Wenn das Patriarchat Frauen brustalisiert: „Bernarda Albas Haus“ im Cuvilliéstheater
Das einzige offensichtlich männliche Wesen an diesem Abend ist: ein Gockel. Der Hahn taucht gleich am Anfang auf der Bühne im Cuvilliéstheater auf, eine Magd kümmert sich um ihn, lockt ihn mit Futter vorwärts, was sinnbildlich für den ganzen Abend steht. Denn in Federico García Lorcas Stück „Bernarda Albas Haus“ kommen die Männer zwar nur am Rande vor, aber das Patriarchat steckt auch den Frauen in den Knochen, wird von ihnen genährt und am Leben gehalten - mit der titelgebenden Mutter Bernarda Alba als strenger Wächterin, die ihre fünf Töchter in den eigenen vier Wänden gefangen hält.
„Acht Jahre, das ist die Trauerzeit, und solange kommt mir nicht einmal der Wind von der Straße ins Haus!“, sagt Bernarda Alba zu ihren Töchtern, nachdem ihr zweiter Ehemann Antonio María Benavides gestorben ist. Ein schwarzverschleierter Frauenchor wiederholt den Satz als gregorianischen Gesang (Chorleitung: Daniel Weber). In der insistierenden Repetition wird umso deutlicher, wie hier von einer Tradition gesungen wird, die schon im Hause von Bernardas Vater und Großvater gepflegt wurde.

Musiker Kostia Rapoport hat einige Sätze im sakralen Stil vertont, was darauf hinweist, dass auch die katholische Kirche ihren Anteil an dem patriarchalischen Gefängnis hat, in dem die Frauen stecken. Zu Beginn verriegelt ein überdimensionales Fenster mit übereinandergeschichteten Lamellen die Bühne. Die beiden Hälften gehen seitlich auseinander und machen den Blick auf eine Spielfläche frei, die zu einem kinoartig wirkenden Format verengt wurde (klug durchdacht: das Bühnenbild von Marlene Lockemann). Ein Fließband läuft durch, oben in der Wand erscheint mitunter ein kleines Fenster, aber auch hier verhindern erstmal Lamellen den Blick nach außen. Eine aussichtslose Situation.
Im Kino gibt es das Genre des Gefängnisfilms, darunter sind Werke wie „Die Verurteilten“, die am Ende umso größere Gefühle der Erleichterung auslösen, weil man zuvor die Beklemmung des Gefangenseins miterlebt hat. Rieke Süßkow zeigt, dass das Genre auch im Theater funktioniert, erzeugt ausdrucksstarke Tableaus am laufenden Band, wobei die Frauen darauf zum Stillstand gezwungen sind. Etwaige Freiheitsbestrebungen werden brutal eingezäunt.

Zwischendurch sitzen sie einfach da, die fünf Töchter der Bernarda Alba, jede vereinzelt auf einem weißen Podest, sich nicht fläzend, sondern in einer seltsam angespannten Haltung. Und weil es in dem andalusischen Dorf, wo das Stück spielt, im Sommer sehr heiß ist, fächeln sie sich mit schwarzen Fächern Luft zu, in einer synchronisierten, verlangsamten Bewegung, deren mechanischer Rhythmus durch einen metallischen Klang auf der Soundspur akzentuiert wird. Das quälend langsame Vergehen der Zeit bekommt das Publikum auf diese Weise eindrücklich vermittelt. Acht Jahre Knast im Hause der Bernarda Alba - es ist kaum auszuhalten, und man hält sich an den Gesichtern der Darstellerinnen fest, in denen sich die zunehmende Anstrengung des Stillhaltens widerspiegelt.
Gleichberechtigung bedeutet auch, ebenso fies zu sein
Rieke Süßkow ist bekannt für ihre stark formalisierten, atmosphärisch dichten Inszenierungen. Bei ihrer ersten Arbeit für das Residenztheater bleibt sie ihrem Stil treu, hat Lorcas Stück stark kondensiert, sogar von einem Handlungsstrang befreit, in dem es darum geht, dass drei Töchter um die Gunst eines Mannes buhlen.
Drehen sich bei Lorca viele Gespräche um diesen Pepe, der sich für die älteste Tochter Bernardas aus erster Ehe, Angustias, entscheidet, weil sie das väterliche Erbe antreten wird, so wollen Süßkow und ihr Team nicht, dass wieder einmal ein Mann im Zentrum des weiblichen Interesses steht. Stattdessen beschäftigen sich die Frauen vor allem mit sich selbst, beziehungsweise, zerfleischen sich untereinander, mit Bernarda Alba an der Spitze - von Katja Jung mit präziser Unerbittlichkeit gespielt.
Dass die Gewalt unter den Frauen daher rührt, dass sie das Patriarchat verinnerlicht haben, ist immer wieder spürbar. Aber vielleicht liegt ja auch eine gleichberechtigende Kraft darin, dass Frauenfiguren auf der Bühne eben nicht immer nur lieblich und gut sind, sondern - wie in diesem Fall - durchtrieben und fies sein können. Tochter Martirio staunt einmal über ihren Hang zum Bösen. Die von Frieda Lüttringhaus gespielte Magd erzählt von den Übergriffen des toten Hausherrn und revanchiert sich an der Leiche, während die von Nicola Kirsch gespielte, durch viele Dienstjahre gebückte La Poncia davon träumt, wie sie ihrer Herrin ein Jahr lang ins Gesicht spucken wird.

Starrheit - durchbrochen von der Schauspielkunst
So, wie die Frauen im Korsett des Patriarchats stecken und nur in Momenten sich entlasten, indem sie ihrer Wut gegenüber den anderen - Leidensgenossinnen - verbal oder körperlich Ausdruck verleihen, so steckt das Ensemble im Korsett einer Choreografie, die ihnen kaum Luft zum individuellen Ausdruck lässt, dank der Hingabe jeder Einzelnen aber atemberaubend wie am Schnürchen abläuft.
In Nuancen geben sie ihren Figuren Konturen: Evelyne Gugolz als Angustias, Naffie Janha als Magdalena, Alexandra Juschkewitsch als Amelia und Lisa Stiegler als Martirio. Eine zunehmend exponierte Rolle hat Felicia Chin-Malenski als jüngste Tochter Adela. Rebelliert diese doch als Einzige gegen das Regiment der Mutter, hat plötzlich einen lebensfreudig roten Fächer, schwingt sich engelsgleich in die Höhe in einem ausschweifenden grünen Kleid (Kostüme: Sabrina Bosshard).
Dass Adela mit ihren Emanzipationsversuchen auf verlorenem Posten steht, gehört zu den bitteren Pointen des Stücks. Bei Lorca nimmt Adela sich das Leben, in Süßkows Inszenierung weigert sie sich in einer etwas seltsam ausfasernden finalen Szene, die männliche Speise, die ihre Mutter allen Töchtern aufdrängt, zu sich zu nehmen. Aber wie lange hält Widerstand ohne Solidarität? Selbst die von Barbara Melzl wunderbar irrlichternd gespielte Großmutter erleidet Gewalt durch eine Enkelin, aber wie die Oma sich zuvor jede Freiheit nimmt, ihr ganz eigenes Krippenspiel aufführt und gegen die Richtung des Fließbands rennt, gibt inmitten er Beklemmung leichten Anlass zur Hoffnung.
heute und 30. März, 19.30 Uhr; 16., 18., 24. April, 20 Uhr; Karten: residenztheater.de, % 2185 1940
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