichtfertig aufs Spiel setzen sollte.
Die Mediathek sollte diesen gemeinsamen Moment ergänzen, statt ihm zuvorzukommen. Wer den "Tatort" am Sonntag verpasst, soll ihn nachholen können. Wer ihn gemeinsam mit Millionen anderen sehen möchte, sollte nicht schon vorher mit Spoilern und Diskussionen konfrontiert werden.
Modernisierung heißt nicht, alles anders zu machen. Manchmal heißt sie, das Richtige zu bewahren. Das letzte Lagerfeuer muss nicht für immer brennen. Aber die ARD sollte nicht selbst das Holz wegnehmen, nur weil inzwischen jeder eine eigene Taschenlampe besitzt.