Volkstheater: Nackte Frauen und wilde Stiere

Zwei körperliche Aufführungen aus Hildesheim und Rouen auf dem „Radikal jung“- Festival im Volkstheater.
| Mathias Hejny
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Angelehnt am Leben Jake LaMottas: „Raging Bull“ von Mathieu Létuvé.
leclerc&cielat Angelehnt am Leben Jake LaMottas: „Raging Bull“ von Mathieu Létuvé.

München - Das klingt vielversprechend: Eine Altersbeschränkung ab 16. Ihr Material besorgten sich die Performerinnen Marja Christians und Isabel Schwenk bei Friedrich Hebbel und seiner postklassischen Tragödie „Judith“.

Die zentralen Konflikte kreisen um Krieg, Sex und Gottesfurcht. Wobei das Duo aus Hildesheim, das bei „Radikal jung“ am Volkstheater gastierte, auf Letzteres wenig Wert legt. Die Titelheldin ist eine ebenso verwitwete wie noch jungfräuliche Frau aus dem Volk der Hebräer.

Trotz vieler Dildos bleibt das Stück ohne Höhepunkt

Sie dringt ins Lager des Holofernes ein, um ihr Volk und ihren Gott vor der Vernichtung durch die Truppen des Holofernes zu retten. Nach einer Liebesnacht mit ihm enthauptet sie den Feind. Christians und Schwenk illustrieren die „Kopf-ab-Szene“ nicht unwitzig mit „Rotbäckchen“, einem roten eisenhaltigen Saft, dem gesundheitsfördernde Wirkung auf Kinder nachgesagt wird.

„Es wird explizit“ kündigt Marja Christians zu Beginn an, aber allzu frühzeitig enthüllt die Darbietung, dass sie vor allem exhibitionistisch ist. Die Bewunderung für den Mut, sich in wenig schmeichelndem Arbeitslicht nackt vor ein Publikum zu stellen, weicht bald dem Desinteresse an einem eckigen Hardcore-Feminismus, der sich daran abarbeitet, dass ein Dramatiker des 19. Jahrhunderts kein Frauenversteher war. Trotz der inflationären Häufung von Dildos bleibt „J. U. D. I. T. H.“ ohne Höhepunkt.

Der vorläufige Höhepunkt des Festivals indes kommt aus Rouen. Wer sich mit starken Frauen auskennt, wird einwenden, dass dort Jeanne d’Arc auf dem Scheiterhaufen verbrannt wurde. Das Caliband Théâtre in der Stadt im Norden Frankreichs erzählt in „Raging Bull“ darüber hinaus von einem Macho.

Dem New Yorker Boxer Jake LaMotta, der 83 Siege erkämpfte, zwischen 1949 und 1951 Mittelgewicht-Weltmeister und den Müttern seiner Kinder stets untreu war. Robert de Niro brachte die Rolle der Sportler-Legende in „Wie ein wilder Stier“ von Martin Scorsese 1981 einen Oscar ein. Mathieu Létuvé geht in seiner Produktion allerdings nicht den Umweg über das Drehbuch, sondern dockt unmittelbar an der Autobiografie LaMottas an.

Im Kampf kanalisierte Lebenswut

Trotz der minimalistischen Mittel gelingt Létuvé sowohl als Regisseur als auch als sein einziger Schauspieler in einem raffiniert ausgeleuchtetem Halbdunkel eine starke, sinnliche Präsenz zu erzeugen. Dabei macht er nicht viel: Ein bisschen grob geschnitzt hält er seine Monologe über die Härte der Bronx, seine kriminelle Jugend und die Wut auf sein Dasein, die er nur im Kampf kanalisieren kann.

Mitunter springt er in andere Figuren, wie den sanften Priester, der Jake den richtigen Weg weisen will. Die Gegner im Ring verkörpert der Hiphop-Tänzer Frédéric Faula, der mit seiner kraftvollen Eleganz die ambivalente Faszination der Gewalt buchstäblich verkörpert.

J. U. D. I. T. H.“ wird am Freitag um 20.30 Uhr gezeigt, am Samstag gibt es um 19.30 Uhr die abschließende Aufführung von „Schönheitsabend“, danach wird der Publikumspreis verliehen und die Abschlussparty startet

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