"Tanguera" ist wieder da - die AZ-Kritik

„Tanguera“, das Tango-Musical aus Buenos Aires gastiert wieder im Deutschen Theater
Vesna Mlakar |
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In "Tanguera" geht es mit Leidenschaft zur Sache.
Sven Darmer In "Tanguera" geht es mit Leidenschaft zur Sache.

Verquere Welt! Millionen Europäer suchten Ende des 19. Jahrhunderts in Südamerika ein neues Glück. Wer per Schiff in Buenos Aires ankam, wie die junge Französin Giselle im vergnügt-bedrohlich-schmissigen Tango-Musical „Tanguera“, landete in La Boca.

Die zwielichtige Schmelztiegel-Atmosphäre des berüchtigten Hafenviertels, das für viele Einwanderer zum Schicksalsort wurde, bringt der argentinische Regisseur Omar Pacheco eindrucksvoll via Projektionen historischer Fotografien ins Deutsche Theater. Im Wechsel mit schauspielernden Tänzern, die sich auf der Bühne mit Säcken und dicken Seilen als Hafenarbeiter verdingen, funktioniert der visuelle Eröffnungs-Coup auch noch 15 Jahre nach der Show-Uraufführung.
Umgeben von Armut und Gangstertum prallten unterschiedlichste Kulturen und ihre folkloristischen Ausdrucksformen aufeinander. Hoffnungen zerschlugen sich in verruchten Kneipen und Bordellen. Ihre Sehnsüchte aber lebten die Menschen weiter aus, packten sie in ungestümen, leidenschaftshungrigen Tanz.

Lieder von Heimweh, Liebe und Not

Seither erzählen die traumwandlerisch verschnörkelten Schrittfolgen des Tango von zwischenmenschlichen Spannungszuständen und die Lieder von Heimweh, Liebe und Not. Für Choreografin Mora Godoy eine gute Gelegenheit, das über 20-köpfige Darstellerensemble mit einer Tanznummer beginnen zu lassen, in der noch viel landestypischer Charme der Neuankömmlinge mitschwingt.

Beispiele übermütiger, fetzig-männlicher Tangoausgelassenheit offeriert dagegen eine Gruppe Hafenarbeiter - darunter Esteban Domenchini. Seit mittlerweile 14 Jahren verkörpert er – immer noch brillant virtuos – die Rolle des entschlussstarken Lorenzo, der sich Hals über Kopf in die hübsche Ausländerin Giselle verliebt. Ein braves Mädchen, das als letzte Passagierin von Bord geht und etwas an die Maria aus Bernsteins „West Side Story“ erinnert. Nur, dass der Plot von „Tanguera“ mit seinen - besonders in den Rotlichtmilieu- und Nachtclub-Szenen – recht klischeehaft gelösten Bildern von Verführung, käuflicher Lust, Ablehnung, Rivalität, Gewalt und Tod wesentlich schlichter und überraschungsloser bleibt.

Melody Celatti, Bühnentango-Weltmeisterin des Jahres 2008, ist eine ideale Besetzung für die junge Frau, die angelockt durch falsche Versprechungen unmittelbar nach ihrer Ankunft in die Arme des groben Zuhälters Gaudencio (ein feuriger, muskulöser Teufel auf flotten Ledersohlen: Dabel Zanabria) gerät – und somit auf die schiefe Bahn der Prostitution. Ihre Schritte auf den obligatorischen Stöckelabsätzen flirren nur so zwischen und an den Schenkeln der Partner vorbei. Mal sind das die bösen Schlägertypen, dann wieder Lorenzo, mit dem sie sich lachend in Momente des Glücks schraubt.

Seufzer der Begeisterung

Ein klassisches Tango-Sextett (Klavier, Flöte, Kontrabass, Bandoneon, Geige und Gitarre) sorgt gleich zu Beginn der Show für musikalisch mitreißende Stimmung. Auch später spielen die Musiker immer wieder live in Arrangements von Lisandro Adrover zu schwindelerregend schnellen, gestochen-scharf und musikalisch höchst versiert präsentierten Paartänzen auf. Herauszuhören sind berühmte Tangokompositionen wie „La Cumparsita“, die den Münchner Aficionados Seufzer der Begeisterung entlocken. Spröderen Charme versprüht die sich mit vier Liedern und so manchen lauten Lachern in die durchchoreografierte Erzählung mischende Sängerin Marianela Massarotti. Mit dem trockenen Timbre kraftvoller Stimmbänder verleiht sie einigen Facetten der schlanken Geschichte eine besondere Note.

Um die traditionellen Tango-Melodien herum hat Komponist und Arrangeur Gerardo Gardelin eigene Klangvisionen für großes Orchester drapiert. Sie kommen, quasi als emotionale Verstärkung für dramatische Momente wie eine Messerstecherei, vom Band.

Das irritiert bisweilen, mindert die engagierte Performance der stets stilsicher agierenden Interpreten aber nicht. Nach 80 Minuten reißt der Handlungsfaden abrupt, als Gaudencio seinen Widersacher Lorenzo rücklings ersticht. Schade eigentlich. Ihre schönsten Sequenzen zeigen die Tänzer dafür gleich noch mal. Die Zugabe am Schluss ist  – fast – das Beste.

Bis zum 16. Juli im Deutschen Theater, Karten unter Telefon 55 234 444

 

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