Shakespeares "Wintermärchen" im Volkstheater

Böhmen liegt bei Berlin: Christian Stückl inszeniert im Volkstheater William Shakespeares vorletztes Stück „Das Wintermärchen“.
| Gabriella Lorenz
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In Christian Stückls „Wintermärchen“-Inszenierung versteckt Antigonus (Leon Pfannenmüller) ein Baby im alten Fiat - und dann zerreißt ihn der lauernde Eisbär.
Arno Declair In Christian Stückls „Wintermärchen“-Inszenierung versteckt Antigonus (Leon Pfannenmüller) ein Baby im alten Fiat - und dann zerreißt ihn der lauernde Eisbär.

"Papa ist blöd“ malt der kleine Mamillius an eine Glastür. Recht hat er: Wie sein Vater Leontes aus Eifersucht die Familie zerstört, ist idiotisch. Christian Stückl hat im Volkstheater Shakespeares vorletztes Stück „Das Wintermärchen“ inszeniert, eine Mischung aus Komödie, Tragödie, Schäferspiel und Märchen. Von knapp drei Stunden ist allerdings nur die Hälfte geglückt.

Bis zur Pause erzählt Stückl stringent und mit hohem Tempo das Ehedrama im Hause König. Im schicken Bungalow (Bühne, Kostüme: Stefan Hageneier) trägt man quietschbunte Freizeit-Klamotten und Reitstiefel, geht angeln und feiert mit dem Gast- und Jugendfreund Polixenes (Pascal Fligg zeigt Gutsherrenart), der abreisen will. Leontes’ schwangere Gattin (befehlsgewohnt: Magdalena Wiedenhofer) überredet ihn zum Bleiben – das löst beim sizilischen Herrscher die fixe Idee aus, Hermione betrüge ihn mit Polixenes. Der verblendete Leontes will Polixenes ermorden lassen, der haut gewarnt noch rechtzeitig ab in sein eigenes Königreich Böhmen. Hermione stirbt nach der Geburt einer Tochter im Kerker, das Baby lässt Leontes in der Fremde aussetzen.

Die mit Vulgärjargon aufgepeppte Fassung (nach Frank Günthers Übersetzung) bringt alles stimmig auf den Punkt, nur für Leontes’ plötzliche Erkenntnis der Unschuld seiner Frau fehlt das Orakel als Auslöser. Max Wagner spielt überzeugend Wahn und Furor, doch das Umkippen in die zu späte Einsicht bleibt psychologisch unmotiviert.

Nach einer Durststrecke ein starker Schluss

Aber Psychologie spielt in der zweiten Hälfte eh keine Rolle mehr. Da setzt Stückl voll auf Klamauk. Im Gegensatz zur gehobenen Mittelschicht zeigt die Drehbühne nun Unterschicht. Ein Schäfer (Jean-Luc Bubert) und sein halbverrückter Sohn (Sohel Altan G.) haben das Baby unter der Motorhaube ihres abgewrackten Fiat gefunden. Und aufgezogen. Böhmen muss nah bei Berlin sein, jedenfalls berlinern alle drei heftig („ist das jetzt ’ne Babyklappe oder was?“).

Nun ist Perdita (Constanze Wächter) 16, eine schmollende, hysterische Göre, verknallt in Dorikles. Der ist eigentlich Polixenes’ Sohn Florizel und hier ein Volltrottel. Jakob Gessner trägt zum Schäfer-Fest eine gewaltige Blätterkrone, Perdita hüpft im Südsee-Look herum.

Zur Proll-Party mit Faschingshütchen, Würstchengrill und Flaschenbier reißt der schmierige Gauner und Dieb Autolycus (Oliver Möller) zotige Reime („Ich brauch’ den Suff wie der Spießer den Puff“), verkleidet gesellt sich Polixenes dazu, um eine Verlobung zu verhindern.

Keine Schäferidylle, die Leute hier sind genauso eigennützig und böse wie in den besseren Kreisen. Dort ergeht sich seit 16 Jahren Leontes in Reue, meditiert im Judo-Anzug vor dem Sarg, zur Dauer-Trauer angestachelt von Hermiones Freundin Paulina (selbstbewusst: Barbara Romaner). Doch als Florizel und Perdita auftauchen, macht er sich sofort an das unbekannte Mädchen ran.

Der Schluss gelingt Stückl wieder stark: Bei einer Schicki-Vernissage erwacht die Statue der totgeglaubten Hermione als kreischende Rache-Furie – kein Happy End.

Volkstheater, 11., 16., 17., 29., 30. März, 2., 17., 19. April,  19.30 Uhr, Karten Tel. 523 46 55

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