Verdis Oper "Macbeth", inszeniert von Lorenzo Fioroni

Neues vom Weihnachtsmann: Verdis „Macbeth“ in Lorenzo Fioronis Inszenierung am Theater Augsburg
| Robert Braunmüller
X
Sie haben den Artikel der Merkliste hinzugefügt.
zur Merkliste
Merken
0  Kommentare Artikel empfehlen
Der Auftritt des Königs Duncan (als rosa Riesenbär) vor dem Panoramafenster des Hotelzimmers von Herrn und Frau Macbeth (Sally Du Randt, Matias Tosi, vorn).
A.T. Schaefer Der Auftritt des Königs Duncan (als rosa Riesenbär) vor dem Panoramafenster des Hotelzimmers von Herrn und Frau Macbeth (Sally Du Randt, Matias Tosi, vorn).

Was für Kinogänger ein Zombie-Film, ist für die Theaterbesucher Shakespeares oder Verdis „Macbeth“. Erst wird bei König Duncans Ermordung ein wenig Theaterblut verschmiert. Später folgen pissende Hexen, mit Exkrementen werfende Soldaten oder die Vergewaltigung von Leichen – um ein paar berühmt-berüchtigte Beispiele aus „Macbeth“-Inszenierungen der letzten Jahre zu nennen.

Auf den groben Klotz dieses Macht- und Gruselschockers gehört ein grober Keil. Meinen jedenfalls alle Regisseure. Wie kann man da noch eins draufsetzen? Wer ko, der ko. Die Augsburger können es. Hier hat sich am Samstag im Stadttheater ein theaterhistorischer Quantensprung ereignet: In Verdis Shakespeare-Oper traten erstmals zwei Weihnachtsmänner auf. Natürlich unter dem Schild „X-Mas Sale“.

Immerhin: konsequent

Muss das sein? Jein. Immerhin ist der Regisseur Lorenzo Fioronis konsequent. Die vier Akte spielen von der Apfelblüte des ersten Bilds bis zum finalen Schneefall alle vier Jahreszeiten durch. Abgesägte Bäumchen sind bei Macbeth ohnehin Pflicht: Denn, so die Prophezeihung der Hexen, seine Herrschaft währt so lange, bis der Wald von Birnam sich bewegt.

Davor legen die schottischen Flüchtlinge Macduffs tote Kinder auf die Bühne. Im Orchestervorspiel der Nachtwandelszene irren die nun arbeitslosen Weihnachtsmänner über die Bühne. Dann schaut sich die Lady im Wahn die ganze Bescherung an, ehe sie sich zu ihrem fixenden Gemahl ins Schlafzimmer zurückzieht.

Wild wie bei Castorf

In Fioronis Inszenierung geht es wild zu wie bei Frank Castorf. Wer sich auf die logischen Brüche einlässt, bekommt eine Menge zwingender Dinge zu sehen. Etwa die sexuelle Verfallenheit des bösen Paars. Oder einen Rollentausch, der bereits bei William Shakespeare und Verdi steht: Die Kampfmaschine Macbeth wird durch die Morde zum psychischen Wrack, während seine Frau den männlichen Herrschermantel anzieht und ganz durchdreht.

Der heikle dritte Akt gelingt dem Regisseur besonders: Die Hexen machen Macbeth nicht nur mit Visionen nachfolgender Regenten fertig. Im Smoking massenvergewaltigen sie den in Frauenkleidern auftretenden Machtmenschen. Dass der Sänger darin ein wenig wie Conchita Wurst aussah, führte die Zuschauer eher auf eine falsche Fährte.

Zischende Zuschauer

Fioroni ist ein exzellenter Handwerker. Er weiß, wie man Chöre führt. Zeitsprünge setzt er mit Hilfe der Ausstattung perfekt ins Bild. Die Szenerie von Ralf Käselau prunkt mit penibel liebevollen Details wie einem Fluchtplan im Hotelzimmer. Anfangs blühender Unsinn wie der Auftritt Duncans als riesen Rosabär (samt Spongebob als Hofmarschall) gewinnt posthum Bedeutung. In der Nachtwandelszene baumelt ein gekrönter Teddy gehenkt an der Tür von Macbeths Machtzentrale: als dräuendes Vorzeichen des Untergangs.

Bildmächtige Aufführungen dieser Sorte drängen die Musik leicht in den Hintergrund. Nicht in Augsburg: Hier überrascht der schlanke, schöne Klang der Philharmoniker und das transparente Brio des umsichtigen Dirigenten Lancelot Fuhry. Matias Tosi ließ sich als indisponiert ankündigen. Sein heller Bariton, passt nicht wirklich zur Titelpartie, dafür aber zur Charakterisierung der Figur als Neurotiker. Sally du Randt singt die Koloraturen der Lady sauber. Und als Darstellerin wird die dramatische Diva des Augsburger Theaters immer besser.

Was schockiert noch?

Natürlich bekam der Regisseur am Ende jene Buhs, die er sich hart erarbeitet hatte. In der Brechtstadt wird sogar noch gezischt, was wir Hauptstadtbewohner nur aus alten Büchern kennen. Zwischenrufe gab es auch. Wirklich provoziert wirkte trotzdem keiner. Wie kaputt die Welt aus der Sicht der Regisseure ist, hat inzwischen auch der letzte Abonnent begriffen.

Fioronis Inszenierung hat starke Bilder. Von den Weihnachtsmänner wird man noch seinen Enkeln erzählen – vielleicht. Aber der wilde Ansatz wirkt nach Bieito, Castorf, Gosch und Kusej mittlerweile spätzeitlich. Der wahre Schocker wäre jetzt wohl ein blutlos sauberer, klinisch kalter „Macbeth“. Oder der brutalstmögliche, historisierende Mittelalter-Kostümschinken.

Wieder am 4., 7., 14. 6. und wieder ab Herbst. Info:www. theater-augsburg.de

 

  • Themen:
Lädt
Anmelden oder registrieren

Zum Login
Zu meinen Themen hinzufügen

Hinzufügen
Sie haben bereits von 15 Themen gewählt

Bearbeiten
Sie verfolgen dieses Thema bereits

Entfernen
Um "Meine AZ" nutzen zu können, müssen Sie der Datenspeicherung zustimmen.

Zustimmen
Teilen 0  Kommentare – hier diskutieren Artikel empfehlen
0 Kommentare
Artikel kommentieren