Der erste Roman von Lisa Eckhart

Essay, Geschichten und Sprachspielerei: Lisa Eckharts erster Roman "Omama".
| Volker Isfort
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Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart.
Hans Punz/APA/dpa/dpa Die österreichische Kabarettistin Lisa Eckhart.

Lisa Eckhart muss ihren Kritikern dankbar sein. So viel Erregung vor Erscheinen eines Buches bekommt schon lange kein Literat mehr geschenkt. Als maliziöse Kunstfigur Lisa Eckhart, die ihre sprachakrobatischen Boshaftigkeiten mit diabolischer Freude und dialektischem Scharfsinn verteilt, ist sie in den letzten Jahren unaufhaltsam in die Phalanx der bekanntesten Kabarettisten aufgestiegen. Ein Hamburger Literaturfestival aber lud sie vor zwei Wochen aus, weil die Sicherheit für einen Auftritt angeblich nicht gewährleistet war. Grund: Angst vor nicht existierenden Drohungen aus der linken Szene, die Lisa Eckhart Antisemitismus und Rassismus vorwirft.

Diese Kritik hat ungefähr die intellektuelle Durchschlagskraft eines Herrenwitzes des gerade verblichenen Fips Asmussen. Man könnte solche Einwände getrost beiseitelegen, wenn nicht etwas viel Gefährlicheres dahinter lauern würde: die enger werdende Freiheit der Kunst im Zuge von Vorverurteilung und Political Correctness als letzter (oder einziger) Instanz.

Kabarett mit der sprachlichen Schärfe der Weihnachtsansprache von Frank-Walter Steinmeier hat allerdings gar keinen (Unterhaltungs)wert. Und Lisa Eckhart setzt ihre Boshaftigkeiten auf der Bühne ja gezielt ein, um in ihrem Rollenspiel das Verhältnis einer Gesellschaft zu solchen Themen zu hinterfragen.

Geschichten aus der steirischen Provinz

Nun also erscheint ihr Buch "Omama", aus dem sie in Hamburg nicht lesen konnte. Um es vorwegzunehmen: Ja, bei bösartigster Auslegung und nur unter Verzicht auf Grundkenntnisse der Erzählperspektive können Kritiker an einer Stelle "Material" für eine neue Anklage finden. Allerdings müssen sie sich erst einmal so weit durch den Text wühlen. Das werden nicht alle schaffen. 

"Roman" hat der Zsolnay Verlag verkaufsfördernd auf das Cover gedruckt. Die Verfasserin selbst sieht es realistischer als "einen Bastard aus Essay, Roman und Sprachspielerei". Das kommt diesem Konglomerat auch deutlich näher.

Lisa Eckhart wuchs bei ihrer Oma in der steirischen Provinz auf, und zu den schöneren essayistischen Betrachtungen in diesem Buch zählt der Abschnitt über Mutter- und Omaliebe mit der Quintessenz: "Eine Mutter liebt ihr Kind trotz all dessen, was es ist. Die Großmutter liebt das Enkelkind, ohne zu wissen, was es ist. Die Großmutterliebe transzendiert die Mutterliebe auf ein bislang ungeahntes Niveau der Hysterie." Die schwer skurrile Hommage auf Oma Helga beginnt mit den letzten Kriegstagen. "Der Russe kommt", und die jugendliche Helga wartet auf dem Bett auf die Soldaten, ihre schönere Schwester Inge liegt versteckt darunter. Zwar quartieren sich die Russen ein, aber von den Töchtern lassen sie (zu Helgas Leidwesen) die Finger. Dafür schwinden die Marillenbrandvorräte des Vaters, der in trunkener Symbiose mit den Dorfbesatzern lebt.

Geringe Sprachökonomie

"Die Eskimos besitzen nicht vierzig verschiedene Wörter für Schnee. Aber der Österreicher vierzig fürs Brunzen", schreibt Eckhart und macht ausführlich davon Gebrauch. Im zweiten Teil, der sich dem Dorftrinker, dem Dorfdepp, dem Dorfschönling und der Dorfmatratze widmet, finden wir Helga wieder beim Dorfwirt. Dort muss sie die Schuld der Familie abarbeiten, weil der Vater alle 31 lokalen Dorfmusikanten ins Jenseits befördert hat. Wer dann wem sein "Zumpferl" zeigt, seine "Duttln" präsentiert, aufs "Popscherl" schlägt oder die Stubn vollspeibt, verliert im überlangen Abschnitt allmählich jegliche Bedeutung. Die Maschine läuft heiß und man wundert sich, dass Lisa Eckhart, die auf der Bühne ungemein präzise ist, hier auf jegliche Sprachökonomie verzichtet. Da hat sie den sozialen Satiren von Manfred Deix, David Schalko oder Ulrich Seidl wenig hinzuzufügen, nicht einmal an Schärfe.

Erst im dritten Teil des Buches, der auch die gemeinsamen Reisen von Lisa Eckhart mit der Oma aufgreift, gibt es persönliche Stellen jenseits grellster Überzeichnung. Und man kann erahnen, was diese talentierte Autorin auch hätte schreiben können. So aber bleibt es beim immer gleichen Konzept: das dünne erzählerische Skelett dient nur als Aufhänger für satirische Exkursionen zu allen erdenklichen Themen von Kreuzfahrten (ein einfaches Ziel) bis hin zum Rehbraten: "Großmutter kocht nicht nur einen Braten. Sie verschafft diesen armen Geschöpfen nebst ihrer einfältigen Schönheit endlich einen Lebenssinn. Und das schmeckt man. Man schmeckt die Dankbarkeit des Tieres."

Wenn militante Veganer die nächste Lesung von Lisa Eckhart sprengen wollen, wissen wir zumindest in diesem Falle, warum.

Lisa Eckhart: "Omama" (Zsolnay, 384 Seiten, 24 Euro)

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