Der Kampf um Troja erreicht uns jetzt

Kammerspiel-Premiere „Atropa”: Stephan Kimmig inszeniert griechische Tragödien mit modernen Bezügen
| Michael Stadler
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„Es tut ihm weh, wenn er über Leichen gehen muss. Das macht ihn berührbar und menschlich und damit für uns interessant“, erklärt Regisseur Kimmig die Rolle des Feldherren Agamemnon - gespielt von Steven Scharf.
„Es tut ihm weh, wenn er über Leichen gehen muss. Das macht ihn berührbar und menschlich und damit für uns interessant“, erklärt Regisseur Kimmig die Rolle des Feldherren Agamemnon - gespielt von Steven Scharf.

Agamemnon ist ein redegewandter Mann. Der Oberbefehlshaber des griechischen Heeres versteht sich in der Kunst der Rhetorik, was er auch sollte, denn Griechenland steckt im Krieg mit Troja. Da muss die Kriegs- und Redeführung überzeugen. Das, was er sagt, klingt dabei altertümlich und doch allzu bekannt. Die freie Welt sei in Gefahr, meint Agamemnon, von der „Befreiung” Trojas spricht er und lässt den Angriff der Griechen als Präventivmaßnahme erscheinen: „Wir müssen sie als erste schlagen, bevor sie die Gewalt auf unsern Boden tragen.” Zudem weiß er als Soldat, dass Krieg Grausamkeit bringt: „Besonders für die schuldlose Bevölkerung.” Und als die Trojaner besiegt sind, meint er nur trocken: „Die Operation ist abgeschlossen.”

„Mission accompli-shed”!? – und plötzlich ist man nicht mehr in der Antike, sondern in den Sprachfeldern, auf denen sich George Bush und Verteidigungsminister Rumsfeld bewegten, um ihr Kriegshandeln zu rechtfertigen.

"Der Irak- wie der Afghanistan-Krieg hätten nie passieren dürfen"

Ihre Worthülsen hat der belgische Autor Tom Lanoye mit Textteilen aus den großen griechischen Dramen vernäht, der „Orestie” von Aischylos und „Iphigenie bei den Taurern” von Euripides. Durch diese Melange hat Lanoye mit „Atropa. Die Rache des Friedens. Der Fall Trojas” eine Tragödie auf der Höhe der Zeit verfasst. „Meine Meinung ist, dass sowohl der Irak- wie der Afghanistankrieg absolut nie hätten passieren dürfen. Und dass die Begründungen dafür scheinheilig und falsch sind”, stellt Stephan Kimmig fest, der „Atropa” nun in den Kammerspielen inszeniert. „Da halte ich es mit Herrn Todenhöfer, dass man mit geheimdienstlichen Tätigkeiten ganz anders hätte vorgehen können. Dieser unglaubliche Blutzoll in der Bevölkerung ist ein Verbrechen. Und unsere Regierung steckt da auch drin. Es ist ein Skandal, dass sich niemand darüber aufregt.”

Kimmig regt sich auf, und er hat mit Lanoyes Stück eine Auseinandersetzung mit dem Krieg gefunden, in der die unheilvolle Vernetzung von Wort und Tat und Schuld vor Augen geführt wird.

"Agamemnon empfindet wirklich Schmerz"

Damit es nicht zu leicht wird, verteufelt Lanyoe den griechischen General nicht. „Agamemnon ist ja kein kalter Technokrat, sondern er empfindet wirklich Schmerz. Damit die Götter den Griechen den nötigen Wind für die Überfahrt nach Troja schenken, muss Agamemnon sogar seine eigene Tochter Iphigenie opfern. In Umkehrung zu ihrer Charakterisierung bei Euripides wird sie hier aber zur begeisterten Patriotin, die sich zum Wohle ihres Landes selbst tötet. „Sie wird zu einer Art Selbstmordattentäterin”, so Kimmig.

Katja Bürkle, die die Iphigenie spielt, taucht später wieder in der Rolle der Kassandra auf. Die Tochter des trojanischen Königs Priamos wird von Agamemnon als Kriegsbeute und Geliebte nach Mykene gebracht. „Kassandra hat wie Iphigenie eine terroristische Ader”, erklärt Kimmig. „Sie macht sich zu einer menschlichen Bombe, in dem sie sich ins Haus von Agamemnon, in die Machtzentrale, einschleicht, um sie von innen heraus zu vernichten.” So tritt Kassandra als Anklägerin gegen Agamemnons Frau Klytämnestra auf, beschuldigt diese, zuwenig Widerstand gegen die Bluttaten ihres Mannes geleistet zu haben. Beim Finale bringt Klytemnästra, gespielt von Wiebke Puls, nicht nur Kassandra, sondern auch deren Mutter Hekabe und ihre eigene Schwester Helena um. Ein Versuch, die Opfer des Krieges zu erlösen. „Indem sie sich selbst die Hände schmutzig macht, wird ihr dabei ihre eigene Schuld erst richtig bewusst.”

Der 52-jährige Kimmig bringt mit „Atropa” ein starkes politisches Stück auf die Bühne. Ist es das richtige für Weihnachten? „Ja, Weihnachten ist ja auch ein Fest der Besinnung. Da kann man sich ruhig mal damit beschäftigen, was in der Welt eigentlich passiert. Und wie gut es uns eigentlich geht.”

Kammerspiele, Premiere, Samstag, 17. Dezember 2011, 19.30 Uhr, 18. Dezember, 19 Uhr, Tel. 233 966 00

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