So etwas Ähnliches wie Liebe

Regisseur Stephan Kimmig gelingt in den Münchner Kammerspielen eine visuell und schauspielerisch spektakuläre Umsetzung von Michel Houellebecqs Skandalroman „Plattform”
| Mathias Hejny
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Steven Scharf, der Experte für gebrochene Leidensmänner, spielt das Ekelpaket Michel.
Steven Scharf, der Experte für gebrochene Leidensmänner, spielt das Ekelpaket Michel.

Romane für ein anderes Medium zu adaptieren, ist meist ein undankbarer Job. Das Kino böte im Falle von „Plattform” des französischen Belletristik-Bad-Boys Michel Houellebecq immerhin mal prachtvolle, mal pornografische Bilder aus Paris, Nordfrankreich und Thailand, die die Wattiertheit abendländischer Intellektueller der darwinistisch dampfenden Vitalität des Dschungels entgegen setzen. Stephan Kimmig tritt in seiner Inszenierung des 2001 erschienenen Romans die Flucht nach vorne an und arbeitet mit formatfüllenden Videoprojektionen.

Zu sehen sind dennoch keine Ansichten aus der Stadt der Liebe, Urwälder in Fernost oder Puffs voller Thai-Mädels, sondern vor allem das von Traumatisierung gezeichnete Gesicht von Michel. Er befindet sich in einer von Kimmig hinzu erfundenen Psychiatrie, nachdem Valérie, die einzige Frau, zu der der erotomane Einzelgänger so etwas ähnliches wie Liebe empfand, bei einem Attentat islamischer Terroristen auf dem gemeinsam betriebenen Sex-Ferienclub in Thailand ermordet wurde.

Muskulöse Mösen

Bildschirm ist der sensationelle, sich drehende Raum, den Bühnenbildnerin Katja Haß baute. Die Wände sind Vorhänge, je nach Lichteinfall halbtransparent oder undurchsichtig. In der Wirkung schweben und flattern sie zwischen wohnlichen Gardinen, Trennvorhängen im Krankenhaus und Moskitonetzen – so, wie hier alles mit multipler Bedeutung aufgeladen ist und die Grenzen zwischen individueller Wahrnehmung und einer objektiven Realität, sofern es sie geben kann, diskret, aber spürbar verwischen. Und dazwischen turnt ein Kameramann (Julian Krubasik), dessen Bilder live nach außen gesendet werden.

Dicht rückt das Objektiv an Michel heran, den Steven Scharf spielt. Spätestens seit dem „Judas” ist er die Fachkraft für gebrochene Leidensmänner. Mit aufgerissenen, rot geränderten Augen und einer wie aus der Gruft heraufknarzenden Stimme beantwortet er die Fragen der Therapeuten, erinnert sich hasserfüllt an sein früheres Leben als unbefriedigter Kulturbeamter oder schwelgend an detailreich ausgemaltem Sex mit Asiatinnen. Er weiß deren „geschmeidige und muskulöse Mösen” im Gegensatz zu den Geschlechtsorganen europäischer Frauen zu schätzen.

Valérie erfüllt bald jeden Wunsch

Doch auch das einsame Ekelpaket findet sein Deckelchen, was ihn selbst so verwundert, dass im Zuschauer Mitgefühl aufkommen kann. Katja Herbers ist allmählich hinübergeglitten von der herben Psychiaterin zur süßen Valérie, die ihrem Michel jeden erotischen Wunsch, auch ohne geäußert zu werden, hingebungsvoll erfüllt. Vor allem ist sie „nicht so vulgär, mir mit Freundschaft zu kommen”.

Wolfgang Pregler bleibt in den anderen Rollen nur der markante Support des buchstäblich traumhaften Paares. Bewundernswert ist die Umsicht, mit der Stephan Kimmig die Pornografie der Vorlage behandelt, und auch sonst ist „Plattform” eine Literaturaneignung des Theaters, wie sie selten glückt: Visuell in jedem Moment ein Spektakel und schauspielerisch zum Niederknieen.

Münchner Kammerspiele, heute, 12., 29. Mai 2013, 19.30 Uhr (sonntags 19 Uhr), Tel. 23396600

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