Salzburger Pfingstfestspiele: Ein Hauch von Dolce Vita

Die Pfingstfestspiele in Salzburg eröffnen mit der Inszenierung des Händel-Oratoriums "Il trionfo del Tempo e del Disinganno".
| Marco Frei
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"Salzburg sucht das Top-Model": Händels "Il trionfo del Tempo e del Disinganno" mit Cecilia Bartoli (links) und Mélissa Petit.
"Salzburg sucht das Top-Model": Händels "Il trionfo del Tempo e del Disinganno" mit Cecilia Bartoli (links) und Mélissa Petit. © SF/Monika Rittershaus

Salzburg - Die Menschen flanieren durch die Gassen der Altstadt. Natürlich halten sie Abstände ein, aber: Sie lassen sich den obligatorischen Schaulauf nicht nehmen.

Passend zum diesjährigen Rom-Schwerpunkt: Es glitzert

In solchen Momenten weht ein Hauch von "Dolce Vita" durch das sonst so bürgerliche Salzburg. Am Freitag vor Pfingsten spielte noch dazu das Wetter halbwegs mit. So muss es sein, wenn die Salzburger Pfingstfestspiele eröffnet werden.

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Noch bis 2026 leitet Cecilia Bartoli diese Reihe. Die römische Mezzosopranistin ist eine Garantin für diese Salzburger Italianità. Vor dem "Haus für Mozart", wo als erste Premiere das Oratorium "Il trionfo del Tempo e del Disinganno" von Georg Friedrich Händel über die Bühne ging, funkelt und glitzert es ganz besonders - passend zum diesjährigen Rom-Schwerpunkt.

Die Damen präsentieren ihre neuesten modischen Errungenschaften. Alles wirkt ganz normal an dieser Festspiel-Eröffnung, wenn da nicht die Masken und Corona-Testkontrollen wären. Während aber hierzulande das Personal oftmals steif auf die Einhaltung der Regeln achtet, geschieht das in Salzburg wohltuend gelassen und mit viel Stil: sehr genau, aber stets höflich und charmant.

Corona-Regeln: Eröffnungsabend mit Auslastung von rund 50 Prozent

"Man wird hier als zahlender Besucher wirklich hofiert und respektiert", lobt ein angereister Bayer. Er ist einer von 750 Personen, die an diesem Eröffnungsabend im "Haus für Musik" Platz nehmen dürfen: eine Auslastung von rund 50 Prozent. Auf das Münchner Nationaltheater übertragen, würde das ungefähr 1.050 Personen bedeuten: deutlich mehr als gegenwärtig 700 Zugelassenen.

Im Salzburger Publikum war eine Mischung aus freudvoller Erwartung und tiefenentspannter Erleichterung allgegenwärtig. Endlich wieder ein großes Spektakel live vor Ort unter Menschen: "Ach, ist das herrlich!", seufzte eine Besucherin. Da ist es im Grunde völlig egal, was vorne auf der Bühne passiert.

Cecilia Bartoli höchstselbst in der Rolle von Il Piacere 

Das Schaulaufen draußen vor der Tür setzte sich auf dem Podium fort. Robert Carsen inszenierte das 1707 uraufgeführte Oratorium als Fernseh-Show "Salzburg sucht das Top-Model", flimmert es über Bildschirmen. Nur eine kann gewinnen, und zwar die Schönheit: Mélissa Petit als Bellezza.

Als strenge Preisrichterin und Jurorin regiert das Vergnügen. In die Rolle von Il Piacere schlüpft Bartoli persönlich, von Ausstatter Gideon Davey knallrot eingekleidet. Für die Schönheit könnte alles herrlich leicht und vergnüglich sein, wenn da nicht zwei Spaßbremsen wären: der stimmlich etwas belegte Charles Workman als Il Tempo sowie Lawrence Zazzo als Il Disinganno. Die Erkenntnis ist nämlich, dass mit der Zeit die Schönheit verblasst. Man sollte sich also besser den nachhaltigeren Fragen des Lebens stellen.

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Lawrence Zazzo: Biegsam-leichte Counterstimme

Doch bis bei Bellezza der Groschen fällt, dauert es zweieinhalb Stunden. Das kann sich in die Länge ziehen, aber: Die bunte Inszenierung von Carsen sowie die flotte Choreografie von Rebecca Howell und die Originalklangtruppe Les Musiciens du Prince-Monaco unter der Leitung von Gianluca Capuana straffen das Tempo - jedenfalls gefühlt. Noch dazu glänzt Petit mit ihrem ausdrucksstarken, hellen Sopran, und die biegsam-leichte Counterstimme von Zazzo sorgte ebenfalls für süße Schauer über den Rücken. Ob man hingegen heute die Rolle von Il Piacere unbedingt von einer Frauenstimme hören möchte, darüber lässt sich streiten.

In Zeiten, in denen Countertenöre längst Kastratenpartien zurückerobern oder sich mühelos Hosenrollen aneignen, wirkt diese Besetzung etwas altbacken. Dafür aber gelingt es Bartoli, aus der bekannten Arie "Lascia ch'io pianga" eine berührende Klage erwachsen zu lassen. Händel hat sie auch in den Opern "Almira" und "Rinaldo" verarbeitet. Auf der Premiere ließ Bartoli die Arie in Zeit und Raum atmen, atmosphärisch dicht und vieldeutig. Das ist ihre große Kunst.

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