Der Gott des Pop: Was der Film "Michael" mit dem Zuschauer macht
Ganz klassisch, mit vibrierendem Erregungseffekt beginnt der Film, um genau diese Szene ganz am Ende als Ziel wieder aufzugreifen: 1988, London, Wembleystadion. Man hört Backstage gedämpft schon das erwartungsvolle Zuschauerrauschen, aus dem sich Sprechchöre abzeichnen: „Michael“. Ein paar Meter noch in dunklen Gängen. Man sieht nur die schwarzen Lackschuhe, Legwarmers, die enge schwarze Hose eines leichtfüßigen, schlanken jungen Mannes, die 80er-Jahre-Gürtelschnallen.

Die Kamera schwenkt nach vorne, Bass und Rhythmus wummern, das Bühnenlicht blendet, Jackson tritt ins Freie, die Arena wird zum nach vorne zentrierten Hexenkessel - und Michael beginnt. „Because I’m bad, I’m bad ...“, was im Slang soviel wie „Ich bin ein saugeiler Typ“ meint - und gleichzeitig, in Standardbedeutung „ein schlechter Kerl.“
Schnell, suggestiv, fürs Feine muss man genauer hinhören
Es ist der spürbare Moment der endgültigen Emanzipation: vom autoritären Vater, von den Brüdern, die ihn mögen, beneiden, die er selbst liebt, obwohl er ihnen in seiner androgynen, tierliebenden ewigen Kinderwelt entfremdet ist, und sogar von der Mutter, die er liebt, die ihn liebt, die ihn aber nicht geschützt hat vor dem schlagenden Vater. Es ist ein tänzerischer, singender, jaulend juchzender Austritt aus der Familie, die - eingebläut - doch alles sein soll, die Michael reich gemacht hat, mit der er jetzt als „schlechter Junge“ bricht - wenn auch spät mit 30 Jahren.

Man merkt Regisseur Antoine Fuqua jede Minute an, dass er auch Musikvideos - für Prince oder Stevie Wonder - sowie Werbespots gedreht hat. Sein Stil ist schnell, nah, suggestiv. Wer aber Zwischentöne sucht, muss nur genau hinschauen und -hören: Der Vater Joseph (Colman Domingo) ist zwar fast Karikatur eines patriarchalen Vaters, lässt seine Kinder noch im Schlafanzug nach einem Clubauftritt im Wohnzimmer weiter üben. Aber er ist eben auch nur ein von Härte gestählter Stahlarbeiter. Und weil er es nach oben schaffen will, schafft er seine Boygroup aus den Söhnen, drillt sie, lässt sie bis zur Erschöpfung nachts durch Clubs tingeln, bis das Superlabel Motown sie entdeckt. Der Film entschuldigt nichts, aber er erklärt es subtil.
Auch dass dieser Joseph mit dem träumerischen Fantasiereichtum seines jüngsten Sohnes (als Kind dressiert, aber charmant und fantastisch begabt dargestellt von Juliano Valdi) nichts anfangen kann, wundert da nicht. Er merkt auch nicht, dass Michaels Androgynität auch die instinktive Abkehr ist vom brutalen Machismus des Vaters.

„Big Nose“ nennt der Vater ihn hin und wieder. Michael wird später zum plastischen Chirurgen gehen und Peter Pans Nase aus der Disney-Illustration haben wollen. Als Junge, der nie erwachsen werden wollte? Nein, als junger Mann, der nie erwachsen werden durfte! Denn der Kinderstar war das Zugpferd der Jackson Five - mit seinem Ausnahmetalent: einer unfassbar nuancierten Soulstimme.
Da steht der junge Mann dann nach der OP mit einem Verband im Gesicht, seine Augen hinter einer schützenden Sonnenbrille vor seinem perplexen, latent daueraggressiven Vater. Michael wird schüchtern, mit seiner immer relativ hohen Stimme antworten, zerbrechlich, aber auch stolz und innerlich sich seiner Sache zunehmend sicher.

Michael wirkt im Film immer wie unter einer unsichtbaren, hauchdünnen Glasglocke. Wenn er durch den Pfauengarten der kitschigen Neureichenvilla der Familie geht, durch den auch mal eine Giraffe stolziert oder er seine Fans durchs Autofenster abgeschirmt auf ihn einstürmen sieht.
Sex? Der erste Kuss geht an ein Lama
Und Sex? Der Film geht in keiner Minute auf die Missbrauchsvorwürfe ein, erklärt Michael Sexualität als die eines Asexuellen, dessen Nähebedürfnis Haustiere erfüllen: wie der aus einem Forschungslabor gerettete, hier digital eingeschnittene, vermenschlichte Schimpanse Bubbles, eine Schlange - oder ein Lama. Das bekommt in einem witzig überraschenden Schnitt auch den ersten Kuss.
Der Film endet 1988 zu Beginn der „Bad“-Tour. Der Abspann kündigt eine weiterführende Weltkarriere an, was eine Fortsetzung nahelegt. Da spätestens werden die heiklen Themen behandelt werden müssen: Narkotika-Abhängigkeit, Menschenscheue, das Altern, die juristische Auseinandersetzungen.

Bis dahin kann man Jaafar Jackson, den Sohn von Michaels Bruder Jermaine, mit 30 Jahren, seinen Onkel spielen sehen: umwerfend tanzend, liebvoll naiv und offen, zerbrechlich und doch auch mit messianischer Mission, die Welt mit seinem Talent erleuchten zu wollen. Dafür zwingt er auch den Plattenboss von CBS durchzusetzen, dass sein Video zu „Billie Jean“ auf dem rein weißen Musiksender MTV gespielt werden muss.
Eine der schönsten Szenen ist dann auch, wie er sich vom Chauffeur in seinem Luxusschlitten in die harte Streetdance-Szene von L.A. fahren lässt. Er erklärt den anfangs befangenen Breakdancern, was er vorhat und lässt sie in seinem Video mittanzen.
Wie katalysatorisch und entscheidend Michael Jackson für den rassen- und klassenübergreifenden Erfolg von schwarzen Künstler war, sieht man im Film dann nur noch am wunderbar gemischten Konzertpublikum. Das wird in den wilden 80ern von Jackson obszön zuckend, elegant tänzelnd und mit großen Bühnenchoreografien hysterisiert und hypnotisiert.
Nach zwei Stunden Überwätigungskino geht man gefühlt im Moonwalk in die Nacht - zu mitreißenden Rhythmen, genialen Kompositionen und mit ikonischen Bildern im Kopf. „King of Pop“? Eher: God of Pop.
Kino: Rio, Gloria, Royal, Astor im Arri, Leopold, Cadillac, Solln, Rex und Cinemaxx, Monopol (auch OmU), Mathäser (auch OV) sowie Cinema, Museum (OV)
R: Antoine Fuqua (USA, 128 Min.)
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