Wedekinds "Franziska" in den Kammerspielen

Andreas Kriegenburg holt "Franziska", ein 100 Jahre altes Stück von Frank Wedekind, aus der Mottenkiste. In den Kammerspielen ist es eine Lachnummern-Revue.
| Gabriella Lorenz
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Schreiender Expressionismus, mal mit, mal ohne Fatsuit: Brigitte Hobmeier als Franziska und Oliver Mallison.
Judith Buss Schreiender Expressionismus, mal mit, mal ohne Fatsuit: Brigitte Hobmeier als Franziska und Oliver Mallison.

München - Das gab Skandal und jede Menge Ärger mit der Zensur – schon Wochen vor der Uraufführung am 30. November 1912 in den kurz zuvor neu eröffneten Münchner Kammerspielen. Genau das wollte der Autor Frank Wedekind: Bürger schrecken, Tabus brechen, revoluzzen um jeden Preis.

In sein Drama „Franziska“ packte er eine Provokation nach der anderen: Freie Liebe, Nacktheit auf der Bühne, politische Kritik, frühen Feminismus. Die glückliche, alleinerziehende Mutter am Ende erspart uns Andreas Kriegenburg netterweise durch Streichung des 5. Aktes in seiner ironischen Reverenz-Inszenierung zum 100. Geburtstag der Kammerspiele.

Eine Interpretation versucht Andreas Kriegenburg erst gar nicht, denn Wedekinds Protest-Machwerk kann man beim besten Willen nicht ernst nehmen. Er macht es parodistisch zur artifiziellen Lachnummern-Revue, indem er die Schauspieler mit wahnwitzigen Fatsuits zu grotesken Stummfilmfiguren aufbläht.

Das Stück ist seit 100 Jahren zu Recht in der Mottenkiste verschimmelt, und seine damals skandalösen Themen sind heute völlig obsolet. Nur das Jubiläum, zu dem Intendant Simons historisch wichtige Kammerspiele-Stücke neu präsentiert, rechtfertigt die Wieder-Aufführung. Ein „Mysterienspiel“ nannte es der als Dramatiker heillos überschätzte Wedekind. „Ein sauberer Schmarrn“, urteilte eine Zuschauerin. Mysteriös bleibt da vieles.

Die 18-jährige Franziska hat ihren Verlobten verführt, um die Lust kennen zu lernen. Jetzt hungert sie nach Freiheit und Genuss. Mit weit gespreizten Beinen sitzt Brigitte Hobmeier in Kriegenburgs weißem Guckkasten. Wie eine Spinne – oder eine Gebärende. „Leben! Leben!“, knurrt, krächzt, kreischt sie: „Ich will leben!“ Das verspricht ihr der abgehalfterte, dämonische Künstleragent Veit Kunz: Zwei Jahre soll sie als berühmter Mann allen Hedonismus auskosten, dann muss sie seine Sklavin werden.

Oliver Mallison als Kunz steckt wie alle Darsteller außer Hobmeier in einem überdimensionalen Fatsuit – lauter fette, watschelnde, groteske Comic-Typen, geschminkt wie Stummfilmfiguren. So spielen sie auch: Expressionistisch ausgestellt, überlaut schreiend (vor allem der komische Herzog von Marc Benjamin), treiben sie die Künstlichkeit ins Extrem.

Ob sie eine satte Gesellschaft von Übergewichtigen verkörpern oder alle kleine Wedekinds sind (der im Alter Gewichtsprobleme hatte), ist egal. Sie dürfen tief in die Schmiere greifen, und das macht ja ihnen und uns dann wieder Spaß. Annette Paulmann differenziert dabei wunderbar in wechselnden Rollen. Ihre Spielwiese ist auf dem sich hebenden und senkenden Boden eine ewig lange knallrote Sofa-Sack-Wurst (geklaut vom Münchner Isarstrand-Projekt ) als ständig neu drapierte Wohnlandschaft. Da kann man sich lustvoll hineinstürzen und drin wälzen, wacklig rumstöckeln und auch mal baden gehen.

Mit der Zeit nervt die ständige Turnerei allerdings genauso wie das Dauer-Gebrüll. Kriegenburgs Bilder jedoch sind immer wieder großartig. Praktischerweise werden die Beteiligten der Eskapaden Franziskas in dieser weiblichen Faust-Paraphrase alle schnell durch Pistolenschüsse hingestreckt. So kann Brigitte Hobmeier, die schon als Lulu am Volkstheater erfolgreich Wedekinds Kindfrau spielte, alle Register ziehen zwischen brüchigem Selbstbewusstsein und Absolutheitsanspruch. Sie ist Rebellin und Liebende, Domina und Sirene – und alles mit einer Bravour, die bei der Premiere bejubelt wurde.

Kammerspiele, 10., 17., 23. Dez., 3., 15., 17., 22. Jan, 19.30 Uhr., 27. Jan., 15 Uhr, Tel.: 233 966 00

 

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