So ist der "Glöckner von Notre Dame" - die AZ-Kritik

Krüppel der Herzen: Das Musical „Der Glöckner von Notre Dame“ gastiert bis Januar im Deutschen Theater
| Michael Stadler
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Der "Glöckner von Notre Dame" im Deutschen Theater.
Johan Persson Der "Glöckner von Notre Dame" im Deutschen Theater.

David Jacobs als Quasimodo ist eine Wucht. Da das Disney-Musical „Der Glöckner von Notre Dame“, das nach einiger Zeit am Berliner Theater des Westens nun im Deutschen Theater in München gelandet ist, sich von vorneherein als Mischung aus Erzählung und Spiel gibt – mit einem Ensemble, das an einigen Stellen gemeinsam erzählt, um sich dann wieder in einen Chor und Einzelfiguren aufzuspalten –, kann auch Jacobs zunächst aufrecht auf die Bühne treten. In offensichtlicher Rollenaneignung schnallt er sich einen Buckel auf den Rücken und malt sich schwarze Striemen aufs Gesicht, um sich alsbald an einem Glockenseil in die Lüfte zu schwingen. Mit sportlicher Leichtigkeit und eindringlicher Gesangskraft spielt er dann den gebückten Helden, süß wie bei Disney, tragisch wie bei Victor Hugo.

Bei dem Franzosen Hugo hätten wohl die Alarmglocken geläutet, wäre ihm voraussagt worden, das sein Roman von 1831 über die revolutionäre Kraft der Außenseiter und des Volkes gegenüber einer sie knechtenden kirchlichen Macht, eines Tages, nach etlichen früheren Filmadaptionen, von einem US-Mainstreamimperium zu einem Zeichentrickfilm, dann Musical umgewandelt werden könnte. Aber es ist geschehen. Und keine Seltenheit. Literarische Klassiker sind nun mal publikumsträchtiges Futter, „Les Miserables“ hat sich längst ebenfalls zum Musicalhit gemausert, based on Viktor Hugo. Nach der Tiefe der Vorlage schielt das Glöckner-Musical schon ein wenig, aber erzählt dann naturgemäß nur oberflächlich von revolutionären Aufständen und schaut zahm in die Abgründe der Geistlichkeit.

Es brennt in ihm

Eigentlich rumort die Fleischeslust und das schlechte Gewissen darüber gewaltig beim Erzdiakon Claude Frollo, hat er doch die politisch unkorrekt als „Zigeunerin“ bezeichnete Esmeralda gesehen. Aber die Erotik hat bei einem Stück für die ganze Familie seine Grenzen. Dennoch ist es ein umjubelter Höhepunkt, wenn Felix Martin als Frollo mit dem Chor „Das Feuer der Hölle“ singt.

Es brennt jedoch mithin etwas wenig, vor allem nicht zwischen Maximilian Mann als Hauptmann Phoebus und Sarah Bowden als Esmeralda, die als Liebespaar sich mit „Einmal“ in eine schönere Welt träumen dürfen, aber doch Rollen haben, die wenig Raum für Charakterentwicklung geben. Es fehlt da an Witz und Charisma. Anflüge von Humor sind vorhanden, aber es mangelt an Pointen im gefühligen Text und an komischen Sidekicks. Das Ensemble gibt die in der Fantasie Quasimodos belebten Steinfiguren, die ihm die Einsamkeit verjagen und ihn beraten, aber ein witziger Widerpart schält sich nicht heraus. Herrlich ist der Auftritt des Heiligen St. Aphrodisius (Romeo Salazar), dessen Kopf in die Brustgegend immer wieder runterfällt und zurückjustiert werden muss. Und David Jacobs fügt hübsche Details ein, erstarrt herzig komisch in seiner Position, wenn Esmeralda ihn umarmt hat.

Gar kein schräger Ton

Was wäre das doch für eine Geschichte, wenn der Missgestaltete am Ende die Schöne abbekommen würde, aber davon erzählen weder Hugo noch Disney. Dem Krüppel bleibt die Freundschaft und immerhin in Sachen Jenseits sieht es gut für ihn aus. Statt dem beschaulicheren Ende des Disney-Films orientiert die Produktion sich am Ausgang des Romans, was zum Finale eine originelle, schöne Melancholie erzeugt. Die Schauwerte sind insgesamt wunderbar, der Glockenturm ein immer wieder göttlich ausgeleuchteter Raum, der sich mit vom Himmel kommenden oder hereingeschobenen Bühnenelementen in einen Marktplatz oder die bordellhafte Taverne „La Pomme d‘Eve“ verwandelt.

Das Orchester um Dirigent Bernhard Volk erzeugt einen souveränen Klang, mit ein paar sakralen Momenten. Aber Soli gibt es kaum: Eine Flöte oder eine Trompete dringen mal durch, ansonsten schnurrt die Musicalmaschine mit den wie üblich ins Ohr gehenden, hier selten hängenbleibenden Melodien von Alan Menken glatt durch. Was ja auch nicht anders sein soll. Der schräge Ton wäre ein Krüppel im meist harmoniesatten Musicalgeschäft. David Jacobs kann sich am Schluss den Buckel abstreifen und die Geschichte zu einem Ende bringen. Standing Ovations für alle, besonders für ihn.

Deutsches Theater, bis 7. 1. montags keine Vorstellung, Karten ab 30 Euro unter Telefon 55 234 - 444

 

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