Was Christian Stückl für den Sommer plant

Christian Stückl und sein Volkstheater starten Ende Juli in die neue Saison – die letzte vor dem Umzug in den Neubau im Schlachthofviertel
| Michael Stadler
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Christian Stückl mit dem Kulturreferenten Anton Biebl vor dem Volkstheater.
Weronika Demuschewski Christian Stückl mit dem Kulturreferenten Anton Biebl vor dem Volkstheater.

Interessiert Markus Söder sich etwa für die Geschicke des Münchner Volkstheaters nicht? Am 6. Mai gab Intendant Christian Stückl bei einer Pressekonferenz bekannt, dass er den Heckmeck mit Corona satt habe und mit seinem Team sofort in die Sommerpause gehe, um dafür bereits ab Ende Juli in die nächste Spielzeit zu starten. Als Söder kurz darauf bei einer Pressekonferenz der Staatsregierung gefragt wurde, was er von diesen Plänen halte, wusste er offenbar gar nicht, wovon die Rede war.

Und leitete schnurstracks die Frage an seinen Kunstminister Bernd Sibler weiter. Der meinte, dass er Stückl schon auf seiner „Telefonliste“ habe. Was kein leeres Versprechen war: Sie hätten kurz darauf telefoniert, erzählt Stückl, dem diese Anekdote insgesamt sichtbar Vergnügen bereitet. Tatsächlich setzte er sein gewagtes Vorhaben durch: Nach vorgezogener Sommerpause fängt die Saison am Volkstheater am 24. Juli an, mit Stückls Inszenierung von George Taboris „Die Goldberg-Variationen“.

Heilloses Chaos

Um einen Regisseur, der das Alte Testament als Show auf die Bühne bringen will und dabei in ein heilloses Chaos gerät, geht es in Taboris Stück. „Ich dachte, das passt gut zu mir, warum auch immer“, scherzt Stückl bei der gestrigen Pressekonferenz. Die Passionsspiele in Oberammergau musste er ja Corona-bedingt vom Mai dieses Jahres auf 2022 verschieben, aber immerhin spielt nun der als Judas vorgesehene Céngiz Görür in der Outdoor-Variante der „Goldberg-Variationen“ mit.

Klar, draußen wird gespielt, im Biergarten vor dem Volkstheater, so wie das gesamte Spielzeit-Programm der nächsten Wochen auf die Möglichkeit von Open-Air-Vorstellungen ausgerichtet ist. Hundert Zuschauer können im Garten in guter Verteilung zuschauen, wobei Stückl durchaus mit Familien rechnet, die zusammensitzen dürfen.

Falls das Wetter mal schlecht ist, kann in den großen Saal ausgewichen werden, wo ebenfalls 100 Plätze zur Verfügung stehen. Schon grausig, wie es da im Inneren aussieht: Jede zweite Reihe wurde ausgebaut, und wenn zum Beispiel drei, vier Mitglieder aus einem Haushalt nebeneinander sitzen, so müssen jeweils links und rechts drei Sitze frei bleiben.

Man geht sich aus dem Weg

Gleich fünf Premieren haut das Volkstheater bis Ende August heraus; geprobt wird seit dem 15. Juni auf allen Bühnen, die Stückl und seinem Team zur Verfügung stehen, draußen wie drinnen. Für die technischen Gewerke ist das eine ganz schöne Herausforderung, weiß Stückl zu berichten, und auch die Kostüm-Abteilung hat natürlich tüchtig zu tun. Maximal fünf Ensemblemitglieder sind pro Inszenierung im Einsatz – die verschiedenen Produktionen gehen sich möglichst aus dem Weg, damit nur eine ausfallen muss, falls sich jemand trotz aller Sicherheitsvorkehrungen den Virus einfängt.

„Es ist wirklich nicht so leicht“, ist Stückls bisheriges Fazit zum Proben unter Corona-Bedingungen. Die von ihm liebevoll als „Maultäschle“ bezeichneten Masken dürfen zwar beim Proben, natürlich im Sicherheitsabstand, abgenommen werden, aber wie inszeniert man beispielsweise eine Szene aus Taboris Stück, in der jemand massiert wird? Eine Lösung dazu muss noch gefunden werden, so wie ständig irgendetwas neu entschieden werden muss.

Auch Bands werden im Biergarten auftreten, wobei dann etwa die Frage geklärt werden muss, ob gerade „Gastro-Bestuhlung“ (die Gäste hören und schauen zu, lassen sich aber vor allem kulinarisch vom angrenzenden „Meschugge“ versorgen) oder „Konzert-Bestuhlung“ (die Gäste sind vor allem wegen des Kultur-Events da) angebracht ist.

Am wackligen Puls der Zeit

Zudem bringt Simon Solberg das auch durch seine Verfilmung berühmt gewordene Kult-Stück „Indien“ von Josef Hader und Alfred Dorfer auf die Außenbühne (Premiere: 14. August). Dabei nimmt er sich nicht nur die Freiheit, eine von zwei Rollen mit Carolin Hartmann weiblich zu besetzen (neben ihr spielt Jonathan Müller), sondern überträgt die Geschichte zweier Beamter, die für das österreichische Gesundheitsamt durch die Gegend reisen, um zu prüfen, ob die einzelnen Betriebe auch alle Hygienevorschriften einhalten, in unsere Zeiten – ein sehr naheliegendes Theaterprojekt.

Insgesamt wurde bei der Stückauswahl darauf geachtet, nah am wackligen Puls der Zeit zu sein: Sapir Heller inszeniert mit „Das hässliche Universum“ von Laura Naumann ein Stück über den nahenden Weltuntergang und lässt ihr Ensemble dabei als Beerdigungs-Band auftreten, die all jene Lieder spielt, die man einen Tag vor der Apokalypse wohl gerne hören würde (Premiere im großen Saal: 29. Juli). Mirjam Loibl adaptiert Kafkas Erzählung „Der Bau“ (Premiere: 7. August) und Hausregisseur Abdullah Kenan Karaca Ingeborg Bachmanns Erzählung „Probleme Probleme“ (Premiere: 26. August).

Um ein Verharren im Stillstand, aber vielleicht ja auch Ausbrechen aus der Selbst-Isolation geht es in beiden literarischen Vorlagen. Im Zuschauerraum hockt dazu passend das vereinzelte Publikum. Indem jedes Stück maximal eineinhalb Stunden geht und ohne Pause durchgespielt wird, soll verhindert werden, dass „die Leute unvernünftig sein könnten und miteinander reden“, mahnt Stückl mit der Ironie des geplagten Theatermannes in der Stimme.
Garderobe gibt es nicht, jeder sorgt am Platz selbst für seine (vermutlich eh eher spärliche) Kleidung. Ein „Einbahnstraßensystem“, durch das ein jeder vom freundlichen Volkstheater-Personal geleitet wird, soll ebenfalls Kontakte unterbinden.

Theater zu herabgesetzen Preisen

Die Tickets sind sogar billiger als sonst: Nur zwei Kategorien gibt es, 25 und 18 Euro – Stückl will die Leute zurück ins Theater locken. Die Karten sollte man eher online reservieren, aber die Tageskassen sind auch geöffnet. Und man sollte frühzeitig vor Ort sein, damit es nicht zum Stau kommt. Durch Corona ist sowieso alles in einem improvisierten Fluss: Im September soll die Uraufführung von Noam Brusilovskys „Gehörlosen-Hörspiel“ nachgeholt werden, im Oktober Felix Hafner den preisgekrönten Lebensbericht „Herkunft“ von Sasa Stanicic inszenieren – weiter planen ist kaum möglich.

Unter anderem will Stückl selbst noch ein weiteres Stück auf die Bühne bringen. Natürlich soll geschaut werden, welche Stücke aus dem Repertoire vielleicht doch noch „corona-tauglich“ gemacht werden können. Bereits im Mai 2020 soll Schluss mit der Saison sein, weil das Volkstheater in seine neue Spielstätte im Schlachthofviertel umziehen will. Früher anfangen, früher aufhören.

Die Bauarbeiten im Schlachthofviertel verlaufen dabei „erstaunlich gut“, so Stückl. Statt 24 Reihen wie jetzt zählt der Zuschauerraum in der zukünftigen Wirkungsstätte zwanzig Reihen, ist also breiter angelegt und die Zuschauer sitzen insgesamt näher an der Bühne. „Riesig“ sei diese, schwärmt Stückl, zudem stehen noch zwei weitere Säle zur Verfügung sowie ein Probenraum, der ans Foyer angrenzt und ebenfalls für Aufführungen genutzt werden könnte.

Ausverkauft und schlechte Zahlen

Die Zukunft sieht also doch recht rosig aus, auch wenn Stückl schon einige Defizite beklagen muss: Seit März wurden rund 700 000 Euro nicht eingespielt. Gott sei Dank ist das Volkstheater ein subventioniertes Theater; um die kleinen, freien Spielstätten Münchens macht Stückl sich viel mehr Sorgen und plädiert für mehr Unterstützung.

„Immer ausverkauft und trotzdem schlechte Zahlen“ ist seine Prognose für den kommenden Volkstheater-Sommer, der auch „Dämmerschoppen mit Live-Musik“ und „Das bayerische tapfere Schneiderlein“ für kleinere Zuschauer im Angebot hat. Der Krise kann Stückl immerhin abgewinnen, dass alle endlich mal aus ihrer Routine gerissen wurden. Man sei zum „Umdenken gezwungen“ – mit dieser Erkenntnis dürfte er nicht alleine sein. Vielleicht sollte Stückl ja mal mit Söder telefonieren.

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