Wenn Nacktheit sprachlos macht

Radikal offen, aber skandalfrei: Das Körpertheater mit dem sperrigen Namen „Spectacular Lightshow Of Which U Don't See The Effect“ in der Spielhalle
| Mathias Hejny
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Vorübergehend ist die Nacktheit von Risto Kübar (li.) und Benny Claessens allerdings nicht: In dem zweieinhalbstündigen Stück in der Spielhalle bleiben sie konsequent nackt – und wortlos.
Conny Mirbach Vorübergehend ist die Nacktheit von Risto Kübar (li.) und Benny Claessens allerdings nicht: In dem zweieinhalbstündigen Stück in der Spielhalle bleiben sie konsequent nackt – und wortlos.

Unübersichtlich paradiert der lange Titel über den Spielplan der Kammerspiele, verspricht aber, was die spektakulären Lichteffekte angeht, nicht zu viel. Am Ende knattert ein Feuerwerk. Währenddessen verlassen die beiden Darsteller nackig wie Gott sie schuf und die Patschhändchen haltend die Bühne.

Nach dem, was bisher geschah, wirken sie wie Adam und Eva, die gerade aus ihrer eigenen Hölle vertrieben werden. Als Kino noch prüde war, zündete man, wenn die Liebenden zum Punkt kamen, ein Feuerwerk. Wenn sich Grace Kelly und Cary Grant in die Arme fallen, schwenkt Alfred Hitchcock die Kamera diskret ab auf den bunten Zauber über den Dächern von Nizza.

Bei „Spectacular Lightshow Of Which U Don't See The Effect“ von und mit Benny Claessens und Risto Kübar gibt es keine Diskretion und kein Wegschwenken: Nach einem freundlichen „Danke schön, dass Ihr da seid“, ziehen sich beide aus und machen das, was sie als „Körpertheater“ bezeichnen.

Nach oberbayerischen Maßstäben ist der schmale Kübar aus Estland ein „Krischperl“ und der korpulente Belgier Claessens ein „gstandnes Mannsbild“. Ihnen bei textilfreiem Theater zum Thema Liebe im Allgemeinen und schwule Liebe im Besonderen zuzusehen, ist weder erotisch oder sonst irgendwie schön.

In dem Schlafzimmer mit Küchenbereich (Ausstattung: Teresa Vergho) versuchen zwei selbstvergessen mutige Schauspieler eine Grenzverschiebung zwischen einem Theater, das nach Authentizität und Wirklichkeit sucht, und privatem Exhibitionismus.

Das zweieinhalb Stunden währende, völlig wortlose Ringen um Nähe und Zärtlichkeit, Abstoßen und Kämpfen, präsentiert sich in der Spielhalle so radikal offen und verletzlich, dass im Uraufführungspublikum kein Gedanke an einen Skandal aufkam – statt dessen freundlicher Schlussapplaus, dem sich Claessens und Kübar nur ein einziges Mal stellten.

Spielhalle der Münchner Kammerspiele, 30. Juni, 1., 9. Juli, 19.30 Uhr, Tel.: 23396600

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