Das Leben ein Baum

Salzburg: Béla Bartóks einzige komponierte und in Budapest uraufgeführte Oper versöhnt zwei gegensätzliche Traditionen: Den Einfluss von Richard Strauss, den das Orchester widerspiegelt und die ungarischen Volksmusik in den Gesangspartien.
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Bartók als Dreierpack: Johan Simons (re.) und der dirigierende Komponist Peter Eötvös.
AZ Bartók als Dreierpack: Johan Simons (re.) und der dirigierende Komponist Peter Eötvös.

Salzburg: Béla Bartóks einzige komponierte und in Budapest uraufgeführte Oper versöhnt zwei gegensätzliche Traditionen: Den Einfluss von Richard Strauss, den das Orchester widerspiegelt und die ungarischen Volksmusik in den Gesangspartien.

Dass Béla Bártóks einzige Oper mehr im Konzertsaal als im Theater zu Hause ist, stört die Erben des Komponisten nicht. Eine Inszenierung seiner „Cantata profana“ haben sie abgelehnt, was die Festspiele nicht hindert, noch die „Vier Orchesterstücke“ hinzuzufügen.

Regisseur Johan Simons macht aus dem Verbot eine Tugend: „Wir steigern uns zur Dreidimensionaliät“, erklärt der designierte Intendant der Münchner Kammerspiele. Zuerst schaut der Zuschauer den Wiener Philharmoniker auf dem hochgefahrenen Orchestergraben bei der Arbeit zu.

Vor der „Cantata profana“ erzählt Bartóks Stimme die Legende von den neun Brüdern, die so lange in der Wildnis jagen, bis sie sich in Hirsche verwandeln. Ein Vorhang teilt sich, gibt den Blick auf ein riesiges Gemälde des Malers Daniel Richter frei, in dem die 80 Sängerinnen und Sänger der Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor stecken. Die beiden Solisten agieren davor in normaler Konzertkleidung.

„Mir war das anfangs fremd“

„Mir war das anfangs fremd“, gesteht der ungarische Dirigent und Komponist Peter Eötvös. „Aber das kleine Haus mit dem Baum vor einer riesigen Stadtlandschaft illustriert Bartóks pantheistische Weltanschaung, wieder hinauszugehen und Teil der Natur zu werden.“ Nach der Kantate öffnet sich das flächige Gemälde in „Herzog Blaubarts Burg“ zur dritten Dimension.

Die sieben Türen werden allerdings von den Solisten Falk Struckmann und Michelle DeYoung nicht geöffnet: „Eigentlich ist das Märchen über den frauenmordenden Edelmann eine typische Macho-Geschichte“, so Simons. „Davon wollte ich weg. Bei mir spielt die Oper in der Minute vor dem Tod Blaubarts, den ich als behinderten Kriegsheimkehrer sehe“, sagt der 62-Jährige, den Becketts „Endspiel“ und Joseph Conrads Roman „Herz der Finsternis“ in seiner Deutung des düsteren Stoffs beeinflusst haben.

B-moll steht für Béla

Musikalisch durchläuft der Abend eine Kreisbewegung: Die Orchesterstücke entstanden 1912 kurz nach der Vollendung der Oper. „Der dritte Satz ist aus zwei Akkorden aufgebaut: B-moll steht für Béla, G-moll für die Geigerin Steffi Geier, die er unglücklich liebte“, sagt Eötvös, der die Stücke im Oktober als Gast der Münchner Philharmonikern dirigiert.

Bartoks einzige, 1911 komponierte und 1918 in Budapest uraufgeführte Oper versöhnt zwei gegensätzliche Traditionen: „Das ,Blaubart’-Orchester spiegelt den Einfluss von Richard Strauss. Die Gesangspartien von Judith und Blaubart hat der Komponist hingegen aus der ungarischen Volksmusik entwickelt, die er zu dieser Zeit studierte“, so Eötvös. „Ich finde es sehr spannend, wie dieser junge, von der Kultur der Donaumonarchie geprägte Intellektuelle erst zu den Wurzeln zurückkehrt, sie überspringt und in seinem Ballett ,Der wunderbare Mandarin’ dann zur europäischen Avantgarde aufschließt. Dann fand er zu einer ganz eigenen Sprache, wie sie in der ,Cantata profana’ von 1930 zu vernehmen ist.“

Großes Festspielhaus, Mittwoch, 20 Uhr. Auch am 14., 18. und 23. 8. Karten Tel. 0043 662 8045 500

Was Eötvös und Simons für München planen

Kent Nagano dirigierte 1998 in Lyon die Uraufführung seiner „Drei Schwestern“. Die vielfach nachgespielte Oper des Ungarn wird im Januar 2010 von der Theaterakademie gezeigt. Dann wird München zur Peter-Eötvös-Stadt: Im gleichen Monat kommt auch sein neuestes Bühnenwerk im Nationaltheater heraus.

Eötvös plante ursprünglich eine Oper mit viel Chor und liebäugelte mit Peter Weiss „Marat/Sade“. Auf Vorschlag von Klaus Bachler nimmt er nun mit dem Schriftsteller Albert Ostermaier den Faust-Stoff nach Imre Madáchs „Tragödie des Menschen“ in Angriff, die 1861 unter Johann Wolfgang von Goethe Einfluss entstand. „Adam, Eva, Luzifer und ein Luzi werden darin auftreten“, verrät der 1944 in Siebenbürgen geborene Komponist. Ein erster Entwurf des Texts liegt bereits vor, und gleich nach der Bartók-Premiere wird Eötvös in Salzburg mit Ostermaier weiter an der neuen Oper feilen.

Auch Johan Simons nutzt die Salzach-Stadt zur Vorbereitung der Baumbauer-Nachfolge ab 2010. Das Ensemble steht: „München ist eine Schauspieler-Stadt. Daher brauche ich ein starkes Ensemble, zu dem auch Jeroen Willems gehören wird.“ Er plant eine „starke Eröffnung“ im ersten halben Jahr, will über Details naturgemäß aber nicht sprechen.

Simons inszeniert im Herbst noch „Fidelio“ in Paris und legt dann eine Opern-Pause ein: „Meine Zukunft gehört den Kammerspielen. Die ersten Jahre brauche ich, um mich in der Stadt zu vernetzen. Da sind Gastspiele nicht drin.“

Robert Braunmüller

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