Kritik

Schauburg: Der "Zauberer von Oz" ist bunt, witzig – und ein Stückwerk

Ania Michaelis hat den Kinderbuch-Klassiker im Münchner Theater für junges Publikum bearbeitet. Im Ensemble gibt es einen bemerkenswerten Neuzugang
Michael Stadler |
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v.l.n.r. Janosch Fries, Lola Giwerzew, Finn Cosmo Faust, Michael Schröder, Annelie Straub, Tom Gerhartz.
Philipp Nemenz 5 v.l.n.r. Janosch Fries, Lola Giwerzew, Finn Cosmo Faust, Michael Schröder, Annelie Straub, Tom Gerhartz.
Die Schauburg am Elisabethplatz.
Schauburg 5 Die Schauburg am Elisabethplatz.
v.l.n.r: Lola Giwerzew, Michael Schröder, Finn Cosmo Faust, Hardy Punzel, Tom Gerhartz, Annelie Straub, Janosch Fries
Philipp Nemenz 5 v.l.n.r: Lola Giwerzew, Michael Schröder, Finn Cosmo Faust, Hardy Punzel, Tom Gerhartz, Annelie Straub, Janosch Fries
v.l.n.r.: Annelie Straub, Finn Cosmo Faust, Janosch Fries, Michael Schröder
Philipp Nemenz 5 v.l.n.r.: Annelie Straub, Finn Cosmo Faust, Janosch Fries, Michael Schröder
v.l.n.r.: Hardy Punzel, Finn Cosmo Faust, Annelie Straub, Janosch Fries, Michael Schröder
Philipp Nemenz 5 v.l.n.r.: Hardy Punzel, Finn Cosmo Faust, Annelie Straub, Janosch Fries, Michael Schröder

Der rote Vorhang geht weiter auseinander, es geht in der Schauburg los - und die Show ist gerade vorbei. Oben auf einer Balustrade sieht man von hinten ein Ensemble stehen, sie verbeugen sich zum Applaus, verstreuen sich dann in verschiedene Richtungen. Zunächst bleibt nur eine zurück: die Schauspielerin Nell. Kindlich jung wirkt sie und würde gerne einfach immer weiter und weiter spielen.

„Grau, für mich ist alles grau“, singt Annelie Straub als Nell, begleitet sich selbst auf dem Boden sitzend am Harmonium. Es klingt traurig und schön, Janosch Fries kommt dazu und stimmt mit ein und dann kehrt die ganze Truppe zurück, fängt (noch einmal?) an, den „Zauberer von Oz“ zu spielen.

Ein bisschen Meta-Theater muten Ania Michaelis und ihr Team dem jungen Publikum in der Schauburg zu, aber das Schlüpfen in Rollen, das Erfinden von Geschichten, ist Kindern ja nur allzu gut bekannt. Einige Kinderspiele streut Michaelis in ihre Inszenierung ein, Schere-Stein-Papier etwa und immer wieder Verstecken: 10-9-8-7-6… Während Nell zählt, versuchen die anderen, sich zu verbergen, landen dabei in verschiedenen Figuren, die auch verbal zugeteilt werden: „Du wirst jetzt den Löwen spielen!“.

Atemlos, aber unterhaltsam

Den Buchklassiker von Lyman Frank Baum, 1900 erstmals erschienen und wegen seines Erfolgs sowohl von Baum als auch von anderen Autoren mehrfach fortgesetzt, hat Ania Michaelis selbst für die Bühne bearbeitet. Was wohl kein leichtes Unterfangen ist, immerhin wird Dorothy durch einen Wirbelsturm aus ihrer Heimat Kansas ins Zauberland Oz transportiert, trifft dort auf Hexen, das Volk der Mümmler und vor allem auf die Vogelscheuche, den Blechmann und den Löwen. Die Drei werden zu ihren Gefährten; mit ihnen zieht sie auf der gelben Ziegelstraße Richtung Smaragdstadt, wo der Zauberer von Oz leben soll. Kann er Dorothy wieder nach Hause bringen und die Wünsche der anderen erfüllen?

Auf ihrer Reise macht das Trio Bekanntschaft mit einem Mäusevolk, wird von roten Mohnblumen zeitweise eingeschläfert, sieht in der Smaragdstadt alles in Grün. Das sind tolle Herausforderungen, die Bühnen- und Kostümbildnerin Maria Bahra fantasievoll meistert. Aber es ist schon alles sehr bunt, sehr zusammengemixt und optisch ziemlich unruhig. Das geschwungene Halbrund im Stile einer Halfpipe, das von der oberen Balustrade nach unten zur Bühnenmitte führt, steht auch ein bisschen für die Haltlosigkeit, die man als Zuschauer ob der Vielzahl an Figuren, Looks und Situationen verspüren kann.

v.l.n.r: Lola Giwerzew, Michael Schröder, Finn Cosmo Faust, Hardy Punzel, Tom Gerhartz, Annelie Straub, Janosch Fries
v.l.n.r: Lola Giwerzew, Michael Schröder, Finn Cosmo Faust, Hardy Punzel, Tom Gerhartz, Annelie Straub, Janosch Fries © Philipp Nemenz

Den Flow einer Reise hinzubekommen, bei der sich die Charaktere allmählich näherkommen - das ist Michaelis und ihrem Team zumindest bei der Premiere nicht ganz gelungen. Vieles erscheint als Stückwerk: Hier mal Akrobatik, da ein Song, hier eine Choreografie, da eine Spielszene, dort Einfühlung, da ein metatheatralischer Gag. Vielleicht hätte der ein oder andere ruhige Dialog die Entwicklung der Figuren, ihr Zusammenwachsen als Gruppe nachvollziehbarer, berührender machen können. Vielleicht gibt der überbordende Stoff es aber auch nicht her - zu viel muss in 80 Minuten erzählt werden.

Die Kraft der Gemeinschaft

So wirkt die Inszenierung mitunter atemlos, ist dabei farbenfroh und unterhaltsam. Zwischen der frisch aufspielenden Annelie Straub als Nell, die dann Dorothy spielt, und Janosch Fries als zumeist stummen Hund Toto gibt es ein stilles Einverständnis, gerade in den akrobatischen Momenten. Fries hat zudem manche Gruppeneinlage gewitzt choreografiert: In der Bewegung finden alle heiter zusammen.

Die Schauburg am Elisabethplatz.
Die Schauburg am Elisabethplatz. © Schauburg

Um die Kraft der Gemeinschaft geht es ja auch, im Theater, im „Zauberer von Oz“. Im Spiegel des anderen findet man vielleicht das, was einem vermeintlich fehlt. Die Vogelscheuche hätte gerne ein Hirn, der Blechmann ein Herz und der Löwe Mut. Aber letztlich irren sie sich, ist doch schon ganz viel da. Wenn die Vogelscheuche (Finn Cosmo Faust) meint, dass sie genau weiß, dass sie nichts weiß, entgegnet Dorothy: „Das ist mehr als die meisten wissen.“ Der Blechmann (Tom Gerhartz) entpuppt sich als sensibler Typ. Der Löwe (Michael Schröder) lässt sich nicht nur von allen anfeuern, die Halfpipe hinab zu rutschen, sondern zeigt Mut zum Gefühl: „Ich liebe Blumen. Sie sind so sorglos und zart.“

Sämtliche Hexen sowie die Königin der Mäuse spielt Lola Giwerzew, viel versprechender Neuzugang im Schauburg-Ensemble. Kess sind ihre Figuren, mit hintergründigem Witz - herrlich, wie sie als böse Hexe des Westens am Boden zerschmilzt. Das Team zeigt sich wunderbar wandelbar, wächst auch als Band zusammen. Die von Matthias Bernhold komponierten Songs haben aber einen verschrobenen, ins Kurt-Weill-Hafte gehenden Charme.

v.l.n.r.: Hardy Punzel, Finn Cosmo Faust, Annelie Straub, Janosch Fries, Michael Schröder
v.l.n.r.: Hardy Punzel, Finn Cosmo Faust, Annelie Straub, Janosch Fries, Michael Schröder © Philipp Nemenz

Ordnung in das Chaos der Welt könnte ja ein Magier bringen, aber der Zauberer von Oz erweist sich als Scharlatan. Hardy Punzel, dem man immer wieder gerne zuschaut, gibt ihn mit Maske vor dem Gesicht als trickreichen Gaukler, dessen Situationsmächtigkeit aber am Ende mitsamt Seifenblasen zerplatzt.

Souveränität bedarf ja auch keiner Zauberei, sondern entsteht dann, wenn man zu sich selbst steht - in der Gruppe, deren Spiel-im-Spiel das junge wie alte Publikum zum trampelnden Applaus animiert.

Schauburg, die Vorstellungen im Oktober sind ausgebucht, mehr Infos unter www.schauburg.net

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