Der Schuh des Nibelungen

Ein Mythos wird belächelt: Der Münchner Gil Mehmert inszeniert vor dem Wormser Dom John von Düffels komödiantische Nibelungen-Saga „Das Leben des Siegfried“
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Mit viel Witz gegen den Mythos: Nina Petri als Brühnhild bei den Wormser Nibelungenspielen.
dpa Mit viel Witz gegen den Mythos: Nina Petri als Brühnhild bei den Wormser Nibelungenspielen.

Ein Mythos wird belächelt: Der Münchner Gil Mehmert inszeniert vor dem Wormser Dom John von Düffels komödiantische Nibelungen-Saga „Das Leben des Siegfried“

Der traut sich was: Ausgerechnet den deutschen Nationalmythos nutzt der Autor und Dramatiker John von Düffel, um ihn in eine komödiantische Verwechslungsgeschichte zu reduzieren. „Das Leben des Siegfried“ steht auf dem Spielplan der diesjährigen Wormser Nibelungen-Festspiele, eine „Posse um Weib und Geld“ wird angekündigt.

„Es soll nach Kräften gelacht werden“, hofft von Düffel, der mit seinem Stück einen Kontrapunkt zu den vergangenen sieben ernsten Festspieljahren setzen will. Auch wenn der Titel bewusst an Monty Python erinnert – ganz so deftig hat der Dramatiker doch nicht hingelangt. „Das Leben des Brian und des Siegfried haben eines gemeinsam: Es sind Komödien, aber am Ende stirbt der Held. Das ist ja durchaus ungewöhnlich.“

Eine Nibelungen-Revue

Von Düffel, der schon die „Buddenbrooks“ für das Thalia-Theater dramatisierte und das Drehbuch zum Berliner-Musical „Der Schuh des Manitu“ schrieb, stand in Worms vor einer ungewöhnlichen Aufgabe: „Ich musste den größten Hauptdarsteller, den ich je hatte, vernünftig integrieren“, sagt von Düffel – und meint damit nicht seinen Hagen Christoph Maria Herbst und schon gar nicht den Siegfried André Eisermann, sondern den Wormser Dom, der in das Bühnenbild hineinragt.

„Johns Vorlage ist erstaunlich shakespearehaft und filmisch geschrieben“, urteilt der Münchner Regisseur Gil Mehmert. „In jeder Szene keimt ein anderes Genre auf. Das gefällt mir, da kann ich den literarischen Revuecharakter bedienen.“

Die Rückseite der Nibelungen

Mehmert, der Aufsehen erregende Stücke im kleinen Metropol-Theater inszenierte, macht die gewaltige Außenbühne keine Sorgen: „Dieses Jahr bespielen wir die Rückseite des Doms, die ein wenig von Gemäuer eingefasst ist, so dass eine erstaunlich intime Situation entsteht.“ Er hat sich zur Vorbereitung auch Fritz Langs Nibelungen-Film angeschaut („tolle Patina und eine ganz eigene Aura“), vor allem aber Münchner Vertraute wie die neun Musiker mitgenommen.

Denn die Arbeitsatmosphäre ist Mehmert extrem wichtig: „Wenn wir komödiantisch arbeiten, muss auch ein gewisses Klima entstehen, um zirzensisch frei zu spielen.“ Dass Stars wir Christoph Maria Herbst oder Nina Petri ihr Wormser Engagement eher als kleinen Sommerspaß nehmen, weist Mehmert von sich. „Wer meine Arbeiten kennt, der weiß ja, dass ich den Schauspielern auch viel abverlange. Und der André als Wormser Zirkuskind wird das Ding hier schon rocken.“

Es hat sich bereits ausgeregnet

John von Düffel kann inzwischen wieder ruhiger schlafen, nachdem er anfangs einen ungewohnten Druck verspürte. „Das ist ja kein Stück, das bei Nichtgefallen schnell aus dem Repertoire genommen wird wie im Theaterbetrieb. Wir spielen das ja durch bis zum 16. August. Da hängen so viele Arbeitsplätze dran.“ Den Wechsel von der tiefgründigen Nibelungen-Erforschung zum unterhaltsamen Spiel hat Intendant Dieter Wedel seinem Wormser Publikum aber offensichtlich plausibel machen können. Gut 80 Prozent aller Festspielkarten sind schon weg, jetzt kann eigentlich nur noch das Wetter den Erfolg verhindern.

Gil Mehmert gibt sich optimistisch: „Wir haben bei den Proben schon so viel auf das Regenkonto eingezahlt – das war hanebüchen, was da runterkam – dass wir jetzt das Schlimmste hinter uns haben.“

Volker Isfort

Bis 16. August, Karten unter Tel. 01805/337171, 3sat zeigt die Premiere heute ab 21.30 Uhr

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