Der Vogelkundler

Mit Messiaens „Saint François” beginnen die Opernfestspiele – und kaum einer kennt den Komponisten besser als Dirigent Kent Nagano
| Birgit Gotzes
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Olivier Messiaens "Saint François d’Assise" als Mysterienspiel im Sinne Hermann Nitschs, der Regie führt.
Wilfried Hösl Olivier Messiaens "Saint François d’Assise" als Mysterienspiel im Sinne Hermann Nitschs, der Regie führt.

Wenn morgen im Nationaltheater ein Riesenaufwand für den bescheidenen Franz von Assisi getrieben wird, dann hat das viel mit Kent Nagano zu tun. Denn der Heilige Franziskus ist der Titelheld des Musiktheaterwerks „Saint François d’Assise”, das in diesem Jahr die Münchner Opernfestspiele eröffnet. Geschrieben hat es Olivier Messiaen. Dirigieren wird Generalmusikdirektor Kent Nagano, die Premiere darf als eine der wichtigsten seiner Ära an der Bayerischen Staatsoper gelten.

Für seine Karriere hat das Werk entscheidende Bedeutung. Die Uraufführung des „Saint François d'Assise"an der Pariser Opéra 1983 leitete zwar Seji Ozawa, doch schon damals durfte der junge Nagano einmal ans Pult. Auch bei den Salzburger Festspielen und in Montréal hat er das Werk dirigiert, dazu hat er es auf CD vorgelegt. „Als ich in Boston meine erste Stelle hatte”, erzählt er, „bin ich in der Bibliothek auf die Werke von Messiaen gestoßen.Ich habe auch Klavier studiert, darum habe ich zuerst die Klavierwerke angesehen, vor allem den ,Catalogue d’Oiseaux’. Später habe ich mir die Orgelwerke vorgenommen und an Schluss die Orchesterstücke.

"Niemand kannte sich aus mit dieser Musik"

Sie müssen ihn beeindruckt haben. Denn schon wenige Jahre später plante Nagano mit seinem ersten Orchester, dem Berkeley Symphony, eine Messiaen-Reihe. Und stieß auf ein Problem: „Rein technisch sind Messiaens Werke nicht schwer zu analysieren. Aber für den Stil, die Ästhetik, die Farben brauchte ich Hilfe. Ich habe überall gefragt, aber niemand kannte sich mit dieser Musik aus.”

Er schickte den Mitschnitt des ersten Konzerts an den Komponisten und erhielt einen maschinengeschriebenen, vier Seiten langen Brief: Messiaen kritisierte emotional, aber auch sehr konstruktiv. Zugleich gab er Hinweise für das nächste Stück der Serie. „So haben wir weitergemacht. Nach dem 5. Konzert mit der ,Turangaliîla-Symphonie’ schrieb er: ‚Das war perfekt.’”

Zum letzten Konzert reiste Messiaen selbst an. „Er sprach nicht englisch, aber wir waren uns durch die Korrespondenz nicht mehr fremd, und beim Musizieren braucht man nicht viele Worte.” Messiaen machte Nagano ein überraschendes Angebot. Er lud ihn ein nach Europa, um an den Proben für „Saint François” mitzuarbeiten.

Nach dem Abendessen ging's immer ans Klavier

Messiaen erwies sich zudem als äußerst großzügig: „Er wusste, dass ich ein armer Musiker war”, so Nagano, „und hat mich für ein Jahr in seine Wohnung eingeladen. Täglich nach dem Abendessen gingen er, seine Frau (Pianistin Yvonne Loriod) und ich ans Klavier. Ich bekam eine Art Analyseunterricht. Wir spielten füreinander, er stellte Fragen, auch zu gerade entstehenden Werken. Es ging dabei nicht um meine Antworten – er wollte laut denken.”

Für Nagano öffnete sich eine neue Welt. Er lernte Französisch und erlebte in Paris eine lebendige Musikszene, Messiaen öffnete die Türen. „Das war für mich ein unglaublich wichtiger Moment: Nicht mehr als Amerikaner zu denken, sondern in der Mitte Europas mit dem Denken neu anzufangen.”

An Messiaens Kompositionsunterricht konnte Nagano als Zuhörer teilnehmen. Messiaen hatte hoch begabte, extrem unterschiedliche Schüler. Viele von ihnen – Stockhausen, Xenakis, Boulez – wurden selbst bedeutende Komponisten. „Er war ein unglaublich provokanter Lehrer, der alle Schwachpunkte aufzeigte, aber auf nette und humorvolle Weise. Er spielte die Werke seiner Studenten vor, improvisierte, zeigte, was man anders hätte machen können. Es war eine Einladung zur Selbstanalyse.”

Vögel waren für Messiaen die ersten Sänger der Schöpfung

Messiaen war auch ein bedeutender Organist, 60 Jahre spielte er die Orgel in der Pariser Kirche Saint Trinité. Nagano hat ihn in seinem Jahr in Paris regelmäßig in die Kirche begleitet. Die kleine Gemeinde blieb unter sich. „Er war damals schon 70, vielleicht nicht mehr so brillant, aber seine Improvisationen waren einfach genial und auch oft witzig”, erinnert sich Nagano. „Oben auf der Empore konnte uns ja niemand sehen. Oft hat er mir zugezwinkert, und dann kamen plötzlich die Vögel aus dem 8. Bild des ,Saint François d’Assise' oder ein kleines Zitat aus dem 4. Bild.”

Die Vögel. Für Messiaen waren sie die ersten Sänger der Schöpfung. Kein Wunder, dass Franziskus der Lieblingsheilige des tiefgläubigen Katholiken war. Wie Franziskus liebte er die Natur, und die Vogelpredigt musste einen Komponisten anziehen, der an die 700 Vogelstimmen unterscheiden konnte und sie immer wieder in seinen Kompositionen erklingen ließ.

Doch es gibt wohl auch autobiographische Bezüge. „Messiaen hatte natürlich ein Ego, sonst hätte er nicht Künstler sein können. Aber niemals war er arrogant oder egozentrisch. Und er konnte unsicher sein, fragil, demütig, bescheiden. Sein Leben lang stand er ganz allein, und wie Saint François musste er seinen eigenen Weg finden.”

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