Shakespeares "Hamlet, inszeniert von Christopher Rüping

Christopher Rüpings blutige Version von Shakespeares „Hamlet“ in der Kammer 2 der Münchner Kammerspiele
| Mathias Hejny
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Nils Kahnwald als Ophelia.
Thomas Aurin 3 Nils Kahnwald als Ophelia.
Nils Kahnwald und Katja Bürkle.
Thomas Aurin 3 Nils Kahnwald und Katja Bürkle.
Nils Kahnwald und Walter Hess
Thomas Aurin 3 Nils Kahnwald und Walter Hess

Eins zu null für Dänemark, zumindest hinsichtlich der Blutwerte. Vor einer Woche hatte Andreas Kriegenburg im Residenztheater Shakespeares „Macbeth“ bereits in Blut gebadet. Die rote Körperflüssigkeit verklebt das Haar, die Gesichter und die nackten Oberkörper des schottischen Teams auf dem Kriegspfad.

Mit solchen hämoglobalen Verkrustungen hält sich Kammerspiel-Hausregisseur Christopher Rüping beim Dänen-Prinzen Hamlet nicht lange auf. An der Rückwand der Kammer 2 hat Bühnenbildnerin Ramona Rauchbach drei Tanks voll Theaterblut installiert, aus denen eimerweise gezapft, auf die Spielfläche geschleppt und über den drei Darstellern, zu denen das Personal zusammengedampft ist, vergossen wird.

Die zweistündige Performance nach Motiven aus „Hamlet“ beginnt am Ende. Alle sind schon tot. Auf einem Display, das den ganzen Abend über viel Lektüre bietet, erscheinen nacheinander die Namen der Figuren und werden durchgestrichen. Aber das Schweigen bleibt nicht als der Rest. Irgendwie scheint Horatio übrig geblieben zu sein und unternimmt den Versuch zu erzählen, was bisher geschah. Katja Bürkle, Walter Hess und Nils Kahnwald treiben Rollenspiele und sind irgendwann alle wesentlichen Figuren, der Musiker Christoph Hart macht mit Soundcomputer und einer zart gezupften Harfe die Geräusche dazu.

Hamlet als Täter

Die Idee, den Prinzen mental umzudrehen, ist auf den ersten Blick bestechend. Wer den Hamlet spielt, streift einen schwarzen Kapuzenpulli über, damit alle wissen: Das ist ein Terrorist! Nach traditioneller Lesart ist Hamlet der Prototyp des vergrübelt Zaudernden, dessen Tatenlosigkeit Freund wie Feind nach und nach zum Opfer fallen.

Christopher Rüping macht ihn zum Täter, der Spaß hat am Töten. Wo er bei William Shakespeare nur Wahnsinn vortäuscht, um die Wahrheit über den Mord an seinem Vater zu finden, ist er bei Rüping echt durchgeknallt. Der Bub hat sich selbst radikalisiert. Zu den nicht wenigen schauspielerisch begeisternden Momenten der Best-of-Hamlet-Revue zählt ein Zornausbruch des Prinzen, der mit wüsten Beschimpfungen mit Ophelia Schluss machen will.

Mit Furor

Der Furor Katja Bürkles verpufft allerdings, wie auch alles andere, irgendwo im Dunst der Beliebigkeit, weil Ophelia gar nicht eingeführt ist. Alles, was man über sie weiß ist, dass sie ein junger Schauspieler ist (Nils Kahnwald), der sich Fummel übergeworfen hat. Wegen einer Knieverletzung während der Endproben muss er im Rollstuhl sitzen und vom Regieassistenten Felix Lübkemann geschoben werden.

„Du Grottenolm!“ faucht die Bürklerin den Rollifahrer an und schließt den Monolog mit „Darf man nicht mal wütend sein? Ist ja auch egal“. Dieses mit wegwerfender Handbewegung hingeschleuderte „Ist ja auch egal“ ist der Schlüssel zum Verständnis von Rüpings Inszenierung: Is egal. Is doch nur Theater. Hamlet ist ein lächerlicher Wutprinz? Is doch lustig.

Wichtigtuer-Theater

Dazu passt, dass Ophelia nicht im Fluss, sondern im Konfettiregen ertrinkt. Helau und Alaaf! Die Sache mit dem Rollstuhl sollte übrigens unbedingt nach der Genesung von Nils Kahnwald beibehalten werden. Wenn sich der Gehbehinderte erhebt und zittrig ein paar Schritte hinkt, bilden sich für wenige Augenblicke Spurenelemente von Drama.

Rüpings Blutwurst nach Helsingör-Art macht peinlich offenbar, dass der aktuelle Streit über mehr performative Theaterformen oder doch lieber Klassikerpflege in den Kammerspielen nur eine Scheindebatte ist. Es geht um den Widerspruch zwischen wichtigen dramaturgischen Konzepten und dem Wichtigtuer-Theater aus dem Geiste von Opas Provokationen, das dann auf die Bühne kommt. Vorsätzliche Pubertät ist kein Businessmodell für ein Theater der Zukunft.

Münchner Kammerspiele (Kammer 2), 24., 30. Januar, 16., 17. Februar, 19.30 Uhr, Karten unter Telefon 23 39 66 00

 

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