Kritik

Theater: Freddie Mercury auf vielen Münchner Bühnen

Der polnische Regisseur Michal Borczuch hat sich auf die Spuren von Freddie Mercury in München begeben und sein Stück „Mercury“ im Marstall inszeniert
von  Anne Fritsch
Niklas Mitteregger (links), Vincent Glander, Thomas Hauser, Max Mayer, Pujan Sadri
Niklas Mitteregger (links), Vincent Glander, Thomas Hauser, Max Mayer, Pujan Sadri © Sandra Then/Residenztheater

Freddie Mercury sitzt auf einem Tresen und singt „Living on my own“. Die noch hochgestellten Barhocker haben das gleiche schwarz-weiße Muster wie seine hautenge Hose: Harlekin-Karo. Und weil der Sänger keine Lust hat, allein zu leben, schart er eine illustre Gesellschaft aus aufwändig gestylten Gästen um sich. Seinen 39. Geburtstag feierte der Queen-Sänger 1985 im Old Mrs. Henderson in der Müllerstraße Ecke Rumfordstraße - und drehte bei dieser Gelegenheit das Video zu seinem Song. Was wir sehen: schillernde Kostüme, Ekstase, Rausch. Ein Fest gegen die Einsamkeit, eine Feier von Queerness und Toleranz. Freddie Mercury lebte von 1979 bis 1985 in München und hat der Stadt nicht nur das Musikvideo, sondern unzählige Geschichten hinterlassen. Noch immer erzählt man sich, in welchen Kneipen er verkehrte, entdeckt sein Porträt in Bars.

Nun hat sich der polnische Regisseur Michal Borczuch auf eine Spurensuche begeben, gemeinsam mit seinem Ensemble Interviews mit Zeitzeugen geführt und diese mit Zitaten von Mercury, Liedtexten und anderen Texten kombiniert.

Die gefährliche Freiheit 

Das so entstandene Stück „Mercury“ wurde nun mit Vincent Glander, Thomas Hauser, May Mayer, Niklas Mitteregger und Pujan Sadri im Marstall uraufgeführt. Es will das Lebensgefühl der 1980er Jahre in München heraufbeschwören, und das treibt gerade anscheinend viele um: Auch in Albert Ostermaiers „Munich Machine“ am Residenztheater taucht die schwule Partyszene dieser Zeit samt Mercury auf. Die Adaption von Lion Christs „Sauhund“ an den Kammerspielen erzählt, wie ein junger Mann vom Land in der Stadt seine Freiheit entdeckt und was der Ausbruch von AIDS für die schwule Community bedeutete.

Warum plötzlich dieses geballte Interesse? Vielleicht liegt es daran, dass die Freiheit, für die jene Generation gekämpft hat, gerade wieder auf dem Prüfstand steht. Intoleranz und Queerfeindlichkeit nehmen zu. „Menschen sind gestorben, aber sie sind mit der Hoffnung gestorben, dass die nächste Generation es besser haben wird“, heißt es in einem der Zeitzeugen-Interviews. „Wir müssen heute mehr denn je kämpfen, in eine bessere Richtung zu gehen und nicht in zehn Jahren wieder ins Mittelalter zurückzufallen.“

Fleischpflanzerl in der Deutschen Eiche 

Der Abend teilt sich in drei Teile: die schwule Szene in München rund um Freddie Mercury, ein Interview mit ihm selbst und ein „letzter Monolog“, eine Art Fantasie über seine Gefühle und Sehnsüchte. Bühnen- und Kostümbildnerin Dorota Nawrot hat einen Raum aus mit grauem Teppich bezogenen Kuben und Bögen entworfen, der mal Sauna, mal Club, mal Wohnzimmer ist. Auf einer der Wände zeichnet sich ein menschlicher Schatten ab - wohl der Schatten Freddie Mercurys, der über allem schwebt. Hier bewegen sich die fünf Männer vorsichtig und achtsam.

Thomas Hauser und Niklas Mitteregger
Thomas Hauser und Niklas Mitteregger © Sandra Then/Residenztheater

Zunächst bekleidet, dann gehüllt in Saunatüchern und hautfarbenen Slips kommen sie einander näher und erzählen, wie es war damals: Wie „er“, also Mercury, alleine in der Sauna saß, wie er „Fleischpflanzerl so frisch aus der Pfanne“ in der Deutschen Eiche aß.

Später werden sie sich in ihn verwandeln, mit weißen Hosen und T-Shirts, roten Hosenträgern und dem obligatorischen Oberlippenbart. Glander, Hauser, Mayer und Sadri spielen ihn wechselnd, zeigen verschiedene Temperaturen seiner Persönlichkeit.

Niklas Mitteregger wird den multiplen Freddie in cognacfarbener Lederjacke interviewen, während im Hintergrund auf kleinen Bildschirmen Originalinterviews laufen. Dieser Freddie ist einer, der sich nicht gerne interviewen lässt, der sich zunächst als Kim Basinger vorstellt, dann aber doch erzählt, dass er sich in diesem Dorf namens München, diesem „little village“ freier bewegen kann als anderswo.

Freddie Mercury bleibt einsam 

Auch dieser Teil ist erstaunlich leise und besonnen. Gezeichnet wird das Bild eines recht einsamen Menschen, der auf der Suche nach Nähe war und doch sagte: „Ich habe keine echten Freunde. Ich glaube nicht, dass ich welche habe.“ Als einmal der Bühnen-Freddie in jener ikonischen Harlekin-Hose auftritt, steht er nur wie ein Standbild seiner selbst für ein paar Augenblicke in der Mitte des Raums im Scheinwerferlicht, um dann wieder zu verschwinden. Wie eine Erinnerung, die kurz aufblitzt. Borczuch will keinen Liederabend machen, keine Queen-Revival-Show. Die Musik rückt merkwürdig in den Hintergrund an diesem Abend über einen dermaßen ikonischen Sänger und Musiker.

In der Sauna
In der Sauna © Sandra Then/Residenztheater

Wenn Thomas Hauser leise „I want to break free“ anstimmt oder Vincent Glander „The show must go on“, tauchen diese Lieder wunderschön und bezaubernd anders als gewohnt wie aus der Erinnerung auf. Borczuch will dem oberflächlichen Bild von Mercury als exaltierter Partymensch ein anderes entgegensetzen. Im finalen Monolog legt er ihm unter anderem ein berühmtes Susan-Sontag Zitat in den Mund: „Wir alle werden mit doppelter Staatsbürgerschaft geboren, im Reich der Gesunden und im Reich der Kranken.“ Wir sehen einen leidenden, schmerzerfüllten Freddie.

Es wird sehr viel geredet, szenisch passieren tut wenig. Was leider völlig untergeht, ist die Ekstase, die Leidenschaft und Feierlust dieser „Männer in Ochsenhäuten“, die im Prolog beschwört werden. Alles wirkt merkwürdig verlangsamt. Nicht einmal der Bühnennebel, vor dessen verstärktem Einsatz vorab sogar gewarnt wird, ist mehr als eine Andeutung.

alle Aufführungen im Mai ausverkauft, Restkarten für 28. Juni

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