Wir erleben Poesie wie Amélie

Im Musicaltheater im Werksviertel hat morgen „Die fabelhafte Welt der Amélie“ Premiere. Christoph Drewitz hat den Kultfilm für die Bühne arrangiert
| Adrian Prechtel
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Als Zuschauer sind wir ins „Café des 2 Moulins“ eingeladen. Darüber ist Amélie Poulains kleine Wohung, wo auch die Live-Band spielt.
Franziska Hein / Stage Entertainment Als Zuschauer sind wir ins „Café des 2 Moulins“ eingeladen. Darüber ist Amélie Poulains kleine Wohung, wo auch die Live-Band spielt.

Im Musicaltheater im Werksviertel hat morgen „Die fabelhafte Welt der Amélie“ Premiere. Christoph Drewitz hat den Kultfilm für die Bühne arrangiert

Das Werk 7 ist eine ehemalige Kartoffelhalle des Pfanni-Geländes am Ostbahnhof. Die größte deutsche Musical-Produktionsfirma, die Hamburger Stage Entertainment, hat hier ein charmantes Theater hineingebaut. Nach der Musical-Adaption von „Fack ju, Göhte!“ ist jetzt „Amélie“ dran – nach dem Film von Jean-Pierre Jeunet aus dem Jahr 2001.

AZ: Herr Drewitz, der Film „Amélie“ ist eigentlich mehr Gefühl als Handlung.
CHRISTOPH DREWITZ: Das stimmt. Für so viele ist „Amélie“ ja so eine starke Kinoerinnerung, aber eben mehr als Gefühl. Denn Amélie Poulain ist ja nicht die typische Heldin, sie sucht ja vor allem nach ihrem Platz in der Welt, weil sie durch ihre lieblose Kindheit traumatisiert ist. Ihre Traumwelt ist deshalb ein Rückzugsort, ein Ort der Sicherheit. Diese Phantasiewelt prägt den Film mehr als die Handlung. Aber keine Angst: Es gibt natürlich eine Handlung und die ist – wie im Film – ganz klassisch und modern: „Girl meets Boy!“ Denn Amélie ist zwar scheu, aber kein Kind von Traurigkeit. Sie hat auch Sehnsüchte und muss sich öffnen, raus – auch aus sich selbst.

Der Film ist 2001 herausgekommen. Muss man da heute mit der Inszenierung einen Zeitsprung machen?
Amélie könnte auch heute noch im „Café des 2 Moulins“ Kellnerin sein. Das ist ein zeitloses modernes Märchen, auch wenn es klare Referenzen gibt, wie den Tod von Lady Di. Der löst etwas in Amélie aus: Das war eine Frau, die wurde Prinzessin und wurde Ikone. Und jetzt, wo sie tot ist, sucht Amelie eine Parallelität in sich, sieht, dass Millionen Menschen um diese Prinzessin trauern und möchte auch so eine Heiligenfigur sein.

Man könnte es mit Whitney Houston modernisieren.
Aber die ist nicht durch Minenfelder gelaufen, war nicht Prinzessin. Ich glaube der Tod von Lady Di war ein unvergleichbares, globales Medienereignis – wie die Mondlandung.

Amélies Welt kennt noch keine Handys.
Die lassen wir auch weg, weil das die Kommunikation wirklich völlig verändert hat. Mit Handys verlieren die Geschichten Romantik und Posie.

Wie macht man aus einem unsterblichen Film ein Musical?
Man muss die Atmosphäre des Films in das andere Genre – ins Musical – rüberbringen. Film hat andere Möglichkeiten, aber wir haben die Musik. Und Amélie muss bei uns aktiver sein. Wir können ihre Introvertiertheit in der Musik ausdrücken und ihr dann eine musikalische Entwicklung geben.

Der Film hat ja bereits die Musik von Yann Tiersen.
Die muss natürlich drin sein, die löst was aus bei den Leuten. Aber dazu gibt es natürlich noch die Musik aus der New Yorker Musicalversion.

Das war aber für den amerikanischen Markt.
Und deshalb haben wir auch beschlossen: Wir holen das musikalisch zurück nach Europa, verstärken wieder den Akzent von Yann Tiersen, weil wir Frankreich näher sind als die Amerikaner. Wir haben also neu orchestriert, weniger Folk gemacht, Songs gestrichen und neue dazugenommen. Und zwei Schauspieler, die Akkordeon spielen, sind jetzt auch dabei. Aber man darf Paris nicht zum Klischee verkommen lassen und Leute mit Baskenmütze und Baguette zeigen, auch wenn’s im „Café des 2 Moulins“ natürlich Baguette gibt.

Was machen Sie mit dem Raum, einer ehemaligen Kartoffelhalle? Bei „Fack ju, Göhte“ war er ja Klassenzimmer und Turnhalle....
Bei „Amélie“ ist der örtliche Kern das Café.

Und andere Räume? Die Metro?
Solche Räume bauen wir in der Phantasie mit wenigen wunderschönen Theatermitteln, Geräuschen und Lichteffekten. Wir haben keinen Vorhang und schieben auch keine Kulissen herum, sondern der Zuschauer soll sich im Café mit Tischen, Stühlen und Bar wohlfühlen. Man sitzt mit den Schauspielern da drin und ist dann dabei, wenn die Szenen und Orte ineinander übergehen.

Sie setzen auch Puppen ein.
Ja, für die Kindheit. Man kann natürlich die Kindheit mit einer anderen Schauspielerin erzählen. Dann: Licht aus, Licht an – und wir sind ins Erwachsensein gesprungen. Aber wir machen das poetischer, berührender: Wir haben Puppen für das Kind in Amélie. Und man vergisst bei Puppen ja nach wenigen Augenblicken, dass es eine Puppe ist, man fühlt sich sofort ein und ist verzaubert. Und der Gartenzwerg und der Goldfisch sind auch Puppen: ebenfalls ein poetisches Comedy-Element.   

Ab morgen, 14. Februar, täglich außer montags, Atelierstraße 8 (hinterm Ostbahnhof) 29.90 – 79.90 Euro, Tel: 01805-4444

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