Cannes 2026 ohne Hollywood: Warum deutsche Filme plötzlich im Mittelpunkt stehen

Das 79. Festival von Cannes startet – irritierenderweise ohne Hollywood im Programm. Aber eine Filmnation kann jubilieren: Deutschland.
von  Adrian Prechtel
Ein Blick auf die Altstadt von Cannes vor den 79. Internationalen Filmfestspielen.
Ein Blick auf die Altstadt von Cannes vor den 79. Internationalen Filmfestspielen. © Andreea Alexandru (Invision)

Cannes hat in diesem Jahr ein großes Problem: Die großen US-Produktionen fehlen. "Michael" und "Der Teufel trägt Prada 2" scherten sich einen Teufel um die Croisette und starteten global zuvor. Aber wozu schrubbt man denn die Palmen an den Strandpromenaden ab und baggert den von der Strömung weggetragenen Sandstrand vor dem Festival immer wieder neu hin?

Zwischen Filmkunst und Influencer-Event

Auch Matt Damon wird als Odysseus hier nicht stranden, obwohl Christopher Nolans Juli-Starttermin für seine "Odyssee" strategisch nah genug an Cannes liegt, um von hier aus in die Marketing-See zu stechen. Aber Nolan hat schon "Oppenheimer" außerhalb der großen Festivals starten lassen.

Man spürt auch in Cannes eine schleichende, unheimliche Verschiebung: weg von den klassischen Festivalpremieren mit Kritikern im Saal, die unkontrolliert schreiben können – hin zu Fan- und Influencer-Events, von denen nichts Böses zu erwarten ist. Wer stolz ist, dabeizusein, beginnt keine intellektuelle Analyse, sondern macht über die Selbstdarstellung des "Ich bin dabei!" den Filmstart ohne Umwege zum viralen, globalen Ereignis.

Diese Luftaufnahme zeigt den Boulevard de la Croisette am Rande der 79. Ausgabe der Filmfestspiele von Cannes.
Diese Luftaufnahme zeigt den Boulevard de la Croisette am Rande der 79. Ausgabe der Filmfestspiele von Cannes. © Viken Kantarci (AFP)

Vielleicht ist das auch ein Grund, warum Steven Spielberg mit seinem neuen Ufo-Film "Disclosure Day – Der Tag der Wahrheit" Cannes die kalte Schulter zeigt. Da klingt das, was Festivaldirektor Thierry Frémaux dazu sagt, eher wie eine Ausrede: Corona-Pandemie, die Hollywood-Streiks, Studioübernahmen und die großen Brände hätten Hollywood verunsichert, große und gute Filme zu produzieren.

Und dann gibt es noch ein hausgemachtes Problem: Cannes hat nämlich ein Keuschheitsgelübde zugunsten des Kinos abgelegt: Filme von Streamingstudios dürfen nur dann mitspielen, wenn sie als Kinofilme gedreht sind und Streaming-Auswertungen großen Abstand zum Kinostart halten. Netflix will das nicht erfüllen, sodass "The Adventures of Cliff Booth", die Fortsetzung von Tarantinos "Once Upon a Time in Hollywood" von David Fincher, zu der Tarantino nur noch das Drehbuch schrieb, auch nicht hier ist.

Deutsche Filme profitieren vom Hollywood-Vakuum

Was also soll Cannes in diesem Jahr sein? Die Feier der Filmkunst! Und wer profitiert davon in diesem Jahr? Ausgerechnet der deutsche Film, der in Cannes oft kein gutes Standbein hatte. Aber die Deutsche Mascha Schillinski hatte schon im vergangenen Jahr mit ihrem etwas verschwurbelten "In die Sonne schauen" sogar Chance auf die Goldene Palme.

In diesem Jahr kommt Volker Schlöndorff, 87-jährig, zurück nach Cannes und hat den zentralen Festivalsamstag für seine "Heimsuchung" bekommen – allerdings nicht im Wettbewerb, sondern in der Sonderreihe "Cannes Premieren". Aber die Goldene Palme hat Schlöndorff schon: 1979 gewann er sie mit der Grass-Verfilmung "Die Blechtrommel". Und David Bennent – damals in der Hauptrolle des Oskar Matzerath – ist auch wieder zurück, wenn auch nur in einer Nebenrolle in "Heimsuchung".

Den Deutschen wird immer nachgesagt, kein richtiges Starsystem aufbauen zu können: Wenn man aber nachdenkt: Wer fällt einem ein? Lars Eidinger, Martina Gedeck, Susanne Wolff, Ulrich Matthes und Detlev Buck spielen in "Heimsuchung" mit beim Gang durch die deutsche Geschichte an einem Mecklenburgischen See nach dem Roman von Jenny Erpenbeck. Und Lars Eidinger spielt auch noch im Wettbewerbsfilm "Moulin" den deutschen Gestapo-Chef in Frankreich Klaus Barbie.

Martina Gedeck und Lars Eidinger in "Heimsuchung" von  Volker Schlöndorff.
Martina Gedeck und Lars Eidinger in "Heimsuchung" von Volker Schlöndorff. © Cannes Festival

Und weiblicherseits? Da gibt es Sandra Hüller, die jetzt mit "Der Astronaut" auch in Hollywood schon eine große Nummer ist. International wurde sie mit "Toni Erdmann", "Anatomie eines Falls" und "The Zone of Interest" berühmt: alle hatten ihren Start in Cannes! Hüller ist übermorgen da – mit "Vaterland" von Pawel Pawlikowski, gedreht auf Deutsch mit überwiegend deutschem Geld. Sie spielt Erika Mann, Hanns Zischler deren Vater Thomas Mann. Beide sind 1949 zum Goethejahr auf der ersten Reise zurück aus den USA ins auch moralisch zertrümmerte Deutschland. Auch die deutsche Regisseurin Valeska Griesebachs ist im Wettbewerb mit "Das geträumte Abenteuer", der eine Archäologin im bulgarisch-griechisch-türkischen Grenzgebiet einen Konflikt mit der Mafia verwickelt.

Erika Mann (Sandra Hüller) und ihr Vater Thomas Mann (Hanns Zischler) in "Vaterland". Der Film läuft im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele Cannes 2026.
Erika Mann (Sandra Hüller) und ihr Vater Thomas Mann (Hanns Zischler) in "Vaterland". Der Film läuft im Wettbewerb der Internationalen Filmfestspiele Cannes 2026. © Agata Grzybowska (BR Bayerischer Rundfunk)

Den deutschen Exzentriker Werner Herzog hat man allerdings verärgert: Er stellte sich auf den Standpunkt: Wettbewerb oder nichts! Da Festivaldirektor Thierry Fremaux ihn aber nicht um die Goldene Palme konkurrieren lassen, sondern in eine Nebenreihe stecken wollte, kommt Herzogs "Bucking Fastard" mit Rooney Mara und ihrer Schwester Kate nicht an die Cote d’Azur. Aber wer das mit dem "deutschen" Film großzügig auslegt, wird auch so weiter im Wettbewerb fündig. Die Österreicherin Marie Kreutzer hat mit "Gentle Monster" den Freitagabend-Gala-Ehrenplatz bekommen, und das könnte eine Feier des europäischen Kinos werden – mit Léa Seydoux, der Deutschen Jella Haase sowie Catherine Deneuve.

Auch ohne Studios kommen noch einige US-Stars an die Croisette

So bleibt die freudige Erwartung, dass Cannes in diesem Jahr einfach das Besondere des Kinos feiert – und so das schafft, ohne das es eben auch keine große Kino-Zukunft gibt: Entdeckungen. Denn das größte Filmfestival der Welt kann eben auch kleine und künstlerische Filme groß machen: Hier wurden in den vergangenen Jahren "Parasite", "Anora" oder "Ein einfacher Unfall" mit der Goldenen Palme ausgezeichnet oder "Anatomie eines Falls" und "The Zone of Interest" prämiert. Und einige große Schauspieler kommen in diesem Jahr durch Independent-Filme nach Cannes: Brendan Fraser, Bill Murray, Dustin Hoffman und Vicky Krieps spielen in einem Film von Andy Garcia und Kristen Stewart und Woody Harrelson werden auch erwartet.

Wer aber meint, nicht ohne das US-Kino auskommen zu können: Es gibt als US-Produktionen abseits der großen Studios im Cannes-Wettbewerb das Musical "The Man I Love" von Ira Sachs mit Rami Malek und Rebecca Hall und James Grays "Paper Tiger" mit Adam Driver und Scarlett Johansson. Und gleich am Freitag kommt sogar John Travolta – mit seinem nur 61-minütigen Regiedebüt – inspiriert von seiner Lust am Fliegen.

Trotzdem spürt man eine Nervosität, ob das alles reicht, um die Bedeutung von Cannes zu wahren, und die 5000 akkreditierten Medienvertreter auch in den kommenden Jahren an die teure Cote d’Azur zu bekommen. Als größte Filmmesse hinter dem Wettbewerb und dem Roten Teppich bleibt Cannes unangefochten. Aber Deals sind nur brancheninterne Nachrichten. Ohne globale Stars am Roten Teppich sieht das Festival weniger attraktiv aus.

Aber selbst US-Branchenblätter meinen: Vielleicht ist das 79. Festival nur eine Atempause, um im kommenden Jahr – zur 80. Ausgabe auch wieder das ganz große Hollywoodkino in die Filmkunst zu integrieren. 

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