Wer es in "Faust" krachen lässt

Wie funktionieren die gewaltigen Explosionen in Martin Kušejs Inszenierung von Goethes „Faust“? Eine Schülergruppe aus Schäftlarn hat im Residenztheater nachgefragt
| Arno Bedrich, Phillip Hübner, Isabella Schrills, Flurina Schuster, Jakob Vranek, Gymnasium der Benediktiner Schäftlarn
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Peter Jannach mit den Schülern aus Schäftlarn.
RBR Peter Jannach mit den Schülern aus Schäftlarn.

Keine zehn Minuten nach Beginn reißt den Zuschauer eine gewaltige Explosion aus dem Theaterschlaf. Faust lässt das Häuschen von Philemon und Baucis in die Luft jagen, weil es seinen Planungen im Weg steht. Selbst in der letzten Reihe spürt man noch die Hitze dieser Explosion. Der Pyrotechniker Peter Jannach ist in der Inszenierung von Martin Kušej am Residenztheater für diesen Effekt zuständig.

AZ: Herr Jannach, was müssen Sie denn vor der Explosion vorbereiten und wie funktioniert das Ganze?
PETER JANNACH: Vor der Vorstellung brauche ich ungefähr eineinhalb Stunden, um die Kabel zu verlegen, die Zündgeräte anzuschließen und Verbindungen zu testen. Ich stehe auf der Seitenbühne und bekomme ein Lichtzeichen. Dann löse ich die Explosionen aus. Sie werden elektronisch über Funk gezündet. In der Pause muss ich für eine zweite Explosion das Ganze innerhalb von 20 Minuten nochmal neu einrichten

Wie wird die gewaltige Flamme erzeugt?
Mit Lycopodium. Das sind Bärlappsporen, die Öle enthalten und sehr gut brennen, wenn sie zerstäubt werden. Diese Methode wird bereits seit dem Mittelalter zum Erzeugen pyrotechnischer Effekte benutzt.

Geht da auch mal was schief?
Höchstens zündet ein Effekt nicht. Mehr ist bisher noch nicht passiert, Toi Toi Toi.

Gibt es Sicherheitsmaßnahmen?
Grundsätzlich sind offenes Feuer und Licht auf der Bühne verboten. Man braucht dafür eine Sondergenehmigung der Branddirektion. Außerdem sind bei jeder Vorstellung mindestens drei Mitarbeiter der Münchner Berufsfeuerwehr anwesend.

Mussten die schon einmal eingreifen?
Bei „Faust“ nicht, jedoch musste einmal eine andere Vorstellung unterbrochen werden, weil Nebel von der Bühne in die Garderoben gezogen ist und einen Feuermelder ausgelöst hat.

Die Zuschauer werden im Internet vor extremer Lautstärke bei „Faust“ gewarnt. Wie schützen sich die Schauspieler?
Ab einer Lautstärke von 135 Dezibel bei Schüssen oder Explosionen muss Gehörschutz bereitgestellt werden, ab einer Lautstärke von 137 Dezibel muss er getragen werden.

Stehen Sie jeden Abend hinter der Bühne?
Ich bin nicht bei jeder Aufführung dabei, nur bei gröberen und schwierigeren Explosionen oder wenn Not am Mann ist. Ich bin nicht nur Pyrotechniker, sondern arbeite eigentlich in der Rüstkammer, die zur Requisite gehört. Dort bin ich für Waffen zuständig.

Was sind denn eigentlich Requisiten?
Alles, was Schauspieler in den Händen halten. In Kušejs Faust-Inszenierung kommen viele kleine Gegenstände wie Geldscheine, Blumen, Flaschen, Kanister und jede Menge Blut vor. Je nachdem, ob der Schauspieler das Blut in den Mund nehmen muss oder seine Hände darin wäscht, ist dafür entweder die Maske oder die Requisite zuständig. Gerade war ein Kollege da, der Blut gebracht und im Gegenzug Kunstsperma mitgenommen hat.

Wie viele Mitarbeiter hat die Requisite am Bayerischen Staatsschauspiel?
Wir sind 17 Mitarbeiter und betreuen drei Bühnen: Residenztheater, Cuvillièstheater, Marstall und diverse Probebühnen.

Wie sind Sie denn selber zum Theater gekommen?
Es war mehr oder weniger Zufall. Ich habe in Traunreut bei Siemens Feinblechner gelernt und als das Theater jemanden für die Rüstkammer gesucht hat, der sich mit Blech auskennt, wurde ich als Aushilfe engagiert. Später habe ich noch ein paar Kurse zum Pyrotechniker belegt. Seit 1991 bin ich fest angestellt.

Haben Sie Kušejs Faust Inszenierung von 2014 schon mal aus dem Zuschauerraum gesehen?
Nein, nur von der Seite.

Sie arbeiten meistens abends. Leidet Ihr Familienleben darunter?
Das ist bei mir ganz besonders, denn meine Frau ist Trambahnfahrerin und hat noch ganz andere Arbeitszeiten.

Johann Wolfgang von Goethe „Faust“ wieder im Residenztheater am 29. und 30. April um 19 Uhr


P-Seminar Kultur-Journalismus: Fit für die Medienzukunft

Dieses Interview mit dem Pyrotechniker entstand bei einem Projektseminar für Schüler der gymnasialen Oberstufe. Eine Gruppe erarbeitete mit dem BR-Theaterkritiker Christoph Leibold einen Hörfunkbeitrag zu dem Stück, die andere mit AZ-Redakteur Robert Braunmüller einen Text für diese Zeitung.

Dieses P-Seminar ist Teil der Bildungsprojekte des BR. Der Sender setzt sich zum Ziel, in Projekten und Seminaren Schüler wie Erwachsene für die Anforderungen des medialen Zeitalters fit zu machen.

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