Wenn die Totengräbergewerkschaft tagt: "Der Boandlkramerkongress" in der Komödie im Bayerischen Hof
Der Brandner Kaspar ist ja so etwas wie der bayerische "Faust" - nicht nur wegen des Teufelspakts. Immer aktuell, immer beliebt, ein Fixstern auf den Bühnen der Münchner Theater. Kult könnte man sagen. Da dran was machen? Schwierig, aber nicht unmöglich. Das dachte sich wohl auch Wolfgang Maria Bauer, der nicht nur eine Fortsetzung schrieb, sondern fürs Landestheater Niederbayern zwei Teile erdachte und die G’schichtn rund um den so verschrobenen wie gewieften Schlosser, Büchsenmacher und Jagdgehilfen Brandner zu einer Trilogie erweiterte.

Nicht nur das: Bauer ist Autor, Regisseur, Bühnenbildner und Hauptdarsteller in Personalunion. Und um eine Personalunion geht es auch im "Boandlkramerkongress", der 2025 in Landshut uraufgeführt wurde. Eine Gewerkschaft der Tode muss her, von denen es in diesem Himmel viele Regionalvarianten gibt.
Das Paradies inklusive Fegefeuer ist eine zweigeschossige Stadel-Kulisse mit etwas Lüftlmalerei, deren Öffnungen mit Vorhängen geschlossen werden können und die immer wieder nach vorn oder nach hinten geschoben wird. Flankiert wird das von einem Haufen an Torflügeln, die wie aufwändige Paravents dekorativ, aber eher sinnlos an den Bühnenrändern herumstehen. In kurzen Szenen muss dieses Gebilde auch als irdisches Wohnhaus herhalten. Ganz gleich, auf welcher spirituellen Ebene machen die tatsächlichen Ebenen Laune und werden immer wieder clever eingesetzt - zwischen Kirchenkanzel und Showtreppe ist alles dabei.

Damit auch alle die inhaltlichen Transfers mitgehen können, liefert eine junge Engelin (Hanna Habersetzer) ein "Was-bisher-geschah"-Gstanzl zu Hackbrettbegleitung ab, als müsste sie halbfreiwillig auf einem Schulkonzert auftreten. Das sorgt für den ersten Lacher und leitet die Reihe der gelungenen Witze ein, die aus der interessanten Grundidee entspringen.
Leider ist das nicht immer so. Über den Verlauf der Inszenierung hinweg ist es eher wie beim "Multitasking im Dunkeln": Tolle Momente wechseln sich mit gröberen Fehlgriffen ab.

Der seit Franz von Kobells Original dem Alkohol verfallene Boandlkramer (sehr fertig, sehr körperlich, sehr grantig: Beatrice Richter) macht seinen Job nicht mehr richtig, bringt statt den bestellten Frauen irgendwelche Jochens und ächzt unter der Mehrbelastung - seit den paar Kelten in Manching sind in den vergangenen Jahrtausenden ja einige Bayern hinzugekommen.
Auch der Brandner Kaspar - von Bauer schön bauernschlau und lederhosig angelegt - hat ein Problem: Er hat seinen Hochzeitstag nicht auf dem Schirm und soll seiner Holden (Ines Schmiedt) nun auf die Schnelle ihr altes Hochzeitskleid besorgen. Nach einem etwas plakativen, aber authentischen Streit im Steh(e)bett und einem Ausflug ins Fegefeuer will er schließlich das Problem mit einem weiteren Pakt lösen. Er gründet eine Todes-Gewerkschaft zur Verbesserung der Arbeitsbedingungen und der "Boandl" bringt ihm dafür das Kleid "von unten" mit. Ein großes Risiko, irdische Dinge im Himmel und so…
Diese allgemeine Entzauberung des Himmels und des Todes macht Spaß. Besonders der Kongress selbst ist ein herrliches Chaos. Natürlich wird jedes Klischee abgeklappert und jeder blöde Witz gemacht. In diesem Feuerwerk der Kalauer und Anspielungen - Friede, Freude, Eierschecke - gehen die schwächeren Pointen aber einfach unter.
Besonders Paul Kaiser macht - nicht nur - als velofahrender eidgenössischer Sensenmann Spaß. Auch in der kleineren Rolle des zum Fegefeuer Verdammten Schneiders ist seine äußerst körperliche Spielweise ein großes Vergnügen.

Wenn aber weniger Gewusel ist, fällt auf, dass die Inszenierung an vielen Stellen einfach zu viel will. Die abstrakteren Stellen funktionieren gut und sind auch genretypisch klamaukig, weniger schön ist es, wenn die zeitlose Grundkonstellation mit Gewalt in die Gegenwart gezerrt wird.
Einen bayerischen Moralapostel braucht niemand
Denn die mehr oder weniger aktuellen politischen Anspielungen sind zu dünn, der Generationenkonflikt ist sehr konstruiert und einen bayerischen Moralapostel braucht auf der Bühne auch niemand. Besonders gescheite Bajuwaren gibt’s in echt genügend, außerdem passen Moralpredigten nicht zur Rolle eines eher verschlossenen Niederbayern. Die Zielgruppe wirkt schon klar jenseits der 50 angesetzt. Gut, die Frage nach der Reformbedürftigkeit des Himmels wird diese Altersgruppe auch eher betreffen als die gescholtene Jugend.
Der Portner (Adelheid Bräu als Himmelspförtner Petrus) schimpft als vordergründig harter Hund und Vertreter vom "Oberchef" viel herum, hat aber dann einen abrupten Sinneswandel.

So löst sich alles zu schnell und zu locker in Wohlgefallen auf, und die herzige Liebesgeschichte zwischen dem Boandlkramer und der mexikanischen Santa Muerte (Nikola Norgauer) gerät dadurch leider etwas in den Hintergrund.
So haben sich alle wieder lieb, zusammen wird alles besser! Keine besonders tiefgründige Erkenntnis, aber passend. Leider war der Inszenierung diese Ebene nicht genug. Trotzdem fühlt das Publikum sich gut unterhalten, dafür ist die Grundlage und der Dialekt der Darsteller einfach zu gut.
Komödie im Bayerischen Hof, bis 28. Oktober, Karten unter komoedie-muenchen.de und Tel.: 29 28 10
- Themen:
- Komödie im Bayerischen Hof





