Vincent Redetzki über „Werther’s Quest for Love“

Vincent Redetzki spielt solo eine weitere Live-Cam-Performance der Kammerspiele
| Michael Stadler
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Empfehlungen
Im April 2019 saß Vincent Redetzki als Werther noch in einem Glaskasten in einem Gebäude des kulturellen Zwischennutzungs-Projekts „Z Common Ground“. Für die Live-Cam-Variante ist er zwar bei sich zu Hause, sitzt aber weiterhin vor dem Laptop.
Judith Buss Im April 2019 saß Vincent Redetzki als Werther noch in einem Glaskasten in einem Gebäude des kulturellen Zwischennutzungs-Projekts „Z Common Ground“. Für die Live-Cam-Variante ist er zwar bei sich zu Hause, sitzt aber weiterhin vor dem Laptop.

Würde Johann Wolfgang von Goethe Werther heute leben, dann würde er vermutlich den ganzen Tag allein vor seinem Laptop hocken. So zumindest haben sich das Regisseur Jonny-Bix Bongers und sein Team für „Werther’s Quest for Liebe“ ausgedacht, eine kleine, feine Performance, die vor fast einem Jahr, am 29. April, ihre Premiere hatte.

Damals eröffnete gerade das kulturelle Zwischennutzungsprojekt „Z Common Ground“ in der Zschokkestraße 36. Zwischen Partys, Ausstellungen, Konzerten und Performances wie dieser konnte sich das Publikum in Massen amüsieren – verdammt lang ist’s her.

In insgesamt 13 Aufführungen hat Vincent Redetzki diesen Neuzeit-Werther als weltabgewandten Stubenhocker gegeben, als einen, der in einem großen Glaskasten sitzt, sich isoliert, auch von den hereinblickenden Zuschauer*innen, und die Zeit totschlagen will. Mit einem großen Papp-Kopf sprach er wie Hamlet mit seinem Schädel, wenn er nicht gerade Internet-Karaoke sang, sich mit einem Workout-Tutorial fit machte oder sich selbst ein Liebesgedicht aus Teenager-Zeiten vorlas.

Ein Fenster zur Außenwelt

Eigentlich war dieses Solo längst abgespielt, aber nun wurde sie doch noch mal für eine Live-Cam-Performance der „Kammer 4“, dem virenbedingten Online-Zweig der Kammerspiele, aus dem Gedächtnis gekramt. Im Nachhinein wirkt diese Performance fast schon prophetisch, nahm sie doch einen Zustand vorweg, den jetzt alle gerade erleben: eingekapselt sein in den eigenen vier Wänden, mit viel Zeit zur Verfügung, wenn nicht gerade Home Office ansteht, und die kleinen und großen Bildschirme vor den Augen als die letzten Fenster zur Außenwelt, der man physisch fern bleiben soll.

Inhaltlich gab es durchaus eine Verschiebung: Bongers und seinem Team ging es einst vor allem um neue, wacklige Formen der Männlichkeit und einen Narzissmus, der sich schon in der Vorlage fand: „Als wir uns den Werther damals durchlasen,“ erinnert sich Vincent Redetzki, „fiel uns besonders auf, wie der nur an sich denkt. Dass er mit seinem Handeln das Leben von seiner Lotte und ihrem Ehemann Albert zerstört, ist ihm jedoch ziemlich egal. Das erschien uns als eine sehr selbstsüchtige Sichtweise auf die Dinge. Wir zeigen jetzt einen Mann, der über die Werther-Figur versucht, sich seinen abhanden gekommenen Gefühlen wieder anzunähern und sie dabei auch zu hinterfragen.“

Der Bezug zur jetzigen Situation ist für Redetzki klar: „Die Corona-Krise stellt uns vor die Herausforderung, mit der Isolation umgehen zu müssen. Das passiert auch bei unserem Werther: Die Einsamkeit wirft ihn auf sich zurück. Er hat Zeit, sich mit sich selbst zu beschäftigen. Das birgt die Gefahr, ein Innerer Monolog zu werden. Die Social-Media-Kanäle sind da eine Möglichkeit, die Öffentlichkeit zu adressieren, das Innere nach außen zu kehren, wie bei Johann Wolfgang von Goethe Briefroman.“

Requisiten an die Tür gebracht

Dass er in dieser Spielzeit noch vor vollem Haus Theater spielen wird, daran hat auch Redetzki starke Zweifel, „aber was ich und andere aus dem Ensemble sich vorstellen könnten, wären Aufführungen, bei denen wir auf der Bühne spielen und vielleicht dreißig Leute im Zuschauerraum sitzen, während das restliche Publikum über Live-Stream dabei sein kann. Das wäre technisch sicherlich aufwändig, weil mehrere Kameras das wirklich gut filmen und die Bilder live montiert und übertragen werden müssten. Also, ob das realistisch ist, weiß ich nicht, aber es wäre bestimmt eine tolle Erfahrung.“

Eher seltsam, zum Teil lustig gestaltet sich jetzt die „Werther“-Wiederaufnahme. Die Besprechungen und Proben müssen natürlich online stattfinden, erzählt Redetzki, dabei gäbe es immer wieder technische Probleme, zum Beispiel Verzögerungen in der Bildübertragung.

Bei den Video-Konferenzen schalten sich neben Regisseur Jonny Bix-Bongers und dem Techniker Amon Ritz auch immer wieder Dramaturg Martin Valdés-Stauber, Kostümbildnerin Aline Sauer oder Bühnenbildnerin Janina Sieber ein. „Wir müssen schon einiges grundlegend ändern: Die Requisiten haben wir stark reduziert. Eine Auswahl an Frauenkleidern, von denen ich eines zwischendurch trage, oder der große Papp-Kopf, wurden mir aber an die Tür gebracht. Es kommen auch immer wieder neue Ideen auf: Janina schlug vor, dass ich den Laptop weiter zu mir ziehe, weil dadurch noch mehr ein klaustrophobisches Gefühl entsteht. Wir sind ja gerade alle virtuell wie real in unseren Kästchen.“

Bei allem egozentrischen Müßiggang hat der Aktionismus des Stubenhockers Werther für Redetzki auch eine positive Note: „Unsere Werther-Figur setzt sich mit seiner Melancholie auseinander und findet Ausdrucksformen oder Kanäle für seine Gefühle, indem er nicht nur in sich selbst versunken ist und nichts tut, sondern versucht, sich mit der Langeweile aktiv auseinanderzusetzen: mit Tanzen oder Singen oder indem er auch mal einen Papp-Kopf anschreit.“

Willkommene Ablenkung

Für ihn selbst ist die angesetzte Performance eine willkommene Ablenkung, „aber es fällt mir schon schwer, mich hier in meinen eigenen vier Wänden zu konzentrieren. Wobei es mich gar nicht mal so stört, wenn das Publikum physisch nicht anwesend ist. In dem Glaskasten in der Zschokkestraße war es ja so ähnlich: Der war zum Teil schalldicht, ich habe praktisch nichts von den Leuten mitbekommen.“

Zum Gemeinschaftserlebnis Theater ist Redetzki eher per Zufall gekommen: „Wir waren in einem Café, meine Mutter, meine Brüder, der eine acht, der andere elf, und ich mit meinen sechs Jahren. Wir waren ziemlich laut und sind wohl so einem Statisten-Scout aufgefallen. Er hat uns gefragt, ob wir uns bei seiner Agentur anmelden wollen. Wir haben das zu Hause erzählt, und auch mein Vater und meine Großeltern haben dann mitgemacht. Seitdem waren wir Statisten im Film und Theater.“

Im Alter von zwölf Jahren gehörte er zum Ensemble von Andreas Dresens Kinofilm „Sommer vorm Balkon“. Ein Jahr zuvor kam eine Anfrage von der Schaubühne: In einem Stück von Falk Richter trat die ganze Familie auf. „Es ging um Massenvernichtung, soweit ich mich erinnere. Wir sollten zu lauter Rockmusik hintereinander auf die Bühne kommen, es war glaube ich der Gang zum Schafott. Mir wurde gesagt, geh mal als Letzter in der Reihe und ein bisschen langsamer. Mir hat das gar nicht gepasst, ich war ja noch klein und wollte nah bei meiner Familie sein. Außerdem war es saukalt auf der Bühne. Danach aber meinte Falk Richter, dass ihm mein Auftritt gut gefallen habe und dass er mich gerne in seinem nächsten Stück, ,Unter Eis’ in einer kleinen Rolle besetzen würde.“

Redetzki bleibt weiter im Ensemble

Seinen ersten großen Part hatte er 2007 in „Im Ausnahmezustand“, als Sohn eines schwerreichen Paars, gespielt von Bibiana Beglau und Bruno Cathomas. In der zehnten Klasse war er damals, die schauspielerischen Schwergewichte neben ihm schüchterten ihn jedoch wenig ein: „Ich habe gar nicht gewusst, wer die sind, das hat mich auch gar nicht interessiert. Bibi war einfach wahnsinnig nett, Bruno auch. Ich wusste auch nicht, welchen Status Falk Richter hat. Er war einfach jemand, der Lust hatte, mit mir zu arbeiten, und hat mich entspannt ans Theater herangeführt.“

Nebenbei machte Redetzki beim Film weiter, spielte unter anderem in der Kinoreihe „Die wilden Hühner“. „Bei den ,Wilden Hühnern‘ handelt es sich um eine Mädchengang. Denen gegenüber stand eine Jungsgruppe, die Pygmäen. Meine Figur, Willi, gehörte zu denen. Ich fand das immer schön, dass die Hühner-Filme so zarte Geschichten erzählten, nah an den Leuten dran.“ Tonnenweise Fan-Post bekam er während dieser Zeit, und auch heute noch wird er, vor allem von Mädchen, auf der Straße oder im Café erkannt.

Nach dem Abitur landete Redetzki für vier Jahre auf der Schauspielschule „Ernst Busch“ in seiner Heimatstadt Berlin. Kurz nachdem er in den Kammerspielen begonnen hatte, wurde bekannt, dass die Intendanz von Matthias Lilienthal im Sommer 2020 endet. Danach übernimmt Barbara Mundel. Ihr zentraler Hausregisseur heißt: Falk Richter. Es wundert daher nicht, dass Redetzki weiter im Ensemble bleibt.

Ein Wiedersehen auf der Bühne der Kammerspiele ist also garantiert, und wenn es erst in der nächsten Spielzeit ist. Direkt nach seinem Online-Auftritt als Werther am Dienstag gibt es zudem noch einen besonderen Anlass: Einen Tag darauf, am 1. April, wird er 28 Jahre alt. Und wie feiert er rein? „Ich werde zu meiner Freundin in die Wohnung fahren und vielleicht mit Mitgliedern aus dem Ensemble virtuell anstoßen.“ So einsam wie Werthers Leben muss das eigene dann doch nicht sein.

Kammer 4, Dienstag, 31. März, 18 Uhr, auf der Webseite und Facebook-Seite der Kammerspiele
 

Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – mitdiskutieren Empfehlungen
0 Kommentare
Artikel kommentieren