Vollgeballert mit Gender, Sex und Trans? "Bei mir muss man nichts einordnen", sagt Chris Kolonko
Die Bühne unten gegenüber der großen Bar und Theke im Hofspielhaus scheint eine einzige Garderobe zu sein. Dutzende Kostüme hängen an der Wand, lugen aus Koffern. Aus Hutkartons spitzen Wuschelfedern hervor. Chris Kolonko sitzt noch ungeschminkt da, wo abendlich bis zu 70 Zuschauer sitzen werden und schaut auf die kleine Fläche, die er bespielen wird mit „Summer, Beats & Travestie!“. So heißt der Untertitel der kommenden drei Wochen hier.
AZ: Drei Wochen En suite? Da muss man doch ein bisschen nervös sein?
CHRIS KOLONKO: Zugegeben. Aber der Grund für die vielen „Summer Nights“ ist ein anderer: Ich betreibe hier so einen Aufwand, dass man das nicht dauernd auf- und abbauen kann. 85-Lichtstimmungen sind einprogrammiert, viele Dutzend Musikstücke eingespielt - und hier hängen Hundert Kostüme und viele Accessoires - alle an einem bestimmten Platz, dass ich alles spontan sofort finden kann.

Aber das kann man doch alles an einem Showabend gar nicht ausspielen?
Aber es sind Möglichkeiten. Ich muss auf alles reagieren können, was sich mit dem Publikum entwickelt. Das ist der Zauber der Show. Nur der Einstieg steht fest. Da kommt meine Figur „Berta“ auf die Bühne, erinnert sich, dass sie Showgirl war, zeigt ein bisschen die Kostüme und alles, was hier so rumhängt - und verwandelt sich in Chris. Aber ab da passiert alles auf Zuruf und aus Einfällen - und so ergibt eins im fließenden Übergang das andere.
Kolonko geht nach vorne und löst die Nebelmaschine aus. Dann führt er das Moderationslicht vor, dann romantische Ausleuchtungen. Hinter ihm glitzert etwas.
Ist das nicht das Glitzerkleid von Marlene, das da neben dem roten Teufelskleid hängt?
Ja, aber ich habe auch ihr Kostüm aus „Destry Rides Again“ in petto… in der Kiste hier auf der Bühne. Hoffentlich kommen wir spontan auch zu Marlene mit ihren speziellen Songs und Kostümen.

Notfalls kann man ja ein Medley machen.
Ja, das geht, weil ich auch der DJ des Abends bin und mischen kann. Die Idee zu der „Chris Kolonko Summer Night“ ist mir gekommen, weil ich dachte: Man weiß gar nicht mehr, was die Leute sehen und hören wollen und wie lange sie Aufmerksamkeit für etwas aufbringen? Jetzt kann ich elegant und schnell auf alles reagieren, auch ausblenden, wenn die Spannung nachlässt und sofort die nächste Idee verwirklichen. Im Zusammenspiel mit dem Publikum schaffe ich kontrollierte Chaotik - mit hohem Unterhaltungsniveau. Aber es ist keine Parodie-Revue. Es soll wie eine große Party wirken, wo sich durch Gespräche Assoziationen entwickeln, die ich dann in Kunst verwandle.
Kolonko geht vor an ein dekoriertes Pult, auf dem ein Laptop aufgeklappt ist.
Ich kann hier hundert verschiedene Musiken abspielen - und sogar den Charakter der Begleitung bestimmen: Hall oder nicht, wie schnell, traditionell oder Dixielandversion, Cabaret oder Schlagerparade!
Aber wenn man schnell noch ein Kostümwechsel hinbekommen muss, braucht das ja auch noch Zeit?
Da muss dann eben auch vielleicht mal jemand aus dem Publikum Garderobiere machen.
Was machen Sie, wenn das Publikum zu befangen ist?
Ich kann das lässig überbrücken, Geschichten erzählen über Partnerschaft, Singlesein, Sex - und alles musikalisch illustrieren und ich kann Fragen stellen.
Als Peter Pan ziehe ich mich fast ganz aus
Und wenn Sie einen Hänger haben?
Natürlich hat man vor sowas Angst. Aber dann denke ich mir: Ich habe so viele Möglichkeiten an diesem Abend weiterzumachen, und unter Stress fällt mir spontan oft das Beste ein… Ich kann steppen oder tanzen - bishin zu meiner Rolle als Peter Pan, wozu ich mich dann auch fast ausziehe.
Welchen Aufwand müssen Sie über das Üben hinaus für das alles hier betreiben?
Ich trainiere im Studio, schaue, dass ich Kraft habe, aber die Muskeln nicht zu stark spielen, weil das bei Travestie komisch rüberkäme, zu männlich. Ich zähle auch Kalorien und ernähre mich so, dass alles passt.

Man schaut sich ins Gesicht und fragt: Kann ich das noch spielen?
Haben Sie Angst vor dem Alter?
Ich werde 58 Jahre. Ich habe aber mit dem Älterwerden kein Problem, bis ich merke, dass ich mich lächerlich mache. Als Entertainer beschäftigt man sich ja ohnehin immer mit sich selbst und der Rolle, die man spielt. Man schaut sich ins Gesicht und fragt: Kann ich das noch spielen? Die Leute sollen Spaß haben, aber es darf nicht albern sein. Mir gibt das Alter auch größere Souveränität, Angebote abzulehnen. Dieses Lebensgefühl hat man mit 30 noch nicht. Da ist man noch unsicherer. Heute weiß ich, wie endlich die Zeit auf der Bühne ist, und versuche Wertvolleres zu machen.
Und wenn ein Veranstalter sagt, es solle richtig unter der Gürtellinie gehen?
Sage ich Nein. Frech ist super, witzige Lebensgeschichte erzähle ich gerne, was auf Pointen hinausläuft, aber Ordinäres ist nicht mein Stil. Es geht mir um Entertainment und Verwandlung.
Was ist „Travestie“ genau?
Eine Kunst. Ich habe über die Jahre gekämpft akzeptiert zu sein - auch in der eigenen Szene. Fummeltante? Tunte? Dann kamen die Drags, die grell geschminkt und überdreht durch die Straßen laufen. Ich dagegen mache Gay-Pride seit Jahrzehnten und zwölf Monate im Jahr auf der Bühne ohne ausdrücklich zu sagen: Ihr müsst mich akzeptieren als das, was ich geschlechtlich bin! Ich bin das Gegenteil vom Vorurteil über den geschminkten Mann mit Perücke, über den man schnell lacht, der auch gar nicht viel können muss. Ich mache eine Entertainment-Kunstform: Travestie - und bin stolz, dass ich singen, tanzen, in eine andere Welt entführen kann, mir einen präsentablen Körper erarbeitet habe. Dafür sollen mich die Leute mögen und nicht für eine Ideologie.
Aber wurde auf dem Gebiet der Akzeptanz nicht schon viel erreicht?
Einerseits ja. Es gibt großartige Fakten, wie dass wir einen offen homosexuellen Oberbürgermeister haben. Aber gleichzeitig wird ja die Zahl der Gesellschaften, die alles zurückdrehen, wieder größer. Das Spielfeld wird wieder enger.
Mir scheint es aber liberaler geworden zu sein.
Aber vielleicht denken immer noch viele kurz nach, wie sie das jetzt finden dürfen. Denn bei Travestie geht es ja immer auch um Sexualität. Vielleicht war es früher sogar einfacher: Da sind wenige über die Schwelle gegangen, sich sowas anzuschauen, und die waren dann aber auch freier. Mary und Gordy haben das dann vom Rotlicht-Milieu befreit. Dann kamen „die Herren Damen“ wie im glamourösen Berliner Theater Chez Nous. Heute ist man zugeknallt mit den ganzen Themen Sex, Geschlecht, Transgender. Das macht alle wieder nervöser, weil alles eingeordnet wird. Bei mir muss man das nicht, ich will auch gar nicht wissen, was der andere sexuell tut, wer oder was er ist.
Was wollen Sie?
Einen unterhaltenden Abend, der glitzert, groovt und aus dem Ruder tanzt. Ich schaffe eine Traumwelt, verwische Grenzen zwischen Musical, Stand-up-Comedy, Cabaret oder Chanson. Und dazu haben wir auch noch Cocktails und was zu essen vorbereitet.
bis 21. Juni, „Chris Kolonkos Summer Night“, Mi - Sa, jeweils 20 Uhr, sonntags 18 Uhr, Karten: 35 / 30 Euro, hofspielhaus.de und muenchenticket, Essen für 15 Euro zubuchbar, Getränke an der Bar
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