Schon wieder ein Hit: „Wokey Wokey“ in den Kammerspielen
Ach, wie schwierig es doch geworden ist, sich zu positionieren. Kaum hat man Stellung bezogen, schon kommt der nächste Shitstorm, wird die Meinungsfreiheit in Frage gestellt, wobei ja gerade diejenigen, die andere radikal diskriminieren, auf ihr Recht der ungehinderten Gedankenäußerung pochen.
Kein Wunder also, dass Regisseurin Gordon sich jeglicher Positionierung entsagt hat. „Links, rechts, Tomato, Tomahto“, ruft sie. „Mich stößt jede Form von Ideologie ab.“ Das klingt strategisch klug, ist aber leider, wie doof, auch keine Lösung. Gordon will vor allem Filme machen, wenn es sein muss, mit geringem Budget. Dass sie ihr Team ungerechterweise ungleich bezahlt, ist ein Geheimnis, das irgendwann enthüllt wird, so, wie nichts verdeckt bleibt in Nora Abdel-Maksouds neuem Stück „Wokey Wokey“.
Abdel-Maksoud, die ihre Komödien eng mit ihren jeweiligen Ensembles entwickelt, um sie dann selbst als Regisseurin zur Uraufführung zu bringen, hat in den Kammerspielen bereits mit „Jeeps“ (2021) und „Doping“ (2024) zwei Hits gelandet. „Wokey Wokey“ ist nun der Abschluss der Trilogie, und letztlich erwartet man nichts anderes als einen weiteren Erfolg, so rasant komisch waren die ersten beiden Teile.
Der woke Bruder aus der linken Blase
Dabei ist im Theater wie im Kino eigentlich nichts planbar, weshalb bezeichnenderweise das Scheitern am Anfang von „Wokey Wokey“ steht. Regisseurin Gordon erzählt dem Publikum davon, dass ihr neues Projekt - eine Neuverfilmung von George Orwells dystopischem Roman „1984“ - geplatzt ist. Ein Musical wollte sie aus dem Stoff machen, was ein hübsch populäres Genre ist, und man freut sich, wenn das Ensemble eine erste Musicaleinlage zum Knallen bringt. Zudem hat der Spruch „Big Brother is watching you“ an Aktualität nichts verloren, nur dass es jetzt der woke Bruder aus der linken Blase ist, der einem als omnipräsente Gedankenpolizei bei jeder latent heiklen Äußerung auf die Finger haut.
Auf welcher Seite des politischen Spektrums Nora Abdel-Maksoud steht, ist ziemlich klar. Aber sie ist zu jeder politisch unkorrekten Schandtat bereit, streut vorbehaltlos kleine skandalöse Sätze ein, auch einen Impuls zum Hitlergruß, der aber „halb“ bleibt, weil er gerade noch verhindert wird. Ihr Publikum bombardiert sie dermaßen mit Ansichten, Anspielungen und Pointen, dass einem der Kopf schwirrt - im Chaos von Pleiten, Pech und (Dreh-)Pannen ist man bald genauso verloren wie Regisseurin Gordon.

Als Identifikationsfigur bietet sie sich nicht an, aber man hat Spaß mit ihr, weil Johanna Eiworth sie mit prächtig hintergründiger Komik spielt. Blond ist Gordons Mähne, frisch ihr Auftreten, was aber nicht verhindern konnte, dass ihr die Autorität beim Drehen immer wieder entglitt. Ein Making-Of des gescheiterten Filmprojekts präsentiert sie dem Publikum, lädt ein zu einem Rückblick, bei dem die Perspektive durch das Bühnenbild von Moïra Gilliéron von Anfang an herrlich cineastisch verengt ist.
Gefahren hinter der Komödiantik
Der Bildausschnitt kann sich weiterzuziehen oder bei Bedarf erweitern. Es ist ja alles eine Frage der Perspektive. Die Denkräume der vier Schauspielenden, die Gordon für ihr Projekt rekrutiert hat, öffnen sich beachtlich weit, erweisen sich aber auf den zweiten Blick als beängstigend eng. Die Figuren sind bei Nora Abdel-Maksoud ja meistens ein bisschen doof, aber ihre Haltungen zu Gott und der Welt sollte man ernst nehmen, da lauert mitunter eine Gefahr, die weit über das Komödiantische hinausreicht.
Mit Vorsicht sind vor allem Günni und Lennart zu genießen, ein musikalisch begabtes Duo, das sich auf Instagram als „pansexuelle, neurodivergente intersektionale Feministen“ präsentiert, aber einen rechten Hau weghat. In ihren Anzügen erinnern sie an die Killer aus „Pulp Fiction“ (Kostüme: Katharina Faltner).

Vincent Redetzki, der schon bei den ersten zwei Teilen dabei war, weiß, wie er als Günni zwischen Stoik und Slapstick brandgefährliche Einfalt ausstrahlt. Und Maren Solty gibt einen grandiosen Einstand im Kosmos von Nora Abdel-Maksoud. Ihr Lennart hadert beharrlich damit, dass Pronomen in genderfluiden Zeiten weggelassen werden, und haut beherzt drauf, wenn es was zum Draufhauen gibt.
Im Wust der antiwoken Gefühle
Die fragile Würde einer Diva strahlt die ebenfalls fabelhafte Eva Bay als Birgit aus: Dem „One-Take-Wonder“ wollen die gespielten Tränen nicht mehr gelingen, gegen Ende verheddert sie sich beklemmend komisch in Sätze, die sich als Zitate von Björn Höcke entpuppen. Den Abdel-Maksoud-Sound beherrscht auch Stefan Merki perfekt. Als Ulli erscheint er, ausgestattet mit Clark-Gable-Bärtchen und Pulli, als Grandseigneur der Schauspielkunst, bekommt aber längst nicht mehr alle Rollen, für die er vorspricht, weshalb Gordon ihn als „erstes Opfer deutscher Cancel Culture“ bezeichnet.

Der unter Generalverdacht stehende ältere weiße Mann bemüht sich um untoxisches Verhalten, aber ihm geht halt das „LGBTQIA+“ nicht leicht von den Lippen. So verheddern sich alle im Wust der (anti-)woken Gefühle. Einmal unterbricht eine herzhafte Schlägerei den Wortstrom, und ein Crewmitglied namens Benni muss, ähnlich wie Kenny in der Zeichentrick-Serie „South Park“, immer wieder sterben.

Aber vieles, vor allem die Ressentiments, sind einfach nicht totzukriegen. Im Eifer der Gefechte verliert man mitunter den Überblick. Das Ensemble hat den Ablauf fantastisch intus (Choreographie: Johanna Lemke), aber die Dramaturgie ist so episodisch wie das Set-Leben. Es folgt Szene auf Szene, Witz auf Aberwitz, und so atemlos fordernd dieser Abend ist - irgendwann ist man mit dem Ensemble gemeinsam im Flow. Und ahnt, dass auch diese Inszenierung von Nora Abdel-Maksoud ein Hit werden wird. Auch deshalb, weil einem beim ersten Mal so viel entgeht, dass man noch mal rein muss.
Kammerspiele, nächste Aufführungen: 1., 8., 15. und 28. April, 20 Uhr; 19.4., 16 Uhr; Telefon 233 966 00
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