Warum die wunderbare Klangorgie "Stomp" so mitreißed ist

Wer denkt, diese Stomper wären bloß Krawallmacher, irrt. Niemand in „Stomp“ tritt bloß des Lärmmachens wegen auf. Jedes Mitglied ist Musiker, Tänzer, Komiker und als Darsteller ein Unikat - davon lebt das Aufführungskonzept. Und obwohl der mit Zugaben 110-minütige, rauschhafte, pausenlose Abend - durch und durch atmosphärisch - auf eine Story verzichtet, werden mit Räuspern und Blicken wunderbar nebenbei lauter kurze Geschichten erzählt, für die man dem Leben genau auf die Finger geschaut hat.
Sogar die „Abendzeitung“ hat geblättert, geknittert, beklopft und zerrissen in einer eher still-lyrischen Szene ihren großen instrumentalen wie visuellen Auftritt.

Wie klingt ein Müllbeutel und was erzählt er?
Was alle Performer bis hin zum dauergemobbten Strebertyp mit clownesken Zügen und engem Verwandtschaftsgrad zu Pulcinella, Gil & Co. verbindet, ist eine kindliche Neugier und der körperlich schweißtreibende Spaß daran, in die Welt der perkussiven Geräusche abzutauchen. Zwei Stomperinnen und sechs Stomper - physisch jeweils von durchaus unterschiedlichen Formaten - erschaffen sich ihre eigenen neuen Klangkosmen. Bild für Bild.
Erstaunlich, wie viele Alltagsgegenstände, Einkaufswägen und sogar Müllbeutel - sehenswert und akustisch einzigartig - „bespielt“ werden können. Gegen Ende der orgiastischen Vorstellung, die dramaturgisch geschickt immer wieder vor unerwarteten Steigerungen strotzt, um dann mit wunderbar innigen Szenen zu überraschen, kommen nur Feuerzeuge zum Einsatz - für eine Melodie, die dann auch fürs Auge sichtbar quer über die Bühne flackert.

Los geht das Ganze mit Besen. Bricht einer entzwei, fliegt Ersatz herbei. Einer der Interpreten hält plötzlich zwei davon in seinen Händen. Umringt von den anderen legt er mit unglaublicher Oberarmarbeit los. Als gelte es einen Wettbewerb in Butterstampfen zu gewinnen, lässt er die Holzstiele gegen den Boden hämmern. Das Faszinierende an diesem beeindruckenden Kraftakt: Es hört sich an wie eine leichtfüßige Stepptanznummer von Fred Astaire.
Zwischendrin verlassen die Artisten das Bühnenparkett Richtung Kulissen - nicht etwa für eine Pause. Denn die fällt in dieser von Rhythmus und Perkussionsvariationen nur so überschäumenden Show aus. Dunkelheit sorgt stattdessen für kurze Breaks innerhalb einer temporeich bestens durchchoreografierten Vorstellung. Dabei gibt es ständig was auf die Ohren - zur Abwechslung auch mal an Seilen fixiert weit über dem Boden vor der riesigen Wellblech-Wand hin und herpendelnd. Diese ist das einzige fixe Ausstattungselement und bis zur Decke vollgepackt mit Tonnen, deren Deckeln sowie Töpfen und Straßenschildern.
Zarte Töne entführen das Publikum mitten hinein in einen avantgardistischen Glockenspielturm. Die Schlagzeuger - vergleichbar Minenarbeitern die durchs Gelände schwingen, um nach gut klingendem Metall zu suchen - trommeln kräftig. Durch unerwartete Kombination aus Perkussion, Bewegung und szenischer Komik gewinnt jede Szene einen ganz eigenen Spannungsbogen.
Alle Interpreten haben Musik in den Knochen und durch ihre Adern pulsiert der Rhythmus. Was das für ein Gefühl und Vergnügen sein kann, wollen sie mit dem Publikum teilen: spontan, impulsiv und gleich einer sonoren Interaktion, die den Funken überspringen lässt von Klangtüftlern in fleckigen Outfits, die Baumärkte leerräumen und herrlich demonstrieren, welch toller Sound in ungeliebten Haushaltstätigkeiten wie Abwasch, Putzen,
Kehren oder Schrubben stecken kann. Man muss sich dazu nur wassergefüllte Küchenwaschbecken um den Hals hängen. Den (Männer-)Gag zum Schluss, wenn vier Jungs ihr Spülwasser in Blecheimer ablassen, gibt’s zum Ablachen obendrauf.

Die von Steve McNicholas und Luke Cresswell gegründete Perkussion-Band hat sich seit ihren Anfängen in Großbritannien beachtlich weiterentwickelt, das Programm inhaltlich vertieft und das Bühnengeschehen perfektioniert. „Stomp“ - was „stampfen“ bedeutet - tourt weltweit in verschiedenen Besetzungen seit 35 Jahren. „Abgespielt“ wirkt weder der eingeflochtene Humor noch die getanzten Battles mit Blechgewittern.
Im Finale können es Dynamik und Lautstärkepegel locker mit dem Karnevalstreiben im Sambodrom von Rio de Janeiro aufnehmen. Das Publikum ist zu Recht aus dem Häuschen. „Zugabe!“ ruft eine Zuschauerin mit bayerischem Tonfall in das Applaustosen hinein und ergänzt: „Mia ham Zeit!“. Nach einem letzten leisen Act sich rhythmisch und klangreich öffnender Bierdosen bleibt „Prost“ das einzige gesprochene Wort an diesem Abend. Ohne irgendeine Form von „Kulturhöhe“ zu behaupten, ist „Stomp“ höchste Kunst!
Noch bis 6.4. im Prinzregententheater. Karten: Tel.: 54818181 oder muenchenticket.de