Wie eine entgleiste Durchlaufprobe - "Der Spieler" nach Dostojewski

Dostojewskis „Der Spieler“ in einer Version von Christopher Rüping an den Kammerspielen
| Matthias Hejny
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Der Spieler Thomas Schmauser und Jasper Kohrs.
David Baltzer Der Spieler Thomas Schmauser und Jasper Kohrs.

Tiere und Kinder auf der Bühne – ein ebenso alter wie immer wieder bestätigter Theateraberglaube – bringen Unglück. Die aktuelle Dostojewski-Zubereitung der Münchner Kammerspiele beginnt mit gleich vier spielenden Kindern. Nach einer katastrophalen Darbietung sind die lieben Kleinen aber die einzigen, die den Eindruck erwecken, zwar nicht wirklich zu wissen, aber zumindest irgendwie geahnt zu haben, was sie da tun. Und wir sind mitten in der Vorweihnachtszeit, die die traditionelle Zeit fürs Kindertheater ist. Dabei ist es eine sehr starke Idee, die Kinder ins Zentrum zu rücken.

Regisseur Christopher Rüping verdoppelt die beiden Sprösslinge des Generals, die vom Romanautor stark vernachlässigt wurden. Sie weiten das Bedeutungsfeld von „spielen“ vom kindlichen Herumtoben, über das „etwas vorspielen“ im Sinne von Täuschung bis zum Glücksspiel der Erwachsenen, das die Zerstörung einer Person und ganzer Familien bedeuten kann. Am Ende ist die Rasselbande, liebenswert kess gespielt von Kaspar Huber, Jasper Kohrs, Zoé von Weitershausen und Marlene Witzigmann, eine verlorene Generation, die sich auf dem Erbe der Vorfahren niederlässt – eine Landschaft von Umzugskartons, denn Eltern und Großeltern haben ihre Vermögen verzockt.

Kapitalismus ist wieder mal doof

Die leeren Kisten bestimmen den ganzen Abend über das Bühnenbild von Jonathan Mertz und künden vom Nichtzuhausesein, dem Sichfremdsein der Figuren. Die Verlängerung des Teppichbodens aus dem Parkett des Schauspielhauses auf die Bühne sagt dem Zuschauer: Die alberne Gesellschaft, der ihr heute Abend zuschaut, seid ihr.

Der Regisseur wiederum hat genau zwei Botschaften: Kapitalismus ist doof, und wer einen Roman kapieren will, soll ihn daheim lesen und nicht ins Theater gehen. Ansonsten macht der 30-Jährige struppige Russendisko und was einem sonst noch so durchs Hirn rauschen könnte, wenn man den Auftrag hat, ein Stück russische Literatur, das zufälligerweise den Titel „Der Spieler“ trägt, auf die Bühne zu bringen. Was jetzt zur Premiere gezeigt wurde, ist auf dem Stand einer entgleisten frühen Durchlaufprobe.

Der Meister dieses nicht kindlichen, sondern kindischen Impro-Chaos ist zweifellos Thomas Schmauser als vergeblich in des Generals Stieftochter Polina verliebter Hauslehrer Aleksej. Der zieht alle Register seiner intensiven Darstellungskunst, brüllt, kreischt, barmt und harmt bis das Casino wackelt.

In diesem Rahmen, der keiner ist, läuft die Schmauser-Show aber spektakulär ins Leere. Klar sind nur die Signale, wenn gerade mal nicht gekichert werden soll. Dann senken sich Stille über den Saal und auch die Stimmen, die Schauspieler sprechen plötzlich verständlich, man redet über Liebe, Geld, Gier, Macht und all so Zeug.

Das kommt Anna Drexler entgegen, denn ihre Polina funktioniert nicht im Ulknudel-Modus. Der Vollständigkeit halber soll erwähnt werden, dass Gundars Abolins als General in ein affiges Bärenkostüm gesteckt wird, Niels Bormann den schnöseligen Marquis Des Grieux so schnöselig spielt, wie die Franzosen halt so sind, und der Souffleur Joachim Wörmsdorf den arroganten Engländer geben und oft auch noch so unglücklich auf der Bühne sitzen muss, dass er die Sicht stört. Die wenigen, aber herzhaften Buhs am Premierenabend hat sich Christopher Rüping ehrlich verdient.

Münchner Kammerspiele (Kammer 1), Sonntag, erster Weihnachtstag, 18 Uhr, 30. Dezember, 5., 14. Januar 19 Uhr, 23., 27. Januar 19.30 Uhr

 

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