Willkommen in der Venusfalle: „Enjoy Schatz“ von und mit Jovana Reisinger
Die Muschel auf der Bühne ist nicht unbedingt eine Muschel. Vielmehr ist sie eine Schatulle im Stile der „Polly Pockets“, jener Spielzeug-Serie, die sich seit den späten 1980er-Jahren zu einem Verkaufsrenner bei jungen Frauen entwickelte und aus heutiger Sicht Nostalgie erzeugt. In der schmucken Dose befinden sich diverse Mikrokosmen, Ausschnitte aus der Lebensrealität von Püppchen, allen voran die namensgebende „Polly Pocket“. Und so heimelig die Interieurs aussehen mögen, ein bisschen hat die Klapp-auf-Klapp-zu-Ästhetik der Schatulle auch etwas von einer Falle.
Ein Stück Autofiktion hat Jovana Reisinger mit „Enjoy Schatz“ geschrieben, in vollem Bewusstsein, dass sie sich damit in ein beliebtes Genre einschreibt, und entdeckt gleich mehrere Fallen, in die Autorinnen in diesem literarischen Feld tappen können. Denn „werden weibliche Schreibende nicht sowieso mit ihren Figuren verwechselt?“
Und wenn sie über Sex schreiben, riskieren sie nicht erst recht die Abwertung, der Frauen, die „gerne vögeln“, ausgesetzt sind? „Wenn sich die Schlampe mit ihrem Minirock selbst in Gefahr bringt, tut es dann auch die Schriftstellerin mit ihrem sexy Text?“
Verachtung des weiblichen Werks?
Reisinger selbst tritt zu Beginn auf die Bühne, schafft im frontalen Vortrag den metafiktionalen Rahmen für die Theateradaption ihres Buchs. Zwei Jahre nach der Berliner Uraufführung wandert das Stück nun in leicht veränderter Konstellation und Spielfassung an die Kammerspiele. Auf die „Geringschätzung weiblichen Schreibens“ kommt Reisinger später noch einmal zurück, zitiert Elfriede Jelineks Ausspruch von der „Verachtung des weiblichen Werks“.

Dass der Körper und das Erscheinungsbild einer Autorin in der Rezeption neben oder anstatt ihrer Schöpfungen in den Blick geraten, hat Reisinger selbst immer wieder erlebt, auch, dass sie und ihre Figuren gleichgesetzt werden. Zu beklagen ist: „Misogynie in der Kritik. Pardon. Misogyne Tendenzen in der Literaturkritik.“
Als männlicher Theaterkritiker sitzt man nun vor Sarah Kohms Inszenierung wie eine Fliege, vor der sich freundlich der Schlund einer Venusfalle öffnet. Denn entweder umarmt man den Abend, in dem ein Feminismus gefeiert wird, der zu Recht darauf pocht, dass Intellekt, Talent und Sexyness bei einer Frau sehr wohl zusammengehen, selbst wenn manche (Männer) angesichts schöner Oberflächen reflexhaft oberflächlich urteilen. Oder man hinterfragt, ob das Buch wirklich durchdacht und interessant auf die Bühne gebracht wurde und riskiert dabei, in die Phalanx der misogynen Kritiker eingereiht zu werden.

„Du bist schon ein armes Würstchen“, hört man innerlich Jovana Reisinger ob solcher Bedenken sagen. Vielleicht sind solche Haltungsschwankungen bereits Beweis genug dafür, wie clever sie Ambivalenzen erzeugen kann. Während Reisinger im schwarzen Edel-Fitness-Dress auf einem Podest in felligem Ambiente ihren Platz auf der einen Seite findet, öffnet sich auf der anderen die Schatulle, wo sich eine Garderobe, ein großer Spiegel, ein Erker mit Blumen, ein Bett befinden (Ausstattung: Lena Marie Emrich). Aus der Decke schält sich Nadège Meta Kanku als Alter Ego der Autorin, eine Kreatur, die im Kontakt mit ihrer Erfinderin ein Jahr im Zyklus der vier Jahreszeiten durchspielt.
Sie mag es, als Barbie unterschätzt zu werden
Die Jovana Reisinger auf der Bühne ist dabei nicht unbedingt Jovana Reisinger. Vielmehr ist sie eine Kunstfigur, von Reisinger gespielt, also nicht zu verwechseln mit der Autorin. Als „reale Schriftstellerin“ sagt sie der von Kanku gespielten „fiktiven Schriftstellerin“, dass sie über alles bestimmen wird, „aber keine Sorge, ich schreib dir ein schönes Leben.“ Was bedeutet: „Sie liest und isst gern, sie zieht sich gerne an und mag es mitunter, als Barbie kategorisiert und unterschätzt zu werden. Sie hat viele Freund*innen, sie ist beliebt und kriegt hin und wieder von irgendwelchen PR-Agenturen Geschenke.“
Den Begriff „Tussi“ hat Reisinger für sich vereinnahmt und aufgewertet. Er steht für eine Frau, die sich ihren Wünschen freimütig hingibt und dabei auf den kritischen Blick von außen pfeift. Mit mal schwebenden, mal mechanisch wirkenden Bewegungen, trippelnden Schritten und glamourösen Posen gibt Nadège Meta Kanku nun das heitere Bild einer „Tussi“ ab, die im Laufe der Jahreszeiten nach Sex und anderen Genüssen sucht und dabei ihre Schöpferin als Dirigentin und Dompteuse zur Seite hat.

Die Dynamik zwischen den beiden würde vielleicht verloren gehen, wenn Nadège Meta Kanku ihre Rolle weniger akzentuiert spielen würde - aber sollte die „Tussi“ nicht mehr als eine Karikatur sein? Über weite Strecken entspricht die Figur dem Klischee, aber vielleicht ist man da schon wieder in eine Denklücke hineingefallen und wird bewusst mit einem Abbild der eigenen Vorstellungen konfrontiert.
Das freie Leben ist prekär
Reisinger gibt Einblicke in den sexuellen Werdegang einer Frau, die zunächst „mit den Fiesen, den Rammlern, den Gemeinen und Aggressiven“ ins Bett geht, weil sie ihre eigenen Grenzen noch finden muss. Die Souveränität ihrer Figur lässt sie immer wieder zusammenbrechen. Es gibt nun mal keine Sicherheiten. Sowohl der Gatte als auch der Lover trennen sich von dem Schätzchen. Auch beim Honorarverhandeln mit einer Verlegerin erweist sie sich als Niete. Das „freie“ berufliche Leben ist prekär, die Zuversicht stirbt zuletzt - bei Reisinger, die zum diesjährigen Bachmann-Wettbewerb nach Klagenfurt eingeladen wurde, sieht es jedoch recht safe aus.

Hinter dem Hedonismus und der entschlossen gelebten Promiskuität ist eine Sehnsucht nach „echter“ Liebe spürbar, die kaum gestillt wird. Der nächste Frühling beginnt, und nachdem Nadège Meta Kanku, die ihre Rolle beachtlich konsistent durchzieht, ein letztes Lied gesungen hat, schließt sich die Schatulle.

Die Muschel als weiblicher Safe Space bleibt also erhalten, aber vielleicht ist sie ja auch eine allzu bequeme Komfortzone, eine Falle, der es zu entkommen gilt. Einen finalen Ausbruchsversuch wagt die fiktive Autorin nicht, aber immerhin genießen sie und ihre Schöpferin zwischendurch ganz entspannt Schampus und Austern.
Ob die 90-minütige, recht lose Mixtur aus Romanlesung und Spiel mitreißendes Theater ergibt, liegt natürlich im Auge des Betrachters. Die Verletzlichkeit und Selbstironie, die Jovana Reisinger und Nadège Meta Kanku durchschimmern lassen, machen den Abend jedenfalls sympathisch.
Therese-Giehse-Halle, wieder am 5. und 9. Juni; 2., 28. und 29. Juli, 20 Uhr, Telefon 233 966 00
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