Interview

Shakespeares "Richard III." - Wahnsinnig verspielt

Götz Otto spielt Shakespeares "Richard III." im Hofspielhaus.
| Michael Stadler
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Aufgeblasen ist schon mal die Krone von Götz Otto als Richard III. Und was sonst noch, wird man im intimen Hofspielhaus sehen.
Chris Hirschhäuser Aufgeblasen ist schon mal die Krone von Götz Otto als Richard III. Und was sonst noch, wird man im intimen Hofspielhaus sehen.

München - Dass es machthungrige Menschen gibt, die für ihre Pläne über Leichen gehen, ist kein Phänomen mit Verfallsdatum, sondern eine Konstante über alle Zeiten hinweg. Insofern ist es kein Wunder, dass Shakespeares "Richard III." auch heute noch auf allen möglichen Bühnen sein Unwesen treibt. Sein Umfeld manipuliert und massakriert der Herzog von Gloucester solange, bis er englischer König wird, wobei er vor und auch nach der Thronübernahme nicht vor heimtückischen Morden zurückschreckt. Jetzt spielt Götz Otto in einem Dreier-Team "Richard III." im kleinen, feinen Rahmen des Hofspielhauses.

AZ: Herr Otto, Richard III. gilt als einer der größten Schurken der Theaterliteratur. Gibt es denn etwas, was Sie an der Figur sympathisch finden?GÖTZ OTTO: Persönlich sympathisch? Da muss ich ein bisschen ausholen, denn wir kommen nicht in verschiedenen Rollen auf die Bühne, sondern als Schauspieltruppe, die dieses Stück in schönster Shakespearscher Tradition dem Publikum vorspielt. Es gibt also diese zweite Ebene: Wir sind als Spieler präsent, die dann in die Rollen schlüpfen, wobei ich Richard spiele und meine Kollegen Mira Huber und David Hang verschiedene Figuren übernehmen. Aber klar, als Spieler von Richard entdecke ich schon einiges an ihm, was mir sehr viel Spaß macht, allein dieses Intrigieren, dieser ganze Wahnsinn von ihm. Er ist dabei sehr verspielt, probiert immer wieder etwas aus, probiert sich ständig selbst aus.

Das ist dem Beruf des Schauspielers doch ganz nahe. Und Richard geht sehr gewieft mit Sprache um.
Ja, absolut. Der Text von Shakespeare ist natürlich großartig, wobei es Passagen gibt, wo selbst die Sekundärliteratur bei der Interpretation scheitert: Was hat Shakespeare denn da nur gemeint?

"Ich hatte während der Pandemie genug Zeit um Gitarre zu Lernen"

Wurden diese Stellen gekürzt?
Wir haben sie ein bisschen verständlicher gemacht. Insgesamt hat unser Regisseur Sascha Fersch das Stück stark bearbeitet, was nicht bedeutet, dass wir es jetzt in Neudeutsch spielen, aber es ist auf jeden Fall eine kondensierte Fassung. Was natürlich auch so sein muss, weil wir nur zu dritt sind und nicht jede Figur und jede Szene spielen können. Wir machen zudem Musik auf der Bühne, singen und spielen verrockte Versionen von Shakespeare-Sonetten, die thematisch zu dem Stück passen.

Sie haben dafür extra das Gitarre-Spielen gelernt. Autodidaktisch?
Nicht ganz. Unser Regisseur, der die Musik auch komponiert hat, spielt selbst sehr gut Gitarre und hat mir das beigebracht. Ich hatte während der Pandemie ja auch genug Zeit zum Lernen.

Sie haben das Stück im Frühjahr geprobt, die Premiere war auf Februar angesetzt und wurde auf jetzt verschoben. Konnte die Inszenierung noch mehr "reifen"?
Das kann ich gar nicht so sagen. Ich hatte auf jeden Fall großen Respekt davor, dass alles nach so langer Zeit wieder hochzuholen. Ich habe zwar schon Wiederaufnahme-Proben am Theater erlebt, aber da hat man ja das Stück bereits zig mal gespielt. Das war jetzt nicht der Fall und ich habe schon befürchtet, dass vieles über die Zeit verloren gegangen ist. Aber wenn man dann auf der Bühne steht und die gleiche Situation wieder entsteht, ist es ganz faszinierend, wie die Dinge sich schlagartig wieder einstellen. Wobei das weniger aus dem Kopf zu kommen scheint, sondern der Körper erinnert sich.

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Apropos Kopf: Sie sind zwei Meter groß. Stoßen Sie im Hofspielhaus nicht an die Decke?
Es heißt ja, dass Richard einen Buckel hat, dementsprechend stehe ich sowieso ständig gebückt auf der Bühne… Nein, Spaß beiseite, ich stehe schon aufrecht beim Spielen, das funktioniert gerade noch so.

Mit der Verkrüppelung Richards manifestiert sich seine innere Verkommenheit auch äußerlich.
Ja, wir haben uns aber bewusst gegen diese Art der Darstellung entschieden. Ich finde das auch falsch zu behaupten, dass man einem Menschen seinen Charakter von außen ansehen kann.

"Den allerschlimmsten Verbrecher habe ich in der Serie "Dignity" gespielt"

Schauspieler kennen das ja zur Genüge in Form des berüchtigten "Type-Castings". Sie selbst werden oft als "Bösewicht" besetzt, vermutlich auch wegen Ihrer Physiognomie und Körpergröße.
Auf jeden Fall. In so was kann man eben reinrutschen und bekommt das dann auch nicht so schnell los. Das liegt ja nicht am Schauspieler selbst, der sagt, ich möchte nur die bösen Jungs spielen oder die netten Schwiegersöhne, sondern an den Leuten, die diese Rollen besetzen. Denen fehlt leider manchmal die Fantasie und vielleicht auch der Mut, jemanden gegen seinen Typ zu besetzen. Wenn es dann heißt, wir brauchen einen Bösen, kann es schon mal heißen: Ach, der Otto, der kann das bestimmt! Wobei ich sagen muss, dass ich am Theater eigentlich eher die "good guys" gespielt habe.

Für den "Tatort" wurden Sie zuletzt zweimal als Täter besetzt. Nervt das nicht?
Es geht, weil diese Rollen sich ja kaum ähneln. Den allerschlimmsten Verbrecher habe ich in der Serie "Dignity" gespielt: Paul Schäfer, den Gründer der Sekte Colonia Dignidad, der später für mehrfachen Kindesmissbrauch verurteilt wurde. Im Gegensatz dazu ist Richard III. zum Beispiel eine ganz andere Figur. Diese sehr negativen Charaktere kann man nun mal nicht einfach aus einer Schublade ziehen, sondern muss sie sich unterschiedlich erschließen, was dann schon wieder interessant ist.

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Auch die Rahmung ist immer verschieden. Wie kam es zur Zusammenarbeit mit dem Hofspielhaus?
Die Chefin des Hofspielhauses, Christiane Brammer, hat mich vor längerer Zeit angesprochen, ob ich nicht Lust hätte, diese Rolle zu spielen. Was mich sehr gefreut hat. Ich bin jetzt über 50, insofern weiß ich nicht, wie oft sich noch die Gelegenheit ergeben wird, Richard III. spielen zu dürfen. Das ist eine große Herausforderung und macht gleichzeitig sehr viel Spaß. Gerade über die Meta-Ebene versuchen wir, den Zuschauern diesen eigentlich sehr düsteren Stoff mit einer gewissen Leichtigkeit näher zu bringen.

Wie viele Leute dürfen eigentlich zuschauen?
Die Premiere findet neben dem Hofspielhaus, draußen in der Alten Münze statt. Da dürfen 150 Leute dabei sein. Danach gehen wir ins Hofspielhaus und werden bei schönem Wetter auf der Terrasse spielen, was eine größere Zuschauerzahl ermöglicht. Innen dürfen dreißig Leute sitzen.

"Der Rahmen im Hofspielhaus ist sehr intim"

Das Hofspielhaus ist klein und heimelig. Was ein Vorteil ist?
Ich kann es noch nicht sagen, weil wir noch nicht vor Zuschauern gespielt haben. Aber klar, der Rahmen im Hofspielhaus ist sehr intim. Auf der Bühne im Residenztheater muss zum Beispiel alles so groß gezeigt werden, dass auch die hinterste Reihe davon etwas mitbekommt. Im Hofspielhaus können wir kleiner spielen. Und die Leute sitzen einem fast auf den Schoss. Ich bin gespannt, wie das werden wird.

Gegen Ende steht Richard auf einem Schlachtfeld, sein Pferd wurde getötet, weshalb es zu dem berühmten Ausspruch "Ein Pferd! Ein Pferd! Mein Königreich für ein Pferd!" kommt. Gibt es etwas, für dass Sie alles hergeben würden?
Ich könnte jetzt etwas Kitschiges wie "Weltfrieden" sagen, aber eigentlich kann ich sowieso schon gut auf Besitz verzichten. Mir sind die sozialen Beziehungen am wichtigsten, meine Familie, meine Freunde. Aber die muss ich auch nicht für etwas eintauschen, sondern habe ich glücklicherweise schon.


Die Open-Air-Premiere am Samstag in der Alten Münze ist ausverkauft. Für So, 20 Uhr, im Hofspielhaus-Hof (bei schlechtem Wetter im Hofspielhaus) gibt es noch Karten zu 30 Euro mit Mini-Menü. Die weiteren Termine: www.hofspielhaus.de, Telefon: 24 20 93 33

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