Charlotte Roches "Schoßgebete"

Charlotte Roche hat es getan: Nach "Feuchtgebiete" kommt nun ihr lang ersehnter zweiter Roman in die Läden. Es soll mehr sein als ein Tabubruch.
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Die Autorin mit britischen Wurzeln verarbeitet in "Schoßgebete" ihre eigene Lebensgeschichte. Ihr Mann sei beim Lesen erstmal "hinten über gekippt".
dpa 3 Die Autorin mit britischen Wurzeln verarbeitet in "Schoßgebete" ihre eigene Lebensgeschichte. Ihr Mann sei beim Lesen erstmal "hinten über gekippt".
"Schoßgebete" ist keine Fortsetzung von "Feuchtgebiete". Das Buch soll mehr sein als ein Tabubruch. Doch die Autorin zweifelt, dass sie ihr Erstlingswerk übertreffen konnte.
dpa 3 "Schoßgebete" ist keine Fortsetzung von "Feuchtgebiete". Das Buch soll mehr sein als ein Tabubruch. Doch die Autorin zweifelt, dass sie ihr Erstlingswerk übertreffen konnte.
Denn "Feuchtgebiete" war ein Roman voller Provokationen. Doch die Leser liebten ihn. Nun startet "Schoßgebete" mit einer Rekordauflage in die erste Verkaufswoche.
dpa 3 Denn "Feuchtgebiete" war ein Roman voller Provokationen. Doch die Leser liebten ihn. Nun startet "Schoßgebete" mit einer Rekordauflage in die erste Verkaufswoche.

Charlotte Roche hat es getan: Nach "Feuchtgebiete" kommt nun ihr lang ersehnter zweiter Roman in die Läden. Es soll mehr sein als ein Tabubruch.

München - Charlotte Roche hat es wieder getan: Sie hat ein Buch geschrieben. Über ganz Privates. Und natürlich über –  Sex. Auch wenn sie kein Blatt vor den Mund nimmt, steht das Körperliche diesmal nicht an erster Stelle. „Schoßgebete“ ist ein persönliches und anrührendes Buch.

Ihr Debüt-Roman löste vor drei Jahren so etwas wie ein literarisches Erdbeben in Deutschland aus. „Feuchtgebiete“ über die sexuellen Fantasien einer 18-Jährigen sorgte wie kaum ein anderer Roman der jüngeren Geschichte für eine gesellschaftliche Debatte, in deren Mittelpunkt Sex, Ekel und Hygiene-Wahn standen. Jetzt legt die 33-jährige Charlotte Roche nach – und macht doch alles ganz anders.

Mit großer Spannung wurde ihr zweites Buch „Schoßgebete“ erwartet, das ab Mittwoch (10. August) im Handel zu haben ist.

Einen neuen Tabubruch kündigte der Verlag Piper in München in einer ausgeklügelten Marketing-Strategie an. Die Erstauflage liegt bei 500 000 Exemplaren – ein Rekord für den Verlag. Tabubruch ist sicher das falsche Etikett für „Schoßgebete“ - selbst wenn die gebürtige Britin auch diesmal kein Blatt vor den Mund nimmt. Die Geschichte der (wie Roche) 33-jährigen Elizabeth Kiehl und ihres Mannes Georg und das, was die beiden in ihrem eigenen Bett und dem von Prostituierte so treiben, beschreibt die Autorin zwar in allen Details. Dabei überschreitet sie sicher auch immer wieder die Grenzen zur Pornografie. Aber das ist – ganz im Gegensatz zu den „Feuchtgebieten“ – nicht der Kern des Buches.

Mehr als ein weiterer Tabubruch

Während Helene Memel, die Hauptfigur der „Feuchtgebiete“, vor allem ihren Hintern inspizierte, untersucht Elizabeth auf 288 Seiten ihre Seele, „die nicht vorhandene“. „Schoßgebete“ ist keine bloße Aneinanderreihung von Provokationen, sondern das hervorragend geschriebene Porträt einer jungen Frau, die vor allem eins will: gefallen. Das Buch ist das Protokoll von drei ganz normalen Wochentagen im Leben dieser Frau. Elizabeth – zutiefst verunsichert, abergläubisch, ehemals magersüchtig und paranoid – will eine gute Mutter sein, eine Vorkämpferin für den Umweltschutz, die Lieblingspatientin ihrer Therapeutin – und eine Granate im Bett. Selbst für die hübschen Prostituierte, zu denen sie gemeinsam mit ihrem Mann immer wieder geht, weil ihm ein Dreier soviel Spaß bereitet, macht sie sich besonders schön.

"Dieser Roman basiert auf einer wahren Begebenheit"

„Ich möchte so gerne einzigartig sein“, lässt Roche ihre Protagonistin sagen. Dass in Elizabeth viel von ihr selbst steckt, daraus macht die Autorin keinen Hehl. Ihr Mann sei nach dem Lesen erst einmal „hinten rüber gefallen“, sagte Roche der Zeitschrift „Brigitte“. „Dieser Roman basiert auf einer wahren Begebenheit. Darüber hinaus ist jede Ähnlichkeit mit lebenden oder toten Personen sowie realen Geschehnissen rein zufällig“ – das steht am Anfang des Buches.

Sie müsse aufpassen, „dass es in der öffentlichen Wahrnehmung überhaupt noch eine Trennung gibt zwischen dieser Figur und der Autorin“, sagte Roche dem „Spiegel“. Diese wahre Begebenheit, die das Buch ins Zentrum stellt – als Ursprung und Ende von so vielem – ist die Tragödie, die Roches Leben unwiderruflich geprägt hat: Auf dem Weg zu ihrer geplanten Hochzeit mit ihrem damaligen Freund im Sommer 2001 in London wurde das Auto ihrer Mutter in Belgien in einen fürchterlichen Unfall verwickelt. Drei Brüder Roches starben, ihre Mutter wurde schwer verletzt. Die Erfolgs-Autorin und Moderatorin hat sich dazu nie öffentlich geäußert - bis jetzt.

„Ich zähle alle toten Tiere auf dem Weg. Sie sind wie meine Brüder: unschuldig, klein, natürlich“, lässt Roche ihre Protagonistin denken. Und: „Ich habe Angst vor meinen toten Brüdern, vor dem schlechten Gewissen, dass ich lebe.“ Aus der Zeit dieses Schicksalsschlages stammt auch Roches Wut auf Boulevardmedien, die sie immer wieder gerne zur Schau trägt. In ihrem Buch heißt der Feind „Druck-Zeitung“, ein Blatt, das die Tragödie ihrer Familie gnadenlos ausschlachtet. „Wenn man jemanden, der so verletzt und verwirrt ist, so öffentlich demütigt und vergewaltigt, dann züchtet man seine eigenen Terroristen heran“, sagt Romanfigur Elizabeth. „Das werde ich rächen.“

Besser als der Erste?

Und so erfüllt „Schoßgebete“ die Erwartungen nicht, der Roman übertrifft sie – auf sehr überraschende Weise. Roches zweites Werk schlägt ihr Erstlingswerk um Längen. Es ist authentisch und persönlich, ergreifend, melancholisch und unglaublich ehrlich.

„Ich wäre verrückt, wenn ich glaubte, "Feuchtgebiete" wäre übertreffbar“, sagte Roche dem „Spiegel“. Ihr neues Buch aber hätte diesen (Verkaufs-)Erfolg durchaus verdient.

Die Frau hinter dem Buch

Bevor sie zur unglaublich erfolgreichen Skandal-Autorin wurde, hatte die gebürtige Britin Charlotte Roche sich als Moderatorin einen Namen gemacht. Für Viva, 3Sat und das ZDF stand die 33-Jährige schon vor der Kamera. Sie moderierte außerdem unter anderem mit Giovanni di Lorenzo die Talkshow „3nach9“. Schon nach fünf Folgen war allerdings Schluss – wegen unterschiedlicher Auffassungen über die Form der Sendung.

Für ihre Arbeit wurde sie bereits mit dem Bayerischen Fernsehpreis und dem Grimme-Preis ausgezeichnet.

Roche wurde am 18. März 1978 in Wimbledon geboren, wuchs aber in Mönchengladbach auf. 1998 begann ihre Karriere bei dem Musiksender Viva 2, wo ihre unkonventionelle Art Interviews zu führen, schnell Aufmerksamkeit erregte. Zum Kult wurde das Interview mit Popstar Robbie Williams, der sie mit auf sein Hotelzimmer nehmen wollte.

Im Jahr 2001 überschattete eine Tragödie das bis dahin schillernde Leben der jungen Frau. Drei ihrer Brüder starben bei einem fürchterlichen Unfall in Belgien, ihre Mutter wurde schwer verletzt. Ihre Familie war auf dem Weg nach London – zur geplanten Hochzeit von Roche und ihrem damaligen Freund und Kollegen Eric Pfeil.

Zum ersten Mal auf eine Live-Bühne wagte Roche sich 2004 mit dem Schauspieler Christoph Maria Herbst und einer Lesung aus einer Doktorarbeit mit dem Titel „Penisverletzungen bei Masturbation mit Staubsaugern“. 2008 erschien ihr umstrittener Debüt-Roman „Feuchtgebiete“, der sie zum Literatur-Superstar machte. Das Buch wurde inzwischen fast zwei Millionen mal verkauft.

Roche engagiert sich auch politisch und gilt als vehemente Atomkraft-Gegnerin. Im vergangenen Jahr machte sie von sich reden, weil sie Bundespräsident Christian Wulff Sex anbot, sollte er das Gesetz mit längeren AKW-Laufzeiten ablehnen.

Roche lebt heute mit ihrem Mann Martin Keß, dem Mitbegründer der TV-Produktionsfirma „Brainpool“, und ihrer Tochter in Köln.

 

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