Daniel Kehlmanns neuer Roman "F": Irgendwie verflipfloppt

Daniel Kehlmanns Roman „F” scheitert an großen Themen wie Schicksal und Willensfreiheit. Dagegen ist die Schilderung von Wahnwelten der Kunst, Theologie und Banken wohl geraten
| Robert Braunmüller
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Der Roman beginnt furios: Ein etwas fauler Mann, dessen Bücher von den Verlagen wieder zurückgeschickt werden und dessen Frau das Geld verdient, besucht mit seinen Söhnen die Vorstellung eines Hypnotiseurs. Er glaubt sich sicher vor den Versuchungen der Trance. Dann wird er auf die Bühne gerufen. Der Hypnotiseur befiehlt ihm, sich von nun an zu bemühen. Arthur lässt Frau und Kinder hinter sich und schreibt in der Verborgenheit die Bücher, „deretwegen die Welt den Namen Arthur Friedlands kennt”.

Dieser Satz schmeckt ein wenig nach Thomas Mann, und auch der Hypnotiseur könnte Lesern dieses Klassikers irgendwie bekannt vorkommen. Aber das stört nicht. Kehlmann hat einen siebten Sinn für das Reden und Treiben von 13-Jährigen, und auch sonst ist die Psychologie des Buchs oftmals gut beobachtet.

Der Rest von „F” spielt 24 Jahre später, am 8. August 2008. Kehlmann erzählt den Tag aus der Perspektive der Brut des Schriftstellers. Der übergewichtige Martin versagte in der Schulzeit an Frauen und wurde trotz hartnäckiger Gottlosigkeit katholischer Pfarrer. Eric kann sein halbseidenes Leben als Investmentbanker nur mit immer größeren Dosen an Aufputschmitteln ertragen, die wiederum böse Albträume auslösen. Sein Zwillingsbruder, der schwule Ivan, stieß auf einen eher mittelmäßig talentierten Maler, dessen aristokratisches Aussehen und Gehabe bestens vermarktbar waren. Alle mit Heinrich Eulenböck gezeichneten Bilder, die er zu hohen Preisen auf dem Kunstmarkt verkauft, stammen in Wahrheit von ihm.

Auch dieser Teil liest sich angenehm. Dass die katholische Kirche und die Finanzwelt von Betrügern durchsetzt ist, bedient gewohnte Reflexe wie die Anekdoten aus der Wahnwelt der Bildenden Kunst. Ärgerlicher ist ein raunendes Kapitel, das die Familiengeschichte der Friedlands bis zu den Kreuzzügen zurückverfolgt. Aber da haben wir möglicherweise die Ironie nicht verstanden.
„F” steht für Familie, den Namen Friedland und leider auch für den ominösen Begriff „Fatum”, über den die Figuren immer wieder nachdenken. Auch der Widerspruch zwischen der göttlichen Allmacht und der menschlichen Willensfreiheit treibt die Figuren um.

Das sind große Fragen, die in Kehlmanns Roman irrlichtern. Aber die Antwort bleibt unbefriedigend. Der Erzähler geriert sich, als habe es weder eine Aufklärung oder eine Moderne gegeben, als allmächtiger Schöpfergott, der in die Seelen der Menschen hineinschauen kann. Gott Kehlmann hat in den mittleren Kapiteln eine sinnvolle Welt entworfen, in der die wechselnden Perspektiven bruchlos aufgehen.

Natürlich weiß auch Kehlmann, dass eine solche Haltung nach einer langen Debatte über die Fragmentierung von Wahrnehmung in der Moderne ein bisschen altbacken daherkommt. Und so beschwört er die Gegenmacht zum Schicksal und dem allmächtigen Gott: „Der Zufall ist mächtig”, so Kehlmann, „und plötzlich bekommt man ein Schicksal, das nie für einen bestimmt war. Irgendein Zufallsschicksal.”

Nur leider hält sich Kehlmann nicht daran. Am Ende sorgt der Erzählergott für Ordnung, als sei der Roman ein Fernsehkrimi, wenn der Mörder von den Figuren unerkannt, aber von uns Erzengeln als Lesern durchschaut bei der Totenmesse dem Pfarrer ministriert. Das ist wirklich „F” wie „Flop” oder „f” wie voll daneben.

Daniel Kehlmann: „F” (Rowohlt, 379 Seiten, 22.95 Euro)

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