Mehr Geld für Bayreuth, Kürzungen bei Pop: Weimer erklärt seine Entscheidung

Die Familie Wagner hat zwar in Person der Komponisten-Urenkelin Katharina Wagner das Sagen bei den Bayreuther Festspielen. Zu den heimlichen Herren des Hügels zählt neben Bayerns Kunstminister Markus Blume der Kulturstaatsminister Wolfram Weimer.
Beide sind durch ihr Amt die beiden zentralen Gesellschafter der Festspiele: Der Bund und der Freistaat halten jeweils 36 Prozent der Anteile, den Rest die Stadt Bayreuth (15 Prozent) und die mäzenatische Gesellschaft der Freunde von Bayreuth e.V. (13 Prozent). Die öffentliche Bezuschussung der Festspiele von derzeit insgesamt rund 30 Millionen Euro teilen sich die Gesellschafter entsprechend ihrer Anteile. Der Kulturstaatsminister hat unsere Fragen per Mail beantwortet.
AZ: Herr Weimer, warum kürzen Sie Gelder bei der Pop-Förderung und beim Reeperbahn-Festival in Hamburg, während Sie den Zuschuss für Bayreuth um eine Million Euro erhöhen?
WOLFRAM WEIMER: Es ist ein großer Erfolg, dass es gelungen ist, in den Regierungsentwurf für den Haushalt 2027 erstmals seit 2020 zusätzliche Mittel für die Bayreuther Festspiele vorzusehen. Das freut mich sehr, denn es unterstreicht die kulturpolitische Bedeutung der Festspiele und die gemeinsame Verantwortung des Bundes als Mitgesellschafter, der wir damit gerecht werden. Die Stärkung der populären Musik ist aber ein genauso wichtiges Anliegen des Bundes. Nehmen Sie als Beispiel etwa den kürzlichen Musikstreaming-Gipfel im Bundeskanzleramt. Wir haben zum ersten Mal die Musikerinnen und Musiker, Labels und Streamingdienste mit ihren unterschiedlichen Interessen an einen Tisch gebracht und sogar gemeinsam eine Zukunftsagenda beschlossen. Die angespannte Haushaltslage zwingt uns gleichzeitig dazu, Einsparungen vorzunehmen. Das betrifft verschiedene Projektförderungen. Das Reeperbahn-Festival hat sich dank der langjährigen massiven Finanzierung des Bundes zu einer international bedeutenden Plattform der Musikwirtschaft entwickelt. Kein anderes Musikfestival wurde in den letzten Jahren derart vom Bund unterstützt. Nun sollte seine Finanzierung jedoch fairer auf mehrere Schultern verteilt werden, und hier ist es wichtig, dass alle Partner ihren Beitrag dazu leisten.
„Gründlichkeit geht vor Schnelligkeit“
Ihre Vorgängerinnen hatten große Pläne: Monika Grütters wollte der Familie Wagner die Leitung entziehen, Claudia Roth wollte „Hänsel und Gretel“ aufführen. Haben Sie ein ähnliches Lieblingsprojekt?
Mein Ziel für die Bayreuther Festspiele ist klar: Ich will diesen Stern unserer Kulturnation noch mehr zum Leuchten bringen. Ich will den Geist dieses wunderbaren Ortes erhalten, seine unvergleichliche Aura auch für künftige Generationen erlebbar machen. Seit ihrer Eröffnung im Jahr 1876 stehen die Festspiele für musikalische Exzellenz, für künstlerische Innovation und das trotz ihrer wechselvollen Geschichte und ihren problematischen Verstrickungen. Gerade in den letzten Jahren konnte man eine mutige, kritische Auseinandersetzung mit dem Werk Richard Wagners beobachten. Diese Weiterentwicklung ist ganz wichtig.

Ihre Vorgängerin wollte 2024 einen General Manager installieren, um Katharina Wagner zu entlasten. 2025 wurde Matthias Rädel gefunden, aber er ist immer noch nicht angetreten. Warum dauert das so lange?
Gründlichkeit geht hier vor Schnelligkeit. Es braucht eine neue Organisationsstruktur als Grundlage für die künftige Führung der Bayreuther Festspiele. Das ist komplex und muss rechtlich und organisatorisch sauber aufgesetzt sein. Erst wenn dieser Rahmen steht, können auch die Verträge abgeschlossen werden. Ziel ist es, die neue Struktur nach den diesjährigen Festspielen in Kraft zu setzen. Der Verwaltungsrat steht dazu in engem Austausch mit Katharina Wagner und Matthias Rädel. Dass der Prozess länger gedauert hat als ursprünglich geplant, liegt auch daran, dass die Vorbereitungen für die Jubiläumssaison 2026 zum 150-jährigen Bestehen der Bayreuther Festspiele natürlich anspruchsvoll und zeitintensiv sind.

Ist die verschachtelte Form einer Stiftung mit Unter-GmbHs wirklich die ideale Form für dieses Festival?
Die Bayreuther Festspiele GmbH und die Richard-Wagner-Stiftung sind zwei eigenständige Einrichtungen mit unterschiedlichen Aufgaben. Die Festspiele werden von der GmbH organisiert und durchgeführt, während die Stiftung Eigentümerin des Festspielhauses ist und dessen langfristigen Erhalt sichert. Die GmbH ist also keine „Unter-GmbH“ der Stiftung, sondern Mieterin des Festspielhauses. Diese Aufgabenteilung hat sich grundsätzlich bewährt. Entscheidend ist aus meiner Sicht weniger die Rechtsform als eine moderne, effiziente Organisationsstruktur mit klaren Verantwortlichkeiten. Und genau daran arbeiten wir derzeit.
„Mitgefühl, Schuld, Erlösung und Menschlichkeit“
Zwei der vier Finanziers, die Gesellschaft der Freunde von Bayreuth und die Stadt Bayreuth, klagen über Geldmangel, der Bund kann Zusagen nur von Jahr zu Jahr geben, was schlecht zum Planungsvorlauf des Opernbetriebs passt. Wäre es nicht sinnvoller, die Festspiele in ein bayerisches Staatstheater umzuwandeln?
Aus meiner Sicht ist hier eine Sache entscheidend: Alle vier Gesellschafter stehen zu ihrer Verantwortung für die Bayreuther Festspiele und tragen gemeinsam dazu bei, diese zukunftssicher zu machen. Natürlich handeln alle beteiligten Akteure innerhalb ihrer eigenen finanziellen und haushaltsrechtlichen Rahmenbedingungen. Aber das gemeinsame Ziel ist es, die Bayreuther Festspiele als international herausragenden Kulturort langfristig zu erhalten.

Mögen Sie eine Oper von Wagner lieber als andere?
Mein persönlicher Lieblings-Wagner ist „Parsifal“. Vielleicht habe ich schon alleine wegen meines Vornamens eine Verbindung dazu, ich bin tatsächlich nach Wolfram von Eschenbach benannt. Parsifal verbindet außergewöhnliche Musik mit großen Fragen wie Mitgefühl, Schuld, Erlösung und Menschlichkeit. Hier stehen nicht Macht oder Heldentum im Mittelpunkt, sondern die Erkenntnis, dass wahre Größe aus Empathie entsteht. Das fasziniert und beeindruckt mich und ist auch heute aktueller denn je.

Gibt es eine Wagner-Aufführung, die Sie persönlich besonders beeindruckt hat?
Besonders bleiben mir die Bayreuther Festspiele 2025 im Gedächtnis, die Neuinszenierung der „Meistersinger von Nürnberg“. Dieses Werk beschäftigt sich mit einer spannenden Frage, nämlich, wie es gelingt, große Traditionen zu bewahren und gleichzeitig Raum für Neues zu schaffen. Genau darin liegt für mich eine besondere Faszination. Dazu kam die einzigartige Atmosphäre auf dem Grünen Hügel. Das war für mich ein außergewöhnliches Kulturerlebnis.
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