Wer in der Lotterie des Lebens gewinnt, darf schöner wohnen

Drei Inszenierungen mit israelischer Beteiligung zum Start des Festivals „Radikal jung“
| Michael Stadler
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Ingeborg Bachmanns „Die Radiofamilie“ kommt am Dienstag auf die „Radikal jung“-Bühne.
Raphael Hadad Ingeborg Bachmanns „Die Radiofamilie“ kommt am Dienstag auf die „Radikal jung“-Bühne.

Einmal Millionär sein, diese Fantasie lässt sich erfüllen, zumindest in einem theatralischen Zusammenhang. Zu Beginn von „Life & Strive“ darf sich jeder Zuschauer mit einer Reichen-Identität ausstatten, von der Juwelierin bis zum CEO, und man bekommt dazu von einem Kostümbildner schicke Kleidung und Accessoires verpasst. So ist man bereit für die Besichtigung einer gerade im Bau befindlichen Penthouse-Wohnung in München. Fläche: 200 Quadratmeter. Preis: drei Millionen Euro.

Radikal jung schreitet in seiner zehnten Ausgabe gleich zum Start voran, in Richtung eines grenzsprengenden Theaters junger Regisseure, die ihr Publikum aus der Zuschauerrolle heraus- und ins Geschehen hineinreißen wollen: Du sollst nicht glotzen, sondern etwas selbst erleben. Seine Premiere hatte „Live & Strive“ von Anat Eisenberg und Mirko Winkel in der Türkei, wo die Teilnehmer sich im Luxus-Wohnturm „Sapphire of Istanbul“ als Interessenten ausgaben. Das Identitätsspiel ließ sich auf Jerusalem übertragen, München bot sich als dritte Spielstätte an. Die Nervosität, die man als Fake-Millionär bei der Besichtigung hat, legt sich bald: Der zuständige Makler führt einen durch eine Baustelle, die sich in ein Wohnparadies verwandeln soll. Und man fragt sich, was man tatsächlich machen würde, wenn man Millionär wäre – oder selbst Vermieter in einer Stadt, wo solche Preise möglich sind.

Blick über den Tellerrand

Auf Fragen der eigenen Haltung wird man auch beim zweiten interaktiven Projekt zum Radikal jung-Start zurückgeworfen: In „The Lottery“ des israelischen Duos Saar Székely und Keren Sheffi werden die Teilnehmer mit einem Computerterminal konfrontiert. Der Computer ruft Einzelne oder Untergruppen zu sich und gibt Anweisungen, die man erfüllen kann oder auch nicht. Ein Party-Spiel, für Alkohol ist gesorgt. Und wie erleichternd es ist, wenn man von der Last des freien Willens enthoben und in eine Gemeinschaft der sich fremden, annähernden Spielenden aufgehoben ist. Oder ist der hier aus Spaß meist vorhandene Befehlsgehorsam nicht letztlich eine, auch historisch gesehen, gefährliche Neigung?

Unbequeme Wahrheiten, im Kleid einer Performance zwischen Wirklichkeit und Fiktion: Basierend auf dem „Zionist Creation Award“, den das israelische Kultusministerium 2011 erstmals ausgelobt hat, veranstaltet Eyal Weiser mit „This is the Land“ einen Salon all jener, die mit ihrer Bewerbung scheiterten. Drei (erfundene) Künstler zeigen ihre Vorschläge, hinter denen ambivalent schillernde Haltungen stecken, die einer auf Pro-Zionismus eingestellten Jury bestimmt nicht genehm wären.

Gali Sudanski bastelt sich mit haarsträubenden Neuigkeiten aus Israel eine (modisch) heterogene Identität zusammen. Ayala Opfer präsentiert Fotos und imaginierte Tagebucheinträge, inspiriert von ihrer alten Nachbarin, hinter deren Schizophrenie sie fälschlicherweise ein Holocaust-Trauma vermutet. Und Regev Huberman macht aus seiner Familiengeschichte eine Performance mit Beat-Box-Einlage: So klingen verschiedene Bomben und Granaten, so klingt die Musik des Krieges.

Als deutscher Zuschauer ringt man mit dem Verständnis – ein wenig ist das so, wie wenn ein bayerischer Kabarettist in Israel auftreten würde, um Pointen über den Status quo der deutschen Politik abzuschießen. Was viel harmloser wäre. Und vielleicht ist das auch eine wertvolle Erfahrung: informiert und überfordert zu werden, als Ansporn, viel mehr über den Tellerrand zu blicken.

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