Eine Kilo-Klausel sorgt für Streit – und dieser Film zeigt die Folgen

In der NBA, der Basketballliga, gilt Jalen Duren als kommender Star. Den neuen Vertrag bei seinem Club wollte dieser 2,08 Meter große Koloss jedoch nicht unterschreiben. Der Grund? Eine Klausel, die besagt, dass Durens Arbeitgeber jeden Monat sein Gewicht überprüfen darf, um gegebenenfalls sein Gehalt zu kürzen. Am Ende hat man sich geeinigt, ohne Klausel. Porzellan bei der öffentlichen Gewichts-Debatte war aber zerschlagen worden.
Die psychische Brutalität ständiger Kilo-Kontrolle findet sich auch in "Lügen über meine Mutter" wieder: ganz privat, in einer Beziehung, bei der das Mode-Wort "toxisch" zu milde scheint. Die Leidtragende hier heißt Cornelia (Rosalie Thomass): eine patente Frau in ihren Dreißigern, Mutter der siebenjährigen Ela (Elise Lindner). Schon im Prolog ahnt der Zuschauer, dass hier eine Beziehungseiszeit geschildert wird, auch wenn die Sonne der frühen 80er Jahre über dem glitzernden Meer beim Familienurlaub in Italien strahlt.

Cornelia wirkt angespannt, hat die Beine auf ihrer Sonnenliege krampfhaft angezogen. Der Mann neben ihr, ihr Mann Werner (Golo Euler), meidet den Blick zu ihr, so als würde er sich für sie schämen. Und dann reißt dieser wütende Film von Aron Lehmann ("Das schönste Mädchen der Welt") die vierte Wand ein, lässt Tochter Ela darüber in die Kamera philosophieren, ob "Lügen und Geheimnisse das Gleiche sind". Nein, das hier ist keine normale Siebenjährige, sondern wie in der gleichnamigen, autofiktionalen Roman-Vorlage der Münchner Autorin Daniela Dröscher auch eine Erzählerin, die zurückblickt auf ihre Kindheit und auf die katastrophale Beziehung ihrer Eltern.
Dann der Cut in die dörfliche, rheinland-pfälzische Provinz, in die Heimat von Cornelia, Ela und Werner, dem Phrasenschwein oder auch nur Schwein. Gleich am Frühstückstisch spricht der Möchtegern-Macher das angebliche Übergewicht seiner Frau an, stichelt über angeblich misslungene Diäten.
Später erleben wir diesen Werner, wie er jammert über die Unmöglichkeit einer Beförderung. Schuld daran hätte, natürlich, die nicht vorzeigbare Ehefrau Cornelia. Ein Vorwurf, der sich auch daraus erklärt, dass Werner seine eigene Unzulänglichkeit auf andere projiziert.

So klar hier also die Fronten, das Gut und Böse, abgesteckt werden, so schief gerät dadurch etwas der Film. Denn im Gegensatz zum stumpf eindimensionalen männlichen Antagonisten, dessen einzige Waffe die Personenwaage im Haushalt ist, ist die Rolle von Cornelia sehr differenziert gezeichnet.
Zu dick aufgetragen und der böse Mann bleibt Klischee
Rosalie Thomass, die selbst auf der Romangrundlage das Drehbuch verfasst hat, vermag sowohl die Unsicherheit und die Scham ihrer komplexen Figur zu vermitteln als auch ihre Wut und den Drang auszubrechen aus dem Familienalltag.
Etwas didaktisch wird es immer dann, wenn Ela in ihrer auktorialen Erzählerrolle als moralisches Gewissen und Emanzipations-Sachverständige in die Kamera spricht: So, wenn sie erklärt, wie schwer es für Frauen in dieser Zeit war, sich aus Abhängigkeitsverhältnissen zu lösen und eigenständig eine berufliche Karriere aufzubauen.

In einer Zeit aber, in der Themen wie Empowerment und Body Positivity von gefährlichen Gegenbewegungen und Tradwives auf Social Media geradezu überrollt werden, ist ein Film wie "Lügen über meine Mutter" notwendig.
Schade nur, dass der Film bei seiner Botschaft zu dick auftragen musste.
Kino: Astor im Arri, Leopold, Arena, Maxim, Solln, Monopol, Rex
R: Aron Lehmann (D, 102 Min.)