Susanne Klatten wird erblassen: „Elektra“ im Volkstheater
Da liegt er, spärlich bekleidet in einem Lendenschurz, der Bart lang, das Leben aus ihm gewichen: Agamemnon, König von Mykene, ermordet von seiner Gattin Klytaimnestra und deren Geliebten Aigisthos.
Auf der Bühne 2 des Volkstheaters wird er so von seinem Sohn Orest entdeckt. Mit großen Gesten verfällt Max Poerting in ein überdramatisches Wehklagen. Orest schwört Rache, erweist sich aber als Prokrastinierer: Den Revanche-Mord an der Mutter möchte er lieber „morgen“ erledigen.
Bereits in dieser Szene entsteht eine Ironie heutigen Datums. „750 PS Vergangenheitsbewältigung“ lautet der Untertitel von Lorenz Noltings und Sofie Boitens Überschreibung von Sophokles’ „Elektra“. Was unbewältigt unter dem Rasenteppich liegt, ist die deutsche Nazi-Vergangenheit. Die 750 PS weisen sowohl auf die kapitalistische Motorkraft von BMW hin als auch auf die furiose Energie des Ensembles.

Was für ein Chaos Nolting und Boiten auf einer Bühne anzetteln können, durfte man in München schon beim letzten Radikal-jung-Festival erleben. Da war ihre „Kohlhaas“-Variante für das Theater Osnabrück zu sehen, und auch da entfesselten sich die Spielenden in einem performativen Rachefeldzug gegen die Konzerne. Einen ähnlichen Kampf für Gerechtigkeit fechten Orest und seine Schwester Elektra nun aus, nur im engen Familienkreis. Nolting und Boiten injizieren das antike Geschwisterpaar in die reale Industriellenfamilie Quandt hinein. Die Vorfahren dieses Clans bauten ihr Imperium während der Nazi-Zeit unter anderem dadurch aus, dass sie 55.000 Zwangsarbeitende in ihren Fabriken beschäftigten.
Dass Quandt-Tochter Susanne Klatten, Hauptaktionärin der BMW AG, gerne mit millionenstarken Spenden als Wohltäterin auftritt, lässt erahnen, dass womöglich doch ein schlechtes Gewissen in dieser Familie pocht. Liv Stapelfeldt fragt beim Publikum vorwurfsvoll nach, was die denn so spenden, und spielt die reichste Frau Deutschlands als herrlich biedere, starräugige Überzeugungstäterin. Ebenso gnadenlos satirisch stellt Steffen Link den Lebensteilzeitpartner Klattens dar: den Künstler Andreas Slominski, in Links Verkörperung ein devoter Speichellecker, der sich gerne von Klatten aushalten lässt.
Gibt es Schuldgefühle?
Allein diesen beiden beim protzigen Luxus(mahl)leben und beim Verneinen jeglicher Schuldgefühle zuzuschauen, macht einen Mordsspaß, wenngleich der darstellerische Overkill, den Regisseur Nolting und sein Team mit einem Wirbel aus Licht, Video und Musik unterstützen, gehörig die Belastbarkeit der Zuschauernerven testet.
Aber es herrscht ja auch Stress in der Familie Quandt: Gott Apollon, von Genet Zegay diabolisch-lustig gespielt, gibt Elektra die Anweisung, mal nachzuforschen, was die Urgroßeltern in der Vergangenheit denn so alles verbrochen haben, woraufhin Elektra ihre Mutter in Rechtfertigungszwang bringt.
Orest, dem Max Poerting originalgetreu den zweifelhaften Charme des Passiven verleiht, bekommt im Stile von „Clockwork Orange“ eine Gehirnwäsche per Bilderflut verpasst, um auf Familien-Linie gebracht zu werden. Szenen aus „Der Untergang“ mit UIrich Matthes als Goebbels flimmern vorbei. Goebbels Frau Magda war zuvor mit Günther Quandt vermählt - auch das wurde erfolgreich verdrängt.
Spenden als Ablass bei schlechtem Gewissen
Elektra lässt sich jedoch von Apollon zur Recherche und Rache anstacheln. Marlene Markt hält gegen Ende einen langen, fulminanten Monolog darüber, wovon dieser Abend noch hätte handeln können. Zum Beispiel von dem Güterzug, in den Günther und Herbert Quandt kranke Häftlinge Richtung KZ Bergen-Belsen transportieren ließen. Letztlich landeten die Zwangsarbeiter in einer Scheune, die von SS-Leuten und Männern vom Volkssturm angezündet wurde. 1016 Menschen starben in dieser Nacht.
Das Bühnenbild von Nadin Schumacher hat sich da schon vom mondänen Gewächshäuschen in die Scheune verwandelt. Und auch die Inszenierung hat ihren Tonfall verändert: Das laute Performance-Tohuwabohu erweist sich als Strategie Noltings, um die Nerven weichzuklopfen, auf dass die daraufhin in aller Ruhe verhandelten Sünden der Vergangenheit umso eindringlicher in die Köpfe eindringen. Im Grunde ist auch das eine Form von Gehirnwäsche, aber im Dienste eines Agitprop-Theaters, das nicht nur Anklage sein will, sondern auch von der Aktivierung des Publikums und beherzten Taten träumt.

Wenn Elektra und Orest am Ende in einen Van steigen und - per Video live ins Volkstheater übertragen - Richtung BMW-Turm fahren, um dort ihr rechtmäßiges Erbe einzufordern, wirkt das als heiter-aufrührerischer Appell ans Publikum, selbst in Aktion zu treten. Und selbst wenn über dem Abend die leise Melancholie hängt, dass Widerstand (im Theater) höchstwahrscheinlich zwecklos ist, so schaut man doch begeistert Noltings Inszenierung und dem grandios sich verausgabenden Ensemble zu.
Volkstheater, Bühne 2, wieder am 3., 12., 13. und 15. März, 20 Uhr, Karten: muenchner-volkstheater.de, Tel: 523 46 55
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