"Der Große Polt – Ein Konversationslexikon" - Granteln wie das Original
"Der Große Polt – Ein Konversationslexikon" als Fundgrube fürs Beschimpfen und Beschreiben unserer bedrohten bayerischen Lebenswelt.
Manchmal fehlen einem die Worte. Oder umgekehrt: Man trifft auf ein Wort, das einem irgendwie bekannt vorkommt, aber dessen Bedeutung man nicht so richtig präsent hat. Kurz vor Gerhard Polts gestrigen 75. Geburtstag, ist "Der große Polt" erschienen. Und mit diesem Wort-Brevier vor Augen, sind wunderbar viele Aha-Erlebnisse sicher. Wobei Polt – seiner bierschweren Art gemäß – "Öha"-Erlebnisse vorzieht.
Das Öha ersetzt bairisch den gschaftligen "Aha"-Effekt
Denn wie lesen wir beim Buchstaben "O" des "Konversationslexikons"?: "Öha": körperlich schwerfälliges Erstaunen. Das bayerische "Öha" ist ein Erkennen auf niedrigen Touren; ein Wahrnehmen ohne Blitz, ein dem Dämmern ähnlicher Vorgang; erfordert im Gegensatz zum "Aha" und "Heureka" ein großes Maß an Geduld und Gelassenheit. Wenn einer "Aha" sagt, heißt das, jetzt weiß er das auch, während jemand der sagt. "Öha", damit kundgibt, dass er vorher überhaupt keine Ahnung gehabt hat, und das entspricht wahrscheinlich viel mehr der Wahrhaftigkeit.
1830 glaubte "Der Große Brockhaus" noch auf einer Buchrückenlänge von Ein-Meter-fünfzig, die Welt in den Griff zu bekommen. Zwei Milliarden Wikipedia-Einträge versuchen es heute. Aber viele Begriffe, die unsere Menschen-, Gesinnungs- und Gesellschaftserfahrung am besten Beschreiben könnten, fehlen – wie der "Fadiseur", den "Der große Polt" im lässigen Taschenformat als "Dialogtöter", "Gesprächskiller" und "Mensch mit dem Charme einer Zentralheizung" beschreibt. Man kennt diese Typen schon lange, jetzt steht einem das passende Vokabular zur treffenden Verfügung.
Schon mal was von Versöderung gehört?
Modern schreckt das Poltsche Lexikon auch nicht vor Anglizismen zurück, vor allem in der Beschreibung von Freizeitaktivitäten: "Fresh air snapping" oder auch "Freebenching" ("absolute Sorglosigkeit bei der Sitzbank-Platzwahl im Freien; hintergedankenlose Freizeitgestaltung auf Holz mit abgewinkelten Kniegelenken").
Bei derart starker Verteidigung bajuwarischer Lebensart und gleichzeitiger globaler Gegenwartsoffenheit, kann man nur "ovationieren". Denn wie sagt Polt: "Die Begriffe gab’s noch nicht, aber die Welt oder den Menschentyp" – wie den "Weißwursttarzan", der letztlich auch ein "Fadiseur" ist. Es werden also zu Phänomenen die passenden Begriffe gefunden, einschließlich neubayerischer Kulinarik ("Leberkäs Hawaii") oder altbayerischen Bräuchen mit hoher gesellschaftspolitischer ("Freibier") Und man lernt, was in der nördlichsten Stadt Italiens – München – "capucchinieren" heißt. Wenn man also so vokabular-bereichernd in diesem Wörterbuch herum-schmökert, hofft man, dass das Milieu, das diese beschriebene Lebenswelt hervorbringt, noch lange weiterlebt, damit man in gewohnt bayerischer "Liberalitas", die Feinde dieser Lebensart bekämpfen, also wild beschimpfen kann: Ihr vollkaskoisierte Gaudizuzler, Just-in-Time-Wiesler, versöderte Gesinnungsgratter! Schleicht’s Euch!
"Der Große Polt – Ein Konversationslexikon" von Gerhard Polt und Claudia Pichler (Kein & Aber, 170 Seiten, Taschenformat, gebunden, 12 Euro)
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