Die Antwort des Fleisches

Schmerzensfrau des Postfeminismus: Die Autobiografie von Künstlerin Tracey Emin
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Partys sind der Künstlerin offenbar ziemlich egal.
Reuters Partys sind der Künstlerin offenbar ziemlich egal.

Schmerzensfrau des Postfeminismus: Die Autobiografie von Künstlerin Tracey Emin

Für konservative Kunstsinnige ist sie schlicht ein Scharlatan, das Bad Girl, dessen Kunstbegriff kaum über die persönlichen Traumata hinausgeht. Doch Tracey Emin ist mit ihrer konsequenten Ausbeutung der eigenen Biografie zu einer der bekanntesten Künstlerinnen weltweit geworden. Auch, weil ihr Konzept bisweilen bezwingend simpel ist: „My Bed“ (ihr ungemachtes und beflecktes Bett, plus Zigarettenkippen, Wodkaflaschen, schmutzige Unterwäsche und Kondome) brachte Tracey Emin 1999 eine Turnerpreisnominierung (und 135000 Pfund) ein, „Everybody I ever slept with, 1963-1995“, bestand aus einem Zelt, dessen Innenwände mit einer Menge Namen benäht waren.

Manche davon kann man nun in einem Buch wiederfinden: In „Strangeland“ beleuchtet Tracey Emin mit der ihr eigenen Offenheit ihr (Intim)-Leben. Weitaus erstaunlicher jedoch sind die poetischen Seiten dieses bisweilen sehr anrührenden Buches. Man wird nach der Lektüre ihre Kunst mit ganz anderen Augen betrachten. Die 46-jährige Britin mit türkisch-zypriotischem Vater ist eine glänzende Erzählerin, vor allem aber hat sie schon in jungen Jahren ein Übermaß an (schmerzvollen) Lebenserfahrungen gesammelt.

Sie wuchs in der Küstenstadt Margate auf, „wo es nichts zu tun gab, als Teil des allgemeinen Verfalls zu werden: herumzuhängen, zu ficken, gefickt zu werden und das Leben zu verwünschen“. Der Teilzeitvater (er hat noch eine andere Familie und verstreut fast zwei Dutzend Kinder) ruiniert sich, Tracey wächst mit ihrem Zwillingsbruder und ihrer Mutter völlig verarmt auf.

Munchs "Schrei" als Lieblingsbild

Ihre Lebensbilanz mit 13 Jahren ist desaströs: Sie ist missbraucht und vergewaltigt worden, hat teilweise künstliche Zähne, schmeißt die Schule und stürzt sich mit vollem Körpereinsatz in die abgrundtiefe Vulgarität des Lebens. Das völlige Fehlen von Selbstmitleid macht die Schilderungen dieser Phase zu einer Leseerfahrung, die wahrhaft an die Nieren geht.

Jahre später, als Künstlerin, wird sie sich als postfeministische Schmerzensfrau inszenieren: Sie montiert ihr Gesicht in ein Selbstporträt Frida Kahlos und nennt Munchs „Schrei“ ihr Lieblingsbild. Mit der öffentlichen Inszenierung ihrer neuen und alten Wunden – sie lebte nach einer Abtreibung wochenlang in einer Galerie – schockiert sie die Kunstwelt und wird zur Ikone der Young British Art.

„Als Künstlerin musst du ein Ego haben, und ein Teil meines Egos ist Sex“, sagt Emin. Andere dominante Teile ihrer Persönlichkeit sind Haltlosigkeit und Selbstzerstörung, gepaart mit einer erstaunlichen Lebensenergie. Schnell ist sie der böse Liebling des Boulevards, wo Emin auftaucht, ist der Skandal nicht weit. Und Schlagzeilen sind der Humus der jungen britischen Kunst.

Eine Spur der Verwüstung

„Ich habe gelernt, dass sich in meinem rechten Fuß mehr Testosteron befindet als im gesamten Körper der meisten Männer“, schreibt sie. Kein Leser, der es bis zu dieser Stelle geschafft hat (Seite 157) wird dieses Zitat ernsthaft anzweifeln, doch die Spur der Verwüstung, die Tracey Emin hinterlassen hat, kennt vor allem ein Opfer: sie selbst.

Auf die Abtreibung folgt der Kinderwunsch, auf alkoholische Abstürze Selbstmitleid: „Ein wahnsinniges Bedürfnis, menschlicher und normaler zu sein“, erkennt Tracey Emin, aber „wie jemand neulich meinte: ,Tracey, mach dir mal nichts vor. Du und normal, das ist schon so lange her, dass es nicht mehr wahr ist.’“

Sie hat inzwischen dazugelernt, die öffentlichen Ausfälle Amy Winehouse überlassen und die Frage, Freund oder Whiskeyflasche, zugunsten des Fleisches beantwortet.

Volker Isfort

Tracey Emin: „Strangeland“ (Blumenbar, 240 Seiten, 17.90 Euro)

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