Der Platzhirsch

Christian Thielemann duldet keine Menschen mit Einfluss neben sich, am Mittwoch soll der Stadtrat dennoch die Vertragsverlängerung des Chefs der Münchner Philharmoniker beschließen
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Christian Thielemann will keine Kompetenzen abgeben.
dpa Christian Thielemann will keine Kompetenzen abgeben.

Christian Thielemann duldet keine Menschen mit Einfluss neben sich, am Mittwoch soll der Stadtrat dennoch die Vertragsverlängerung des Chefs der Münchner Philharmoniker beschließen

Der Klügere gibt nach: Das ist eine Lebensweisheit, die leicht gesagt, aber nur schwer am eigenen Leib zu beherzigen ist. Ein Dirigent, dessen Macht auf Charisma gründet, kann durch Nachgiebigkeit leicht zum Dummen werden. Klugheit wäre Christian Thielemann zu wünschen, der Landeshauptstadt aber auch. Seit einer Ewigkeit ist die Vertragsverlängerung des Chefs der Münchner Philharmoniker anhängig.

Der Teufel steckt im Detail. Zitierfähige Aussagen von Vertretern der Stadt sind in dieser Causa nicht zu erhalten, aber Thielemann fordert die absolute Programmhoheit. Er will sich seinen Brahms-, Beethoven- oder Bruckner-Klang nicht durch Kollegen verderben lassen. Wenn aber Gastdirigenten auf die Werke des Kanons verzichten müssen, wird es schwer, welche zu finden. Die Folgen von Thielemanns Monomanie sind in der nächsten Spielzeit abzulesen: Im Vergleich zum Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks sind die philharmonischen Gäste weniger attraktiv. Jonathan Nott, Daniel Harding und Ingo Metzmacher kommen nicht mehr. Auch dem Ehrendirigenten Zubin Mehta scheint die Lust zu vergehen.

Stärken und Schwächen

Thielemann unterschätzt vielleicht die Flexibilität seiner Philharmoniker, sicher aber die Fähigkeiten des Intendanten Paul Müller, der 2007 den kostspielig aus seinem Vertrag freigekauften Wouter Hoekstra ersetzte. Müller wurde gerade deshalb von den Bamberger Symphonikern abgeworben, um mit seinen Kontakten neue Köpfe zu gewinnen und die Programme attraktiver zu gestalten. Der Vorschlag, ihn bei Streitfällen über die Programme entscheiden zu lassen, wirkt vernünftig. Die Konkurrenz vom BR und der Oper beweist, dass eine Dirigenten-Vielfalt der Weiterentwicklung eines Orchesters förderlich ist. Hier haben die Philharmoniker seit Celis Jahren ein Defizit, als sie schon einmal auf einen Monomanen eingeschworen waren.

Weil Thielemann am Anfang und Ende der Saison wegen Bayreuth nie zur Verfügung steht, ist er kein unproblematischer Chef. Er reist ungern, was den internationalen Ambitionen des Orchesters im Weg steht. Auch die bisherige Zahl der Platten liegt hinter den Erwartungen. Viele Musiker sind verletzt, dass er Bruckner mit ihnen aufnimmt, Beethoven aber lieber bei Wiens Philharmonikern einspielt.

Die Konkurrenz lauert

Leider kommt der Streit zur Unzeit, weil Thielemann von der Staatskapelle Dresden umworben wird. Die Stadt hat kaum einen Dirigenten in der Hinterhand, der vergleichbar von der Aura des Genialen umwittert wird. Ihn im Streit ziehen zu lassen, wäre eine Blamage. Aber auf der Nase herumtanzen lassen sollte sich Kulturreferent Hans-Georg Küppers auch nicht. Ein Blick in Thielemanns Vita zeigt: Der etwas flatterhafte Sturkopf verbeißt sich gerne in Konflikte und ergreift dann – wie zuletzt in Berlin – die Flucht.

Robert Braunmüller

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