Der Vampir hat Beißhemmung
Ob sich die Kinogänger bei „Nosferatu“ jemals gegruselt haben? Man kann sich das heute, nach gut 100 Jahren, gar nicht mehr vorstellen. In einigen Szenen wirkt Friedrich Wilhelm Murnaus Filmklassiker ziemlich komisch. Ungewollt natürlich. Aber allein die Hasenzähne der Titelfigur! Und erst ihre langen Hühnerkrallen. Das zeigt, dass das Grauen durchaus ins Humorige kippen kann. Genauso drängt sich eine gewisse Verballhornung auf.
Graf Fauchi schlägt wieder zu. Nun ja, eher nicht
Graf Fauchi zum Beispiel feiert seinen 1001. Geburtstag, umringt von engen Freunden wie Frankensteins Monster, Werwölfin Ylva, Zombie und Horrorclown. Neben Messern, Kettensägen und Guillotinen bekommt er ein Lotterielos überreicht. Und tatsächlich räumt Fauchi den Hauptgewinn ab: jede Woche ein Fass besten Feinschmeckerbluts bis ans Ende seiner Tage.

Für den alternden Grafen lieber eine Blut-Schorle - der Magen!
Eigentlich wäre Fauchis Lebensabend geritzt, er müsste sich nie mehr durch kalte Nächte beißen, könnte süffeln bis zum Anschlag - freilich zur Schorle verdünnt, das Alter! Und weil sich Heinz Strunks Vampir-Opa bald schrecklich langweilt und dazu noch kränkelt, empfiehlt ihm Dr. Mabuse einen Erholungsurlaub. Der Graf kommt zwar bloß bis Hamburg, gerät aber in lebensbedrohliche Situationen. Und dann geht es nur noch um eins: heimflattern ins behagliche Transsilvanien hinter sehr vielen Bergen („Graf Fauchi: Das Tor zur Welt“, Lappan, 56 Seiten, 14 Euro).
Vor einem Jahr hat der ungeschickte Fauchi übrigens sein Gebiss verloren, und auch diese Strunk-Geschichte wurde von André Breinbauer in herrlich knarzige Bilder umgesetzt. Der schräge Witz dieser Kinder-Comics ist allerdings eher etwas für Erwachsene.
André Breinbauers Blutsauger geht durch Wien

Breinbauer, der Vampir-Experte der deutschsprachigen Comicszene, hat bereits im Frühjahr eine „Blutsauger“-Story veröffentlicht. Die dreht sich um Immobilienhaie im gar nicht so gemütlichen Wien. Dort hat Hannah die Altbauwohnung ihrer Oma übernommen, mit altem Mietvertrag. Die Eigentümer könnten also viel mehr aus der Gründerzeitbleibe herausholen. Deshalb versuchen kuriose Gestalten, die Enkelin hinauszuekeln. Eine Frau stirbt, und dann ist da ein gewisser Herr Fürst auf dem Dach unterwegs - im schwarzen Umhang und immer nur nachts.
Breinbauer hat einen anregenden Mix aus den Blutsaugern der Gegenwart und Murnaus „Nosferatu“ angerührt. Der ist mit viel schwarzem Humor und einer guten Prise „Dracula“ von Bram Stoker angereichert. Beißender Spott und Sozialkritik gehen hier eine schöne Verbindung ein („Blutsauger“, Carlsen Verlag, 248 Seiten, 29,50 Euro).
Und da wir schon bei Stoker sind: Die sicherlich bekannteste Vampir-Geschichte wird seit ihrem ersten Erscheinen 1897 immer wieder aufgelegt und adaptiert, verfilmt - zum ersten Mal von Murnau, zuletzt 2025 von Luc Besson mit Christoph Waltz - oder illustriert. Im Marvel-Universum tritt Dracula regelmäßig als Superschurke auf, bei Reinhard Wegerth als Graf Schleckerl in Wien.

Stokers Graf Dracula lebt bei Fernández poetisch auf
Mit allem zeichnerischen Pipapo hat ihn schließlich Fernando Fernández 1982 in eine Graphic Novel übertragen. Der Spanier hielt sich eng an Stokers Ausführungen, hat aber eine eigene, poetische Bildsprache entwickelt, der man sich nicht entziehen kann. Fein, dass der Avant Verlag diesen Klassiker neu übersetzt und im Überformat als Artist’s Edition gerade wieder aufgelegt hat, mit zusätzlichen Skizzen aus dem Nachlass des famosen Zeichners (Fernando Fernández: „Dracula“, 100 Seiten, 50 Euro).

Selbst die Jelinekhat einen Vampir im Repertoire
So gar nicht mit transsilvanischem Grusel bringt man Elfriede Jelinek zusammen. Doch zum 80. darf man die Literaturnobelpreisträgerin auch mal von einer anderen Seite kennenlernen. In einer ihrer frühen Kurzgeschichten taucht ein rätselhafter „Fremder“ auf. Der ist wirklich ein Vampir. Jelineks Landsmann Nicolas Mahler, der u. a. durch famose Kafka-Comics auffiel, hat den Blutsauger bereits 2018 zum Leben erweckt - und jetzt überarbeitet.
Jelineks Textbausteine bleiben zwar ein Fall für sich, aber Mahler bringt Leichtigkeit und köstliche Anspielungen aufs Horrorgenre und Murnau in das eigenwillige Projekt (Nicolas Mahler: „Der Fremde - Nach einer Erzählung von Elfriede Jelinek“, Reprodukt Verlag, 64 Seiten, 15 Euro).

Bo hat Bammel vor dem ersten Biss - und wird zum Vegetarier
Diese ganze Blutsaugerei ist ja keine einfache Sache. Man hat als Normalo keine Vorstellung von den inneren Kämpfen, die so ein Flattermonster durchlebt. Der kleine Bo etwa hat richtig Bammel vor dem ersten Biss. Aber es hilft nix, er wird bald 100, da muss er ran an die Adern. Seine Freunde, ein Friedhofsengel und eine Maus, suchen mit ihm nach einer vegetarischen Alternative. Denn Bo wird ja doch nervös, als die Maus sich an einem Stachel verletzt und zu bluten beginnt.
Nora Borkenhagens etwas sehr korrekter Kinder-Comic überzeugt mit viel Witz. Bos Familie ist so abgedreht wie die Munsters der 60er-US-Serie. Im Wohnzimmer hängt Edvard Munchs „Biss“, und der Großvater fliegt im E-Rollstuhl davon („Bo und der erste Biss“, Kibitz Verlag, 128 Seiten, 20 Euro).
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